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Annäherung an die Kröten: Magnolia enblättert

Gestern kam bekanntlich Paul Thomas Anderson’s „Magnolia“ auf arte, was ich mir auf keinem Fall entgehen lassen wollte, da der Krötenregen mir diesen Film bisher erfolgreich verrätselt hatte. Bis gestern dachte ich, der Krötenregen sei eine Art Klammer, welche die verschiedenen Episoden oder Stränge zusammenbindet wie einen Strauß Blumen, ähnlich wie das Erdbeben in Robert Altman’s „Short Cuts“ oder das Radio in Woody Allen’s „Radio Days“; was vielleicht auch nicht ganz falsch ist. Seit gestern jedoch bin ich dem Phänomen des Krötenregens, zumindest meine ich das, etwas näher gekommen, daher hier mein Lösungsansatz:
Zunächst muss ich etwas ausholen. Im Zentrum der Erzählung steht die Gameshow „What do kids know?“, in welcher Erwachsene gegen Kinder antreten. Diese Show steht paradigmatisch für den Konflikt zwischen Erwachsenen und Kindern, der in jeder Episode aufgegriffen wird (das Filmposter gibt das gut wieder; sämtliche Episoden gehen als Blütenblätter von einem Kern ab, der die Game Show ist). Fernsehproduzent Earl Partridge hat mit seinem Sohn Frank T.J. Mackey gebrochen (oder andersherum), Gleiches tut Claudia Wilson Gator nach einem Missbrauch mit ihrem Vater, dem Moderator Jimmy Gator, der ehemalige Kinderstar Donnie wurde von seinen Eltern lediglich als Goldesel betrachtet und ist nun pleite und allein, sein Nachfolger Stanley wird ebenfalls von seinem Vater schickaniert und der Polizist Jim Kurring nimmt einem Jungen nicht als Zeugen ernst, worauf dieser später auf ihn schießen wird. Das all diese Stränge bündelnde Motiv ist die Fernsehshow, an welcher in jeder Episode jemand teil nimmt, teil hat, teilgenommen hat. Weiter bündelt die Übertragung selbiger Sendung die Episoden – man kann also sagen, der Fernseher/die Fernsehshow ist für „Magnolia“ das, was das Radio für „Radio Days“ ist: ein Leitmotiv und Episodenkleister. Der Film hat also schon eine Klammer, wie sie in „Short Cuts“ das Erdbeben (die Hubschrauber nicht zu

vergessen) leistet, was also soll der Krötenregen? Nun ja, was genau geschieht vor dem Regen. Claudia will den guten Jim nie wieder sehen, ihr Vater gesteht der Mutter den Missbrauch der gemeinsamen Tochter, Linda Patridge versucht sich das Leben zu nehmen, während ihr Ehemann die Aussprache mit dem verlorenen Sohn am Sterbebett in seiner Apathie verpasst und der sympathische Donnie leert den Tresor seines ehemaligen Arbeitgebers und bricht auch noch den Schlüssel ab, kann also den Bruch nicht mehr ungeschehen machen. Zusammengefasst: Katastrophe, das klassische Ende der Tragödie. Nach dem Krötenregen lösen sich einige der Katastrophen zumindest teilweise: Claudia und ihre Mutter finden wieder zusammen, ebenso Claudia und Jim, Earl erwacht an seinem Sterbebett und sieht seinen Sohn, es wird deutlich das Linda’s Suizidversuch gescheitert ist und Donnie macht mit Jim’s Hilfe seinen Einbruch ungeschehen. Selbst Jimmy’s Suizid verhindert eine herabfallende Kröte. Sämtliche Katastrophen würden durch die Ereignisse nach dem Regen in der Ordnung des klassischen Dramas von der Katastrophe zurückgestuft zum retardierenden Moment, Anderson’s Kniff mit dem Krötenregen dagegen schafft ein würdevolles happy end, welches das Leid der Figuren in ihrer Glaubwürdigkeit nicht degradiert, indem das versöhnliche Ende fein säuberlich abgetrennt wird – durch die plötzlich herabfallenden Kröten. Weiter findet eine Gleichsetzung von Fernsehen und Krötenregen statt. Einerseits durch den gebannten Blick plus offenem Mund, mit dem der Pfleger beiden Phänomenen begegnet, und der Spiegelung in Claudia’s Fernseher. Die Kröten, welche Jimmy’s Selbstmord verhindern, schlagen ebenfalls den Stecker seines Fernsehgeräts aus der Steckdose – der Krötenregen suspendiert also auch das Fernsehen, die Quelle des Konflikts zwischen Erwachsenen und Kindern und mit diesem motivisch verbunden („What do kids know?“), was eine Aufarbeitung nach dem Regen einleitet (passenderweise fabuliert Jim übers „Verzeihen“). Die Gleichsetzung von Krötenregen mit Fernsehen lässt sich meiner Meinung folgendermaßen verstehen: Das Fernsehen mit seiner Game Show ist ein Glücksversprechen, welches im Film jedoch bei sämtlichen Beteiligten das Gegenteil bewirkt. Die regnenden Kröten versprechen ebenfalls Besserung, sind allerdings genauso mediales Bild wie die Game Show, was des Films letzte Einstellung unterstreicht, in der Claudia den Zuschauer direkt und wissend anlächelt. Ein plötzlicher Krötenplatzregen, so die Aussage, ist ähnlich wahr wie das Glücksversprechen der (Fernseh-)Bilder. Denn ebenso wie der Regen narratologisch ein deus ex machina, ein Eingriff von oben (so macht auch das Bibelzitat, auf welchem der Wikipediaartikel rumreitet, sinn) ist, so sind auch die Bilder Götter aus der Maschine, aus der Maschine Fernsehen.
(Jetzt habe ich es leider tatsächlich fertiggebracht, kein einziges Mal Jon Brion zu erwähnen. Weitere Texte zum Film findet ihr hier und hier.)

Wem’s die Zeit schlägt – Buck/Herzog

Vor einiger Zeit las ich ein Interview mit Detlev Buck in der Zeit, in welchem der Regisseur eine bemerkenswerte Äußerung vom Stapel ließ: „Wenn ich mir einen Film ansehe, drehe ich auch manchmal den Ton weg und schaue, ob ich ihn dann noch begreife. Wenn ich ihn nicht mehr begreife, dann ist er nicht präzise gemacht.“ Zugegeben, dies ist eine sehr handwerkliche Feststellung die sich anfechten lässt. Sicherlich finden sich zahllose Beispiele die den audivisuellen Charakter des Films hervorheben, dennoch: selbst bei Videoclips oder Ruttmann’s Symphonie einer Großstadt affiziert das Bild den Rhythmus der Musik. Buck scheint also nicht Unrecht zu haben, und auch ich sehe meine These vom Primat des Auges bestätigt, die schon am Ende des letzten Posts mitschwang. Wer jetzt meint, mit Derek Jarman’s Blue (siehe unten) einen Gegenbeweis führen zu können, wird sich eingestehen müssen, dass dieser Film (1) eine Sonderstellung einnimmt, (2) dennoch das Primat des Bildes enthält, denn der Titel verweist uneindeutig auf Visuelles und (3) der monochrome Schirm kann als negative Referenz auf eben dieses Primat oder eben des Regisseur’s Verlust des Augenlichts verstanden werden. Blue ist eben deswegen kein Hörspiel sondern Film, weil der Verlust des Auges im Zentrum dieser Arbeit steht. Ein schmerzlicher Verlust für jemanden, dessen Beruf war zu sehen und sehen zu lassen. (Weitere Filme über das Blindwerden sind von Trier’s Dancer in the Dark, Blind und eine bewegende Szene in Schmetterling und Taucherglocke von Julian Schnabel, um nur einige zu nennen).

Mit Werner Herzog gab ein deutscher Regisseur ganz anderer Kragenweite demselben Blatt ein Interview für die heutige Ausgabe, welches ebenfalls Anstöße gibt: „Für mich ist Los Angeles die amerikanische Stadt mit der größten Substanz. Ich meine natürlich nicht die reine Oberfläche, den Glitz und den Glamour von Hollywood. Aber alle wichtigen Trends des vergangenen Jahrhunderts kommen aus Kalifornien: die kollektiven Träume im Kino weltweit. Die Tatsache, dass Homosexuelle als integraler Bestandteil einer Gesellschaft anerkannt werden. Die Computertechnologie. Die großen Internetinnovationen. Und im Übrigen auch die Dummheiten wie Hippie und New Age. Es gibt nur zwei Ausnahmen. Die grüne Bewegung kommt eher aus Skandinavien. Und der islamische Fundamentalismus kommt auch nicht aus Kalifornien.“ Vieleicht ist es mehr ein persönlicher Eindruck, allerdings hatte ich bisher das Gefühl, Kalifornien würde in Europa eher wegen seiner „Dummheiten“ wahrgenommen. Doch man muss Herzog bestätigen, Kalifornien ist der Leitwolf westlicher Kultur, alle anderen bloß Rudeltiere.
Ein weiteres Zitat finde ich ebenfalls wert hervorzuheben: „Ursprünglich war das Drehbuch für New York geschrieben. Dann wurde aus verschiedenen Überlegungen sehr schnell New Orleans gewählt. Mir war sofort klar, dass man möglichst kurz nach dem Hurrikan Katrina drehen musste. Ich wollte eine Stadt zeigen, die nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich zerstört ist. Und natürlich hat mich die Parallele von innerer und äußererLandschaft interessiert.“ Herzog der alte Romantiker muss natürlich wieder Entsprechungen für seine Seelenlandschaften finden. Gemeint ist natürlich Herzog’s aktueller Film, Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen, mit Nicolas Cage als austickendem Cop. Warum, habe ich mich hier gefragt, ist das Post-Katrina New Orleans so anziehend für Filmemacher und lässt sich so einfach filmisch vereinnahmen? Auch Fincher’s Benjamin Button ist dort angesiedelt und erweitert die Short Story Fitzgerald’s deswegen um eine Erzählebene. Ich hoffe, ihr seid für’s erste ausreichen querverwiesen.