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Höher, weiter, schneller – tot!

Mit dem Georgier Nodar Kumaritaschwili hat die Geschichte der Olympischen Winterspiele seinen ersten Toten zu beklagen. Der 21-jährige Rodler verlor bei Tempo 144 die Kontrolle über sein Gefährt und prallte gegen einen Stahlträger. Der Tod kam live und in Farbe. In der taz lesen wir, die Rodelbahn „in Whistler ist die schnellste der Welt, sie weist das größte Gefälle aller 16 existierenden Eisrinnen auf. Vor den Spielen wurde mit derlei Daten geworben, auch mit dem Geschwindigkeitsrekord des Deutschen Felix Loch, der in der Spitze mit 154 Kilometern pro Stunde unlängst zu Tal gerast war. Für die Winterspiele waren Geschwindigkeiten von über 155 Stunden-

kilometern angekündigt worden, woraufhin selbst Weltverbands-Präsident Joseph Fendt mahnte: „Die Bahn ist zu schnell. Wir hatten sie für maximal 137 Stundenkilometer geplant. Aber sie ist fast 20 Stundenkilometer schneller. Wir sehen das als Planungsfehler.
“ Das deutsche Ingenieurbüro Udo Gurgel spielt den Ball zurück, man habe den Auftrag gehabt, eine richtig schnelle Bahn zu entwerfen. Auch Raimund Bethge, Cheftrainer der deutschen Bob- und Skeletonfahrer, wütete: „Alle Fachleute, die von Anfang an mit der Bahn zu tun hatten, haben vor der hohen Geschwindigkeit gewarnt“. Nicht, dass an dieser Stelle jede Tagesaktualität mitbuchstabiert werden soll, doch dieser Fall sprach mich an, da er deutliche Parallelen zu „Die Ekstase des Bildschnitzers Steiner“ des unvermeidlichen Werner Herzog aufweist. Diese fünfzigminütige Doku verfolgt den Skispringer Walter Steiner – für den Regisseur der besten Skispringer aller Zeiten –, um den Traum des Fliegens, auch um den Preis des Absturzes, zu ergründen. Herzog ist bekannt für unmittelbar verständliche Bilder von poetischer Kraft, man denke an das Schiff überm Berg, und hier findet er es in der Zeitlupe des Skifliegens – ein Bild, dessen Faszination man sich wirklich schwer entziehen kann, wie ich jährlich während der Vierschanzentournee bemerke. Schöne Aufnahmen von Vogelschwärmen runden den Film ebenso ab wie Steiners Erzählung seines angenommenen Raben, den er großzog, ihn aber erschießen mußte, da er das Fliegen nicht lernte. Steiners Bildhauerei findet im Film selbst wenig Berücksichtigung, ist aber meiner Meinung nach gerade deswegen bedeutend, eben weil Steiner in der Verlangsamung selbst zum Bild wird. Die englische Übersetzung als sculptor oder woodcarver ist da wenig treffend. Doch zurück zu Kumaritaschwili. Steiner wird im Film nach seinem annulierten Weltrekordsprung von 177(!) Metern (annuliert, da er den Sprung nicht stehen konnte) von den Verantwortlichen in Planica unsanft gedrängt, diese Weite zu wiederholen, obwohl

dieser unter Lebensgefahr schon am Ende des Gefälles, fast in der Ebene gelandet war. Trotz mehrfacher Hinweise des Athleten wurde der Anlauf nicht verkürzt, die Rampe schneller gemacht, so dass Steiner schlussendlich eigenmächtig den Anlauf verkürzte. Die Moral von der Geschicht ist ähnlich wie im Falle Kumaritaschwili, dass nämlich Funktionäre für neue Rekorde bewußt das Leben der Athleten auf Spiel setzen. Das Problem und der feine Unterschied zu den Olympischen Spielen der Antike ist vielleicht, dass der Gegner kein menschlicher Gegenüber mehr ist, sondern die Maß- oder Zeiteinheit. Usain Bolt bspw. rennt nicht mehr gegen andere Läufer, lediglich die verrinnende Zeit versucht er abzuhängen. Durch dieses System kann jede Olympiade messbare, also vermeintlich objektive Rekordzahlen vermelden, einem börsennotierten Unternehmen ganz ähnlich. Und ähnlich wie bei solchen Unternehmen stehen Erfolgszahlen immer Verlierer gegenüber. Nodar Kumaritaschwili ist einer von ihnen. Wie wichtig numerische Superlativen dem Olympischen Komitee sind, zeigt das Bemühen um die schnellste Bahn. Eine Sportart, die keine Welt-, sondern lediglich Bahnenrekorde kennt, da die Bahnen untereinander nicht vergleichbar sind, versucht über die Durchschnittsgeschwindigkeit eine wettbewerbsübergreifende Konkurrenz einzurichten, eben um neue Rekorde zu produzieren! Die Spiele sind nicht mehr Spiel (nach Caillois), sondern unterminiert von der Wirtschaft entlehnter Zweckgebundenheit. Die Sehnsucht nach größeren Zahlen hat ebenfalls den Kollaps der Weltwirtschaft vor einiger Zeit ausgelöst, welche ihr Epizentrum im amerikanischen Immobilienmarkt hatte. Timothy Egan von der Times hat die Auswüchse numerischer Spekulationen realiter besucht und kommt zum wenig überraschenden Schluß: Nobody is home in the cities of the future. In seinem Bericht über die Verslumung Zentralamerikas zitiert er einen Betroffenen,

der leider keine Ökonomieprofessur innehat, mit den Worten „growth for the sake of growth is the ideology of the cancer cell.” Man beachte die Verknüpfung von Wachstum und Tod, die Walter Steiner beinahe, sicher aber Nodar Kumaritaschwili und die Wirtschaftskrise syntagmatisch verbindet. Egan bietet allerdings auch einen Lösungsvorschlag an, jene von den Neoliberalen so verhassten Restriktionen. „[L]ook at the cities with stable and recovering home markets. On this coast, San Francisco, Portland, Seattle and San Diego come to mind. All of these cities have fairly strict development codes, trying to hem in their excess sprawl. Developers, many of them, hate these restrictions. They said the coastal cities would eventually price the middle class out, and start to empty. It hasn’t happened. Just the opposite. The developers’ favorite role models, the laissez faire free-for-alls — Las Vegas, the Phoenix metro area, South Florida, this valley — are the most troubled, the suburban slums. Come see: this is what happens when money and market, alone, guide the way we live. “ Mit Las Vegas ist eben der Ort betroffen, der paradigmatisch für die Perversion des Spiels, seine unheilige Allianz mit dem Kapital steht. Die Revolution frisst ihre Kinder, Olympia könnte das nächste Opfer sein, daher sei Jacques Rogge, Josef Ackermann und ihren zahllosen Jüngern Ferreris schneidige Meditation über Masslosigkeit ,“Das große Fressen“, sowie ein Schuss mehr Genügsamkeit anempfohlen.

Schamanenstätte Hollywood?

Zu den vielen meine Kompetenzen weit überschreitenden Äußerungen über Bilder an sich gesellt sich mit diesem Beitrag eine weiterer. Nicht, dass hier noch tiefer in die Untiefen der Theorie gestiegen werden soll, diesmal treten wir einen Schritt zurück.
In den Extras zum Werner Herzog-Film „Auch Zwerge haben klein angefangen“ fand sich der Dokumentarfilm „Die fliegenden Ärzte Ostafrikas“, eine Reportage über die Arbeit von fliegenden Ärzten in … ihr wisst schon. Etwas moralinsäuerlich („Sie sehen hier keinen Beweis für die Dummheit der Afrikaner…“) kam er daher, beschäftigt sich allerdings zu ungefähr einem Drittel mit einer ganz anderen Thematik; Entwicklungshelfer im weitesten Sinne beschreiben hier ihre Erfahrungen mit der großen Irritation, die Bilder bei Teilen der Afrikanern hervorrufen. Eine Ärztin erläutert, wie ein vergrößertes Bild einer Fliege macht, dass sie als ein anderes Tier erkannt wird. Ein vergrößertes Auge dagegen wird mehrheitlich garnicht mehr erkannt. Das bedeutet: Diese Menschen sehen anders, Enkulturation muss also unbedingt ein Faktor sein, wenn es die Frage „Was ist ein Bild?“ zu klären gilt. Mich würde interessieren, wie Mary Trainor-Brigham

mit diesem Problem umgeht, hat sie doch schon vor einiger Zeit eine Arbeit mit dem bemerkenswerten Titel „Deep Cinema. Film as Shamanic Initation“ veröffentlicht. Bisher konnte ich noch keinen Blick hineinwerfen, da keine deutsche Bibliothek das Buch führt. Auch wenn ich Schlimmes befürchte (was Trainor-Brigham bspw. über Shakespeare sagt auf den paar Seiten, die man bei Amazon probelesen kann, ist dezent schockierend), halte ich die dem Buche zugrunde liegende Idee für durchaus plausibel. Filme sind, wie bestimmte Riten, Strategien der Welterklärung. Und das Film und Initiation zusammen gehören, manifestiert sich durch Altersbegrenzungen bestimmter Filme sowie deren Übertretung als Mutprobe, z.B. mit Horrorfilmen. Auch stoßen Filmemacher auch immer wieder bewusst in die Lücke, die durch das Verschwinden der Schamanen entstanden ist. Ein Beispiel ist sicher Herzog’s unzugängliche „Fata Morgana“, eine Art Schöpfungsmythos, aufgeteilt in die Schöpfung, Paradies und Goldenes Zeitalter. Auf der Tonspur finden sich Erzählungen, die in Inhalt und Duktus an Schamanen erinnern, allerdings übernimmt mehr und mehr Musik den Audiokommentar, was einer Annäherung an herkömmliche filmische

Narration gleichkommt und daher vielleicht als Transformation der schamanischen Erzählung in Film verstanden werden kann. Allerdings steht das Bild oft ironisierend konträr zur Tonspur, zeigt verendete Vehikel und Tiere in der Schöpfung, was zusammen mit dem exponentiellen (Fata Morgana!) Charakter des Films ein durchaus ambivalentes Erklärungsmodell für die Welt produziert. Oder sogar: Eine Erklärung, eine mögliche Metanarration scheitern lässt, sie als Trugbild entwirft. Diese These würde auch durch den Umstand gestärkt, dass in „Die fliegenden Ärzte Ostafrikas“ die Herabstufung schamanistischer Medizin durch westliche Ärzte nicht, wie vielleicht erwartet, von Herzog auf der Audiospur angegriffen wird.
Beispiel Nummer Zwei ist Baz Luhrmann’s „Australia“ mit Kid- und Jackman in den Hauptrollen. Schaut man den Film, fällt relativ schnell die postproduktive Farbfülle Luhrmann‘s digitalen Australiens auf – eine nicht unerhebliche Beobachtung. Der Film proklamiert einen Wachwechsel vom Schamanismus zu Hollywood durch raffinierte Motivverschränkung politisch korrekt inszeniert, jedoch widerlich. Der Film beginnt in einer rauen Welt. Zwar in Farbe sieht der Zuschauer eine Welt in Schwarz-Weiß, praktizierter Rassismus trennt Aborigines und Weiße. Lady Sarah Ashley (Kidman) praktiziert diesen offenen Rassenwahn anfänglich, wird aber durch den aufgeklärten Drover (Jackman), vor allem aber durch den ach so süßen Mischling Nullah, den sie später adoptiert, für ein offeneres Weltbild begeistert. Wir haben also diese kuschelige, verschieden stark pigmentierte – Kidman ganz weiß, Jackman gebräunt, Nullah tiefbraun – Patchworkfamilie, deren Charakter in einem tollen Bild, drei verschiedenfarbige Arme ineinander verschlungen, eingefangen wird. Eine weitere zentrale Szene befindet sich zeitlich etwas davor, darin besucht der geweißte Nullah (Schwarzen wurden Kinobesuche untersagt) eine Filmvorführung (war es sogar „Der Zauberer von Oz“? Mein Erinnerungsvermögen lässt mich im Stich.), schaut gebannt Hollywood ins Auge ohne dabei zu bemerken, dass einsetzender Regen seine wirkliche Hautfarbe freilegt. Unmissverständlich wird hier die Trennung von Schwarz und Weiß hin zu einer bunten (der Mischling als neues Paradigma) Welt eingeleitet, bemerkenswerterweise durch das teilweise heute noch schwer rassistische



Hollywood. Der technischen Innovation des Technicolor wird an diesem Punkt eine politische Liberalität unterstellt, was schlichtweg dreist ist und an allen Tatsachen vorbei geht. Der Dreh hin zum Schamanismus erfolgt ebenfalls über die Farbe, der kleine Nullah ist nämlich nicht allein kinobegeistert, sondern obendrein direkter Nachfahr des Schamanen King George (übrigens das schwarze Pendant zum gierigen Rinderking Carney, der das Ende des Films nicht mehr erlebt), der ihn in die Geheimnisse der Songlines einführt. Nullah bringt im Film beides zusammen und integriert „Over the Rainbow“, den Soundtrack von Oz, in eine Songline; Luhrmann unternimmt damit eine krasse Trivialisierung der Songlines, die neben dem vollständigen Mythenschatz der Aborigines u.a. auch topologische Daten enthalten – nachzulesen in Bruce Chatwin’s lesenswertem Buch „Traumpfade“.
Hollywood dringt mit „Australia“ alsoganz deutlich in die Lücke des Schamanismus und installiert sich als Erklärungsmodell, arrogant ohne jegliche Selbstzweifel, wie man sie bei Herzog noch finden konnte. Umgekehrt scheint in Kulturen mit intakter schamanischer Tradition (ein Schamane kommt in der Doku vor) jegliches Verständnis für Bilder zu fehlen, also unnötig zu sein. Mal sehen was Mary Trainor-Brigham zur Materie zu sagen hat.

Wem’s die Zeit schlägt – Buck/Herzog

Vor einiger Zeit las ich ein Interview mit Detlev Buck in der Zeit, in welchem der Regisseur eine bemerkenswerte Äußerung vom Stapel ließ: „Wenn ich mir einen Film ansehe, drehe ich auch manchmal den Ton weg und schaue, ob ich ihn dann noch begreife. Wenn ich ihn nicht mehr begreife, dann ist er nicht präzise gemacht.“ Zugegeben, dies ist eine sehr handwerkliche Feststellung die sich anfechten lässt. Sicherlich finden sich zahllose Beispiele die den audivisuellen Charakter des Films hervorheben, dennoch: selbst bei Videoclips oder Ruttmann’s Symphonie einer Großstadt affiziert das Bild den Rhythmus der Musik. Buck scheint also nicht Unrecht zu haben, und auch ich sehe meine These vom Primat des Auges bestätigt, die schon am Ende des letzten Posts mitschwang. Wer jetzt meint, mit Derek Jarman’s Blue (siehe unten) einen Gegenbeweis führen zu können, wird sich eingestehen müssen, dass dieser Film (1) eine Sonderstellung einnimmt, (2) dennoch das Primat des Bildes enthält, denn der Titel verweist uneindeutig auf Visuelles und (3) der monochrome Schirm kann als negative Referenz auf eben dieses Primat oder eben des Regisseur’s Verlust des Augenlichts verstanden werden. Blue ist eben deswegen kein Hörspiel sondern Film, weil der Verlust des Auges im Zentrum dieser Arbeit steht. Ein schmerzlicher Verlust für jemanden, dessen Beruf war zu sehen und sehen zu lassen. (Weitere Filme über das Blindwerden sind von Trier’s Dancer in the Dark, Blind und eine bewegende Szene in Schmetterling und Taucherglocke von Julian Schnabel, um nur einige zu nennen).

Mit Werner Herzog gab ein deutscher Regisseur ganz anderer Kragenweite demselben Blatt ein Interview für die heutige Ausgabe, welches ebenfalls Anstöße gibt: „Für mich ist Los Angeles die amerikanische Stadt mit der größten Substanz. Ich meine natürlich nicht die reine Oberfläche, den Glitz und den Glamour von Hollywood. Aber alle wichtigen Trends des vergangenen Jahrhunderts kommen aus Kalifornien: die kollektiven Träume im Kino weltweit. Die Tatsache, dass Homosexuelle als integraler Bestandteil einer Gesellschaft anerkannt werden. Die Computertechnologie. Die großen Internetinnovationen. Und im Übrigen auch die Dummheiten wie Hippie und New Age. Es gibt nur zwei Ausnahmen. Die grüne Bewegung kommt eher aus Skandinavien. Und der islamische Fundamentalismus kommt auch nicht aus Kalifornien.“ Vieleicht ist es mehr ein persönlicher Eindruck, allerdings hatte ich bisher das Gefühl, Kalifornien würde in Europa eher wegen seiner „Dummheiten“ wahrgenommen. Doch man muss Herzog bestätigen, Kalifornien ist der Leitwolf westlicher Kultur, alle anderen bloß Rudeltiere.
Ein weiteres Zitat finde ich ebenfalls wert hervorzuheben: „Ursprünglich war das Drehbuch für New York geschrieben. Dann wurde aus verschiedenen Überlegungen sehr schnell New Orleans gewählt. Mir war sofort klar, dass man möglichst kurz nach dem Hurrikan Katrina drehen musste. Ich wollte eine Stadt zeigen, die nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich zerstört ist. Und natürlich hat mich die Parallele von innerer und äußererLandschaft interessiert.“ Herzog der alte Romantiker muss natürlich wieder Entsprechungen für seine Seelenlandschaften finden. Gemeint ist natürlich Herzog’s aktueller Film, Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen, mit Nicolas Cage als austickendem Cop. Warum, habe ich mich hier gefragt, ist das Post-Katrina New Orleans so anziehend für Filmemacher und lässt sich so einfach filmisch vereinnahmen? Auch Fincher’s Benjamin Button ist dort angesiedelt und erweitert die Short Story Fitzgerald’s deswegen um eine Erzählebene. Ich hoffe, ihr seid für’s erste ausreichen querverwiesen.