Tag-Archiv für 'verfall'

„Ist doch alles Geschichte – lass den Scheiß!“

Auch auf die Gefahr hin, das Verfallen architektonischer Schmuckstücke in diesem Blogs zu überreizen, beschäftigt dieser Beitrag sich mit einem faszinierenden und dabei sehr deutschen Architekten, der nie so ganz in der Champagnerklasse des Bauwesens angekommen ist – die Rede ist von Ulrich Müther. Seine Gebäude standen der ostdeutschen Platte diametral entgegen, doch eben dies kam ihrer Realisierung entgegen, wollten die Bauämter der DDR doch auch Kontrapunkte zur urbanen Uniformierung setzen. Doch nicht in einem Teil Deutschlands allein setzte Müther Maßstäbe, seine Architektur war einer der wenigen Exportschlager der Republik; zusammen mit seinen „Pommerschen Bauernsöhnen“ baute Müther gegen Devisen auf der ganzen Welt. In der Folge der Wiedervereinigung ging Müther’s Firma insolvent, und auch seine Gebäude wurden mit Liebesentzug belegt. Das prominenteste Beispiel dafür ist wohl das „Ahornblatt“ in Berlin, welches um die Jahrtausendwende eingestampft wurde. Die Regisseurin Margarete Fuchs hat 2002 einen vom Goethe-Institut ausgezeichneten Dokumentarfilm mit dem Titel Für den Schwung sind Sie zuständig geschaffen,
der Müther und Konsorten aus dem Schlagschatten der Vergessenheit zerren soll. Besonders gelungen daran ist der Umstand, dass neben Müther auch seine Angestellten Martin Haase, Helmut Neudert und Horst Baeckert (in der Folge nur noch Martin, Helmut und Horst) ordentlich Redeanteile haben, schließlich zeigt sich ja nicht der Architekt allein für einen Bau zuständig. Komplettiert wird das Personenverzeichnis durch den Architekturkritiker Wolfgang Kil, der mit ordentlich Berliner Schnauze Leben und Wirken Müther’s sinnig kommentiert. Im Ergebnis bleibt ein Film, der über ein simples Architektenportrait hinaus geht. Die lokale Verwurzelung, die Müther zeitlebens betont hat, wird ebenso heraugearbeitet wie die besondere historische Situation, in welcher seine Bauten entstanden sind. Besonders schön ist der Mix aus historischen und aktuellen Aufnahmen, sowie Photos und Filmen von Horst, dem Archivar der Kolonne. Diese Mischung wird allerdings nicht unmittelbar verabreicht, sondern schön kommentiert von Horst, Helmut und Martin, was dem Film absolut zuträglich ist und ihn irgendwo zwischen Architektendoku, Geschichtsfilm, Gesellschaftsportrait und Opa-erzählt-von-früher situiert. Wolfgang Kil erklärt auch am Ende noch, warum der inzwischen verstorbene Müther so traurig Kucken musste, als er sein Kinderferiendorf auf Rügen besichtigte: „Es ist etwas schwierig, sie (d. i. die Gebäude) heute zu bespielen. Sie waren auf einen anderen Bedarf zugeschnitten, den es so nicht mehr gibt.“
Den Film immerhin gibt’s, und zwar hier in voller Länge zu sehen.

Verfall und Form. Scharounschule in Marl vergammelt

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Am kürzlich begangenen „Tag des Denkmals“ startete die anthroposophische Christengemeinschaft Bochum einen Spendenaufruf für ihre Johanneskirche. Einige Verfallserscheinungen an der 1966 erbauten Kirche machen Renovierungsarbeiten nötig, heißt es, zu nichts Geringerem als dem „Erhalt der Johanneskirche“ wurde aufgerufen. Wenn auch Aufruf und Renovierung nicht ohne Berechtigung sind, so scheinen doch die Maßnahmen überzogen im Verhältnis zu einem nicht wesentlich älteren Bau des Architekten Hans Scharoun. Die Rede ist scharoun2 von der Haupt- und Grundschule Marl, inzwischen Scharounschule, wobei die Umbenennung allenfalls scheinbar einer Ehrbezeugung des Architekten geschuldet ist, sondern vielmehr ihren Grund in der Verweisung des Gebäudes hat – die Scharounschule ist heuer weder Haupt- noch Grundschule. Zwar rühmt die Stadt Marl auf ihrem Internetauftritt den Bau als „Meisterwerk der Moderne“ und zählt ihn zu den scharoun3 „bedeutenden Neubauten in Marl nach dem 2. Weltkrieg“, Gelder pumpt sie allerdings nicht in ihn. Nun hat Marl, eine Druckstelle an der Grenze von Ruhrgebiet und Münsterland, seit der Übernahme der Hüls AG durch die Degussa finanziell wenig bis keinen Handlungsspielraum, rutscht viel mehr von einer Haushaltssperre in die nächste. Dennoch, große Teil der Verwahrlosung anheim fallen zu lassen scheint Teil einer hartnäckigen Aussitztaktik zu sein, die selbst dem dicksten Oggersheimer aller Zeiten Ehre gemacht hätte. Verzögerte Sanierungen haben die scharoun4 Kosten inzwischen unnötig in die Höhe getrieben, zusätzlich argumentiert man inzwischen mit dem demographischen Wandel, der eine der vielen Grundschulen unnötig mache. Dem kann man zustimmen, was jedoch in der Konsequenz keine Aufgabe des Gebäudes nach sich ziehen muss. Zurzeit beheimatet die Scharounschule keine Klassen, und das wird sich – schade oder nicht – auch nicht mehr ändern. Trotzdem sollte es möglich sein, Konzepte zur sinnvollen Nutzung des Gebäudes zu entwickeln, welche die gegenwärtige Nutzung durch Musikschule und ein offenes Atelier mit dem sinnigen Namen TuDu durch Abend- und Volkshochschulkurse, vielleicht sogar Büroräume ergänzt. Leider gelingt dies einem eigens gegründeten Initiativkreis nicht im Geringsten, der sich nach wie vor an einen Erhalt im Sinne der scharounschen Raumpädagogik klammert.
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Der Knackpunkt bleibt in jedem Fall die Finanzierung eines irgendwie gearteten Sanierungskonzeptes, da durch fehlende Ideen auch der Zugang zu den Fleischtöpfen des Ruhrgebiets 2010 verschlossen blieb. Ehemalige Scharounschüler und Architekturfreunde, die mit Hand und Geld helfen, sollte es dennoch genug geben, nicht zuletzt, da seitens des Bundes Deutsche Architekten für den Erhalt geworben wird. Union Berlin hat’s erst kürzlich vorgemacht, und die „Alte Försterei“ mit viel Schweiß und wenig Geld saniert; vielleicht ein Modell für den scharoun6 Initiativkreis Scharoun-Schule. Dort fehlt es aber zunächst an Elementarem wie Öffentlichkeitsarbeit. Eine Website könnte helfen.
Gänzlich ohne Reiz ist ein Streifzug durch das Gebäude im jetzigen Zustand doch durchaus nicht. Vom noch genutzten Eingangsbereich ausgehend erschließt sich die organische Bauweise Scharouns, in dessen Verständnis das Haus als dritte Haut nicht absolut vom Unkulturraum Natur abgegrenzt ist. Asymmetrie, starker Lichteinfall und integrierte Grünanlagen lassen Kultur und Natur im Bauwerk oszillieren. „Das Absolute gestaltet sich durch das Gerade. Maleri und Baukunst sind nach der neuen Ästhetik die konsequente Durchführung einer scharoun7 Komposition des Geraden in einander sich aufhebender Gegenüberstellung, also eine Vielheit der Zweiheit der unveränderlichen, rechtwinkligen Position“.1 Wo Mondrian zurückrechnet auf das Absolute, sucht Scharoun nach einer integrativen Ästhetik. Rechte Winkel sind daher bei ihm mehr Ausnahme den Regel. Durch die Verrottung einiger Flügel verschiebt sich die Oszillation verstärkt zur Natur, die Architektur wird verstärkt organisch. Das ist interessant für’s Auge, aber wohl kaum im Sinne des Architekten. Darum: Erhaltet die Scharounschule!

  1. Mondrian, Piet: Muß die Malerei der Architektur unterlegen sein? In: Jaffé, H.L.C.: Mondrian un De Stijl. Köln 1967, S.187f. [zurück]

Anbei weitere Photos:
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