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Virilio auf Video, im Auto, an der Straße

Seit jeher ist Lokalpatriotismus Kardinaltugend bei der Spex, und so überrascht ihre euphorische Besprechung des Werle & Stankowski -Videos, noch dazu im Remix des Schreibtischvorgängers Hans Nieswandt, wenig. Jedoch, auch mich hat das Video von Johannes Guerreiro vollends überzeugen können, wird doch die Filmtheorie Virilio’s konsequent und humorvoll angewandt. Im Kern versteht sich Virilio’s Theorie, obwohl

DRIVE-BY COLOGNE from Johannes LDC Guerreiro on Vimeo.

anekdotisch unheimlich verstellt und aufgeblasen, als Analogie von Film und motorisierter Bewegung. Film als auch motorisierte Fortbewegung in Auto oder Zug kombiniert Auge und Motor, was eine Beschleunigung der Bilder nach sich zieht. Im Film werden die Bilder der Filmrolle beschleunigt, im Auto/Zug die Bilder der Außenwelt. Dass diese Analogie mit digitalen Filmtechniken nicht greift, Virilio’s Theorie dennoch nicht kollabiert, da anderweitig abgesichert, ist hier nur eine Randnotiz (lässt sich aber nachlesen in der „Ästhetik des Verschwindens“). Guerreiro jedenfalls beschleunigt das Bild simultan zu verschiedenen Spuren des Tracks, biegt auf andere Spuren ab und fährt eine Weile auf diesen mit, was in den Tonspuren eine Topologie analog zu der des Kölner Verkehrsnetzes entstehen lässt. Bravo! Jedoch nochmal flugs zurück zu Virilio: Das unsere Sicht aus beschleunigten Vehikeln anders (um Adjektive wie virtuell, fiktional, etc. zu vermeiden), vom Blick minus Motor stark divergierend und daher eher dem Film nahe ist, wurde mir beim durchblättern des Photobands „Autobahn“ bewusst. Uschi Hubner, Mitherausgeberin der Zeitschrift Ohio, blickt hier ruhend auf die vorbeiziehenden Fahrzeuge und, wesentlich

bedeutender, auf deren Infrastruktur, die -entschleunigt gesehen- überdimensioniert erscheint. Allein zwei Balken der gestrichelten Fahrbahnlinierung liegen soweit auseinander, dass nur schwer zu glauben ist, hier liege lediglich ein anderer Blick auf eine identische Entität vor. Da fällt mir ein – dieser Perspektivenwechsel enthält ganz neue Aufschlüsselungsmöglichkeiten zu Ursula Meier’s Film „Home“, in dem eine Familie sprichwörtlich im falschen Film ist, als eine Autobahn am trauten Heim entlang rast. Da muss ich wohl nochmal ran.

Schamanenstätte Hollywood?

Zu den vielen meine Kompetenzen weit überschreitenden Äußerungen über Bilder an sich gesellt sich mit diesem Beitrag eine weiterer. Nicht, dass hier noch tiefer in die Untiefen der Theorie gestiegen werden soll, diesmal treten wir einen Schritt zurück.
In den Extras zum Werner Herzog-Film „Auch Zwerge haben klein angefangen“ fand sich der Dokumentarfilm „Die fliegenden Ärzte Ostafrikas“, eine Reportage über die Arbeit von fliegenden Ärzten in … ihr wisst schon. Etwas moralinsäuerlich („Sie sehen hier keinen Beweis für die Dummheit der Afrikaner…“) kam er daher, beschäftigt sich allerdings zu ungefähr einem Drittel mit einer ganz anderen Thematik; Entwicklungshelfer im weitesten Sinne beschreiben hier ihre Erfahrungen mit der großen Irritation, die Bilder bei Teilen der Afrikanern hervorrufen. Eine Ärztin erläutert, wie ein vergrößertes Bild einer Fliege macht, dass sie als ein anderes Tier erkannt wird. Ein vergrößertes Auge dagegen wird mehrheitlich garnicht mehr erkannt. Das bedeutet: Diese Menschen sehen anders, Enkulturation muss also unbedingt ein Faktor sein, wenn es die Frage „Was ist ein Bild?“ zu klären gilt. Mich würde interessieren, wie Mary Trainor-Brigham

mit diesem Problem umgeht, hat sie doch schon vor einiger Zeit eine Arbeit mit dem bemerkenswerten Titel „Deep Cinema. Film as Shamanic Initation“ veröffentlicht. Bisher konnte ich noch keinen Blick hineinwerfen, da keine deutsche Bibliothek das Buch führt. Auch wenn ich Schlimmes befürchte (was Trainor-Brigham bspw. über Shakespeare sagt auf den paar Seiten, die man bei Amazon probelesen kann, ist dezent schockierend), halte ich die dem Buche zugrunde liegende Idee für durchaus plausibel. Filme sind, wie bestimmte Riten, Strategien der Welterklärung. Und das Film und Initiation zusammen gehören, manifestiert sich durch Altersbegrenzungen bestimmter Filme sowie deren Übertretung als Mutprobe, z.B. mit Horrorfilmen. Auch stoßen Filmemacher auch immer wieder bewusst in die Lücke, die durch das Verschwinden der Schamanen entstanden ist. Ein Beispiel ist sicher Herzog’s unzugängliche „Fata Morgana“, eine Art Schöpfungsmythos, aufgeteilt in die Schöpfung, Paradies und Goldenes Zeitalter. Auf der Tonspur finden sich Erzählungen, die in Inhalt und Duktus an Schamanen erinnern, allerdings übernimmt mehr und mehr Musik den Audiokommentar, was einer Annäherung an herkömmliche filmische

Narration gleichkommt und daher vielleicht als Transformation der schamanischen Erzählung in Film verstanden werden kann. Allerdings steht das Bild oft ironisierend konträr zur Tonspur, zeigt verendete Vehikel und Tiere in der Schöpfung, was zusammen mit dem exponentiellen (Fata Morgana!) Charakter des Films ein durchaus ambivalentes Erklärungsmodell für die Welt produziert. Oder sogar: Eine Erklärung, eine mögliche Metanarration scheitern lässt, sie als Trugbild entwirft. Diese These würde auch durch den Umstand gestärkt, dass in „Die fliegenden Ärzte Ostafrikas“ die Herabstufung schamanistischer Medizin durch westliche Ärzte nicht, wie vielleicht erwartet, von Herzog auf der Audiospur angegriffen wird.
Beispiel Nummer Zwei ist Baz Luhrmann’s „Australia“ mit Kid- und Jackman in den Hauptrollen. Schaut man den Film, fällt relativ schnell die postproduktive Farbfülle Luhrmann‘s digitalen Australiens auf – eine nicht unerhebliche Beobachtung. Der Film proklamiert einen Wachwechsel vom Schamanismus zu Hollywood durch raffinierte Motivverschränkung politisch korrekt inszeniert, jedoch widerlich. Der Film beginnt in einer rauen Welt. Zwar in Farbe sieht der Zuschauer eine Welt in Schwarz-Weiß, praktizierter Rassismus trennt Aborigines und Weiße. Lady Sarah Ashley (Kidman) praktiziert diesen offenen Rassenwahn anfänglich, wird aber durch den aufgeklärten Drover (Jackman), vor allem aber durch den ach so süßen Mischling Nullah, den sie später adoptiert, für ein offeneres Weltbild begeistert. Wir haben also diese kuschelige, verschieden stark pigmentierte – Kidman ganz weiß, Jackman gebräunt, Nullah tiefbraun – Patchworkfamilie, deren Charakter in einem tollen Bild, drei verschiedenfarbige Arme ineinander verschlungen, eingefangen wird. Eine weitere zentrale Szene befindet sich zeitlich etwas davor, darin besucht der geweißte Nullah (Schwarzen wurden Kinobesuche untersagt) eine Filmvorführung (war es sogar „Der Zauberer von Oz“? Mein Erinnerungsvermögen lässt mich im Stich.), schaut gebannt Hollywood ins Auge ohne dabei zu bemerken, dass einsetzender Regen seine wirkliche Hautfarbe freilegt. Unmissverständlich wird hier die Trennung von Schwarz und Weiß hin zu einer bunten (der Mischling als neues Paradigma) Welt eingeleitet, bemerkenswerterweise durch das teilweise heute noch schwer rassistische



Hollywood. Der technischen Innovation des Technicolor wird an diesem Punkt eine politische Liberalität unterstellt, was schlichtweg dreist ist und an allen Tatsachen vorbei geht. Der Dreh hin zum Schamanismus erfolgt ebenfalls über die Farbe, der kleine Nullah ist nämlich nicht allein kinobegeistert, sondern obendrein direkter Nachfahr des Schamanen King George (übrigens das schwarze Pendant zum gierigen Rinderking Carney, der das Ende des Films nicht mehr erlebt), der ihn in die Geheimnisse der Songlines einführt. Nullah bringt im Film beides zusammen und integriert „Over the Rainbow“, den Soundtrack von Oz, in eine Songline; Luhrmann unternimmt damit eine krasse Trivialisierung der Songlines, die neben dem vollständigen Mythenschatz der Aborigines u.a. auch topologische Daten enthalten – nachzulesen in Bruce Chatwin’s lesenswertem Buch „Traumpfade“.
Hollywood dringt mit „Australia“ alsoganz deutlich in die Lücke des Schamanismus und installiert sich als Erklärungsmodell, arrogant ohne jegliche Selbstzweifel, wie man sie bei Herzog noch finden konnte. Umgekehrt scheint in Kulturen mit intakter schamanischer Tradition (ein Schamane kommt in der Doku vor) jegliches Verständnis für Bilder zu fehlen, also unnötig zu sein. Mal sehen was Mary Trainor-Brigham zur Materie zu sagen hat.