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Teufelsaustreibung


Das Musikvideo ist eine schnelllebige Kunstform, irgendwo zwischen Werbefilm, plumper Unterhaltung und Spielwiese für junge Regisseure. Natürlich, einige Regisseure haben sich über Musikvideo’s einen Namen gemacht, Spike Jones, Michel Gondry, Jonathan Glazer, sicherlich auch David Fincher. Trotzdem zeigt diese illustre Liste ebenso, dass Regisseure schnell den Absprung machen, wenn sie über einen Zeitraum von 4 Minuten hinaus und ohne dominante Musik erzählen können. Lange Rede, kurzer Sinn – gute Musikvideos sind, gemessen an der Menge produzierter Clips, rar, umso bemerkenswerter ist Toby Dye’s Clip für Massive Attack, „Paradise Circus“.

Massive Attack Paradise Circus from sabakan on Vimeo.

Wie jedes Musikvideo hat auch „Paradise Circus“ zwei Schichten, Bild und Musik, die ineinander greifen. Dise zwei Schichten teilen sich ebenfalls jeweils; die Musik in Text und Musik (eine spitzfindige Aufteilung, die hier nicht weiter von Interesse ist), und das Bild in ein Medley aus Gerard Damiano’s 70erjahre Porno „The Devil in Miss Jones“ und Partikel eines Interviews mit der inzwischen gealterten Hauptdarstellerin Georgina Spelvin. Um die ebenen des Bildes soll es in er Folge gehen, daher noch einige Informationen zu „The Devil in Miss Jones“. Im Unterschied zu Damiano’s bekanntem Vorgängerfilm „Deep Throat“ weißt „The Devil in Miss Jones“ eine für Pornos untypische Plotline auf. Eben jene von Georgina Spelvin gespielte Miss Jones setzt ihrem reinen, unschuldigem und sündenfreien Leben in der ersten Szene ein Ende, woraufhin sie sich an einem Ort wiederfindet, den Dante wohl ein Purgatorium genannt hätte. Hier bekommt sie die Chance, all die zu Lebzeiten verpasste Wollust nachzuholen und


sich nach allen Regeln der Kunst durchknallen zu lassen. Sie nimmt an, und die was den Porno zum Porno macht beginnt: Männer, Frauen, Tiere, Spielzeug. Vollkommen „sexuell erschlossen“ (wie Diane Keaton in „Manhattan“ so schön sagt) und gierig nach mehr kehrt die junge Frau ins Purgatorium zurück und wandert straks, dem unverzeihlichen Suizid sei dank, in die „Hölle“. Diese stellt sich so dar, dass die willige Frau die Ewigkeit eingesperrt mit einem begehrenswerten Mann verbringt, der allerdings kein Interesse zeigt, sie zu befriedigen. Der Stachel der Leidenschaft brennt in ihr, ohne Aussicht auf Linderung. Die wilde Fickerei war, so schön sie auch gewesen ist, schon Teil ihrer Bestrafung.
Toby Dye splittert die Diegese des Films in seinem Video auf, indem er den blühenden Körper, der im Film „erweckt“ und danach „gegeißelt“ wird, im Zustand fortgeschrittener Verwelkung zeigt und, und das ist wahrscheinlich noch bedeutsamer, die Lust als schauspielerische Darbietung erinnern lässt. Mit intelligenter und teilweise auch ironischer („attraction“!) Montage verzahnt der Regisseur das Interview mit seinem Gegenstand, dem Film. Besonders eingängig ist Schnittreihe zwischen der jungen Georgina Spelvin als Miss Jones und der gealterten Schauspielerin. Hier verfällt das konservierte Ideal des jungen Körpers – und mit der Stimulans auch deren Stimulanz! Einen ähnlichen Effekt haben ihre Schilderungen des Filmsets („probably the most unconfortable and humiliating thing I‘ve ever done“zitat). Vielleicht, aber auch wirklich nur vielleicht ist dieser Clip eine Reaktion auf die Verwendung uralter Denkmuster durch Damiano: die besessene Frau, deren Lust (im Gegensatz zu der des


Mannes) verwerflich, die „besessen“ ist. Natürlich, Pornos arbeiten mit eingängigsten Mustern, wollen sie doch schnellstmöglich und breitenwirksam anregen. Der Clip zerlegt diese Mechanismen säuberlich und treibt den Teufel der Hexenjagd aus, indem er das Lustobjekt Körper psychologisiert, den (inzwischen gealterten) Menschen dahinter zeigt. Der Text mag meiner These wiedersprechen, allerdings fällt auf, sieht man genau hin, dass die Musik das Bild subvertiert. Wenn visuell mehrere Orgasmen ablaufen, verharrt die Musik gemächlich in einer Bridge, ein Kontrapunkt einerseits, andererseits aber auch die Entsprechung eines Orgamus‘ nach der Beschreibung Spelvin’s: The point in time that can‘t be measured. Vielleicht auch ein Äußerung, die die Musik von Massive Attack treffend beschreibt, schenkt man Thomas Gross, der am 4.2. in der Zeit die Tracks von MA als „Inseln im Meer der Beschleunigung“ bezeichnete.
Für mich weiter interessant war die Äußerung, dass der Sex vor dem Kameraauge spannend war – eben durch die Kamera. Dies ist definitiv interessant im Zusammenhang mit dem, was Ando Gilardi zur Thematik zu sagen hat.
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