Tag-Archiv für 'sprengelmuseum'

Experimente in Raum: Schwitters, El Lissitzky

Als Wagner in Bayreuth das Festspielhaus als Kathedrale seiner Gesamtkunstwerke bauen ließ, kam der Raum als Dimension endgültig ins synästhetische Kunstwerk. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind Unmengen solch künstlerischer Versuche bekannt, zwei davon sind in Reproduktion im Sprengel Museum Hannover zugänglich: Kurt Schwitters‘ Merzbau und El Lissitzky’s Kabinett des Abstrakten. Der Gekippte Raum von Spoerri ist lediglich eine Verbeugung an die kunsttotalitären Versuche seiner Vorgänger und an Konsequenz allenfalls ein lauer Abguss. In kursiv habe ich neben meinen Photos die Werbetexte des Museums hineinkopiert, nur für solche, die neben Bildern auch noch Zeichen brauchen.


Der Merzbau von Kurt Schwitters entstand von 1923 bis 1936 als ein privater Raum im ehemaligen Atelier des Künstlers. Mit der phantastischen Architektur, die den Raum im Laufe der Entwicklung immer stärker verfremdete und mit den Jahren mehr und mehr von der Außenwelt abschloss, schuf sich Schwitters eine Situation, in der er alle Ausdrucksmöglichkeiten seines „Prinzip Merz“ zusammenführen konnte. Der Merzbau, der 1943 bei einem Luftangriff zerstört wurde, konnte 1983 nach drei historischen Fotografien rekonstruiert und später in das Museum übertragen werden.


El Lissitzky schuf das „Kabinett der Abstrakten“ 1927 im Auftrag des damaligen Leiters der Gemäldegalerie im Provinzialmuseum Hannover, Alexander Dorner, als einen Präsentationsraum für die aktuellen Kunstströmungen. Neben eigenen Werken waren in der strengen, ganz auf den Kontrast von schwarz-weiß-grauen und roten Farbflächen abgestimmten Architektur Arbeiten von Pablo Picasso, Fernand Léger und auch Kurt Schwitters zu sehen. Nach der Zerstörung des Kabinetts 1937 wurde der Raum anhand der Originalentwürfe 1969 neu errichtet und 1979 in das Sprengel Museum Hannover eingebaut.

Der Verein der Freunde des Sprengel Museum Hannover e.V. hat im Frühjahr 2008 die Ensemble-Installation von Daniel Spoerri „Gekippter Raum. Kleine Nouveau Réalisme-Ausstellung, um 1960, nachempfunden von Daniel Spoerri 2007“ für die Sammlung des Sprengel Museum Hannover erworben. Bereits 1962, in der Ausstellung „Dylaby“ im Stedelijk Museum, Amsterdam, irritierte Spoerri mit einem um 90 Grad gekippten Raum, der mit Gemälden und Plastiken ausstattet war, die musealen Sehgewohnheiten. Für das Sprengel Museum Hannover hat der Künstler einen Raum mit nachgebauten Arbeiten von Christo, Gérard Deschamps, François Dufrêne, Raymond Hains, Yves Klein, Martial Raysse, Mimmo Rotella, Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely realisiert. Mit ihm schuf Spoerri eine poetische Hommage an die Ideen der Gruppe der Neuen Realisten, die um 1960 die Avantgarde der europäischen Kunstbewegung darstellten. Ihrem Aufbruch in eine neue Zeit ist diese Arbeit gewidmet.

Vortragssteno Nake

Diese Woche läuschte ich den Ausführungen des Computerkünstlers und -theoretikers Frieder Nake zum Anlass der Ausstellung „Die Virtualität des Bildes. Frühe Computerkunst der Sammlung Clarissa“ im Sprengel-Museum Hannover. Vielleicht nicht für jeden interessant, habe ich dennoch meine Mitschreibsel sauber abgetippt und stelle sie zur Verfügung.

Zwei Modi der Realität: (1) Aktualität = unterliegt der Physik (2) Virtualität = Möglichkeit der Realität, welche mind. einer physikalischen Dimension (z.B. Gewicht, Masse) entbehrt; dennoch nicht scheinbar!
Höhlenmalereien zeigen, dass Menschen von Beginn an zählen und zeichnen konnten. Der Computer, eine eigentliche Rechenmaschine, wird ab 1963 zum Zeichnen gezwungen = kultureller Schock (weil Urmenschliches vom C. übernommen wird). Kunstanspruch aus der Maschine, hinter welcher Firmen stehen.
Geschichte: Digitale Kunst wird zuerst von Georg Nees in Stuttgart ausgestellt (65), zwei Monate später von A.M. Noll in New York.
Im Computer wird die Idee zum Programm. Die diskrete Maschine soll eine analoge Tätigkeit (Zeichnen) ausführen. Dadurch wird die Zeichnung „verdoppelt“: Sichtbare Oberfläche und eine für den unsichtbare für den Prozessor operationable Unterfläche. Alles existiert verdoppelt (Bsp.: keine Bewegung auf dem Bildschirm (Oberfläche), allerdings rasende Rechenprozesse auf der Unterfläche, im Programm).
Der CKünstler muss versuchen zu denken, was der Computer denken würde, wenn er denken könnte. Menschliche Intelligenz ist offen, die des C.s geschlossen (weiß nur, was ihm beigebracht worden ist).
Heute kommen fast alle „Werke“ aus dem Computer.


Frieder Nake: Polygonzüge (1965)

Georg Nees: Schotter