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Bananengkino: „Logorama“


Schon einige Zeit zurück liegt die letzte Ausgabe von Bananengkino, damals mit Grierson’s „Night Mail“. Auch aus Zeitgründen habe ich den Film damals unkommentiert belassen, was diesmal aber nicht der Fall sein soll. Da heute „Logorama“ ansteht, die oscarprämierte Arbeit des französischen Künstlerkollektivs H5, ließe sich einiges sagen über das Metropolenverständnis von H5, welches sich auch schon in den Clips zu Alex Gopher’s „The Child“ und „Juxtapozed Wit‘ U“ von den Super Furry Animals finden lässt. Oder über ihre Fähigkeit, Storylines innerhalb komplexer Systeme darzustellen, erinnert sei an „Remind Me“, Röyskopp, „Use Me“ von WUZ und natürlich Massive Attack, „Special Cases“. Das aber soll alles nicht passieren. Vielmehr möchte ich auf die offensichtliche (Spielfilm-)

Vorlage des Animationsfilms hinweisen, nämlich Michelangelo Antonioni’s „Zabriskie Point“, soviel sei schon verraten. Sowohl „Logorama“ als auch „Zabriskie Point“ teilen sich auf in zwei Strukturmomente, wobei ersterer diese weniger klar voneinander scheidet. Michelangelo hingegen trennt klar die mit Signifikanten zugestellte Großstadt, die Klaustropolis, von der Wüste als „semantisch vieldeutiges Heterotop der Leere, des Todes, der Versuchung, der Offenbarung, aber auch des Ursprungs, der Reinheit, der Läuterung.1 Die Wüste in „Zabriskie Point“ als gänzlich utopischer Ort, indem die berühmt gewordenen Liebesszene abgehalten werden kann, ist aber

auch wehrhaft, sobald das nahegelegene Los Angeles Außenposten in ihr aufstellt. So explodiert (imaginiert oder nicht!) das Wüstenhaus der Bodenspekulanten am Schluss des Films und gibt den Blick frei auf einen Sonnenuntergang, den wir von einem Bank of Amerika-Plakat noch aus der Stadt kennen. Dieses Ende kann als neoprimitiver Aufruf verstanden werden, tatsächlich versteht es nahezu jeder so, andersherum ist dieser Sonnenuntergang in seiner Ursprünglichkeit innerhalb der filmischen Linearität dem Werbeplakat nachgeordnet, was – zusammen mit der imaginierten Explosion – eher einer Kapitulation vor dem Logo gleichkommt und dem Neoprimitivismus die Tür zuschlägt. H5 greifen die Klaustropolis L.A. in ihrer zerstörerischen Signifikanz auf, indem sie animieren (lat.: animare „zum Leben erwecken“) – die Zerstörung, so scheint es, ist logische Konsequenz. Mitten in einer wilden Schießerei zwischen dem wahnsinni-

gen Joker Ronald McDonald (Heath Leadger in seiner nun aber wirklich letzten Rolle) und den ordnungshütenden Michelinmännchen (Na klar! Was wäre sinnvoller, als diese Donutstapel im Zuckergussmantel die Polizei verkörpern zu lassen? Entschuldigt das Wortspiel, aber: köstlich!) tut sich plötzlich die Erde auf. Ich habe mich gefragt, womit wir es hier genau zu tun haben. Sollen wir dieses monströse Erdbeben als ironisiertes Spielbergsches Handlungsmuster verstehen, als Kommentar zur geographisch riskanten Lage der Traumfabrik oberhalb zweier Erdplatten, die nicht genug voneinander bekommen können, was konsequent Erdbeben nach sich zieht, oder aber, und das würde zu Titel passen, als Kommentar zur jüngsten Finanzkrise und deren vorangegangenem Tanz der Firmen auf dem Vulkan (New Orleans-Bezüge mal außen vor gelassen)? Jedenfalls wird L.A. Partnerstadt von Atlantis, analog zu Antonioni’s Explosionen, al-

lerdings ist das der Katastrophe nachfolgende Idyll keinesfalls geläutert, d.i. Logobefreit, vielmehr besteht der ganze Kosmos aus Trademarks, darüber hinaus ist die weibliche Hälfte der zweiten ersten Menschen das Esso-Girl – von einem happy end zu sprechen wäre demnach hochgradig euphemistisch. Wir können, so die Botschaft, den Logos und ihren syndikatischen Signifikaten nicht entkommen, die Katastrophe war nicht die letzte, weil sie nicht die letzten Logos ausgelöscht hat; also doch ein Kommentar zur Finanzkrise. Und wenn die Ink Spots am Ende säuseln: „I don‘ t want to set the world on fire, I just want to start a flame in your heart“, verschieben sich endgültig alle Koordinaten: Singen dort H5, die sich dafür ent-

schuldigen, ihren Aufruf zur Veränderung der Welt mit deren Ende illustriert zu haben? Oder die reuigen Firmen, deren Absicht die Zerstörung unseres Planeten nie gewesen ist, die doch nur unsere materiellen Wünsche erfüllen wollten? Oder singen doch wir, ebenfalls reumütig, weil für uns immer nur Veränderung im Kleinen möglich schien, diese aber auch nur kleine Effekte zeitigten? Wir denken darüber nach. Oder wir schauen ein weiteres, wirkliches Meisterwerk von H5, Massive Attack, „Special Cases“.

  1. http://www.medienkunstnetz.de/themen/kunst_und_kinematografie/wuesten_des_politischen/1/ [zurück]

Ungesehen gut: „The Fall“

„Die Totalität der Kulturindustrie. Sie besteht in Wiederholung. Daß ihre charakteristischen Neuerungen durchweg bloß in Verbesserungen der Massenproduktion bestehen, ist dem System nicht äußerlich.“1 . Soweit die aus dem kalifornischen Exil ätzenden Großväter Adorno und Horkheimer, die schon in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts treffend diagnostizierten, was heute noch auf Cameron, Spielberg, Petersen und Konsorten zutrifft. Sind deren Filme bloß eine devote Beweihräucherung des technischen status quo, Arbeitet Tarsem Singh sich am entgegengesetzten Ende der Skala ab. „Zeitlosigkeit“ als Prädikat sollte auf jeder seiner DVD‘s prangen. Auf eine solche wird auch die Mehrheit von uns auch angewiesen sein, sollten wir „The Fall“ anschauen wollen, denn in Deutschland zeigen leider nur wenige Kinos den Film. Das war bei „The Cell“ noch anders, was sicher auch an Jennifer Lopez gelegen haben mag, die seinerzeit die Hauptrolle der Catherine gespielt hatte. So oder
the fall
so, wie schon „The Cell“ wird auch Singh’s neuster Film keine Staffage zur Zelebration von Technik sein, vielmehr hat der Zuschauer unter Garantie den Eindruck, von der Straße in einen Traum zu steigen, sind doch seine Arbeiten immer von einer bildmächtigen Schönheit gekennzeichnet, die aktuell nur schwer zu überbieten ist. Neben dem schon genannten Vorgängerfilm mögen das der Levi`s Spot „The Swimmer“, der auf eine Kurzgeschichte von John Cheever und dessen Verfilmung mit Burt Lancaster zurück geht, sowie das inzwischen legendäre Musikvideo zu R.E.M.‘s „Losing my Religion“, indem Singh Caravaggio mit Pierre et Gilles kontrastierte, nebenbei auch noch eine Verschränkung mit Derek Jarman leistet, unterstreichen. Übrigens bieten sowohl „The Cell“, als auch „Losing my Religion“ eine Rezeption mit den Frankfurter Großvätern Horkheimer/Adorno an, spielt die Technik doch nicht nur für Singh’s Kunstverständnis eine Rolle, sondern ist ebenfalls auf der Handlungsebene ein Faktor. In jedem Fall ist es lohnenswert, seine Zeit in Tarsem Singh zu investieren und durch schöne Bilder dem beschädigten Leben zeitweilig zu entkommen. Dass eine solche Ästhetik in unserer Gesellschaft nicht konsensfähig, kann mit den beiden Dialektikern durchaus als Auszeichnung betrachtet werden.

  1. Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt/M. 1988, S. 144. [zurück]