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Wozu Sex?

Woody Allen ist keiner meiner Favoriten, das sei vorweg gesagt. Ich mag eher die älteren Filme, jene bei denen er hinter der Kamera bleibt und nicht allzu viel von sich selbst in die Figuren gelegt hat. Auf Whatever Works, sein neustes Baby, trifft dies nur halbwegs zu, befinden wir uns doch wieder im altbekannten Neurosen York, allerdings ohne Allen im Cast. Der Film ist konziliant witzig, aber das hat diesen Eintrag auch nicht weiter zu interessieren, bedeutend anregender scheint mir ein Gedanke, den der Komiker im Rahmen der Veröffentlichung Katja Nicodemus mitteilte:

„ZEITmagazin: In Ihren in Europa gedrehten Filmen inszenieren Sie Liebe und Sex viel sinnlicher als in Ihren amerikanischen, wo Sexualität eher neurotisch wirkt. Wie kommt das?

Allen: In Amerika war Sex schon immer ein ungemein wichtiges Thema, dem man sich nur auf feierliche, pompöse Weise nähern kann. Als die sexuelle Befreiung in den USA auch auf das Kino übergriff, dachte man, man könne Sex nun auf der Leinwand als Ersatz für Dramatik und gute Geschichten verwenden. Plötzlich glaubten die amerikanischen Filmemacher, eine ausführliche

Sexszene auf der Leinwand sei ungemein spannungsgeladen. In Wahrheit sind solche Szenen aber einfach langweilig. Für die sexuell unterdrückten Provinzler im Publikum, die ja die Mehrheit darstellen, sind sie natürlich immer noch etwas ganz Besonderes. Weil sie so infantil sind.

ZEITmagazin: Und in Europa?

Allen: Da liegen die Dinge anders. In Europa ist Sexualität ein normaler Teil des Lebens und nicht diese große, sündige Sache. In europäischen Filmen dient Sex dazu, Mann und Frau, Mann und Mann oder Frau und Frau in ihrem Zusammenleben und in ihren Konflikten zu zeigen. In den USA wird Sex als eine dramaturgische Waffe benutzt, wie die Gewalt. Das sagt viel aus über den Unterschied zwischen unseren Kulturen.“

Zusammengefasst: 1.) Ausführlicher Sex ist langweilig für jeden, der ihn selber hat. 2.) Sex wird auf der Leinwand als dramaturgisches Mittel verwendet, analog zur Gewalt. Mögen sich windige Pornografietheoretiker mit 1.) auseinandersetzen, wir gehen sofort zu 2.) über. Nicodemus und Allen kommen im Anschluss an diese Passage kurz auf Paul Verhoeven’s Basic Instict zu sprechen, und tatsächlich illustriert dieser Film wunderbar These von der auschliesslich dramaturgischen Funktion des Geschlechtsverkehrs – ob man das auf das amerikanische Kino in seiner Monstrosität ausweiten kann, sei mal dahingestellt. Sex wird in Basic Instict als Machtspiel zwischen Catherine (Stone) und Nick (Douglas) inszeniert, in dem er sie zu Fehlern zwingen möchte um seinen Fall zu lösen, sie ihn analog zur Dramaturgie ihres neusten Buches verwirren und schließlich töten möchte. Sex ist gefährlich, sagt uns der Film moralingesäuert im sexy Gewand. Dafür macht er eine perfide Opposition auf: Nachdem die blonde Catherine Nick bei ihrem ersten Aufeinandertreffen gänzlich den Kopf verdreht hat, sucht dieser enerviert Trost bei seiner brünetten Exfreundin Beth (Tripplehorn). Nach aggressivem Sex im Wohnzimmer rechtfertigt er sich vor ihr, man habe bloß Liebe gemacht, woraufhin Beth entgegnet: „Das war keine Liebe!“. So betrachtet lässt sich der Film auch als ménage à trois lesen, in dem Nick zwischen dem gutmütigen Kuschelmäuschen in brünett und dem blonden Vamp zu wählen hat und sich, da er den Sex schon von Liebe getrennt hat ahnen wir es, für letztere entscheidet. Übrigens sehr zum Leidwesen respektive physischen Ende der lieben Beth.
Sex ist, mit Woody Allen, in Basic Instinct allemal dramaturgisches Mittel, ein Machtmittel, hier tatsächlich ganz simpel in Analogie zu physischer Gewalt zu verstehen. Deswegen wird dieser Sex auch aggressiv inszeniert, in Differenz zum „Liebe machen“, was wir uns wohl langsam und zärtlich vorzustellen haben. Dass ein Oszillieren zwischen beidem auch in der Liebe möglich ist, gibt der Film nicht her. Das meint Allen wohl mit „infantil“.
(Interessant wäre vielleicht auch eine Analyse der Funktion von Homosexualität im Narrativ Basic Instinct.)

Teufelsaustreibung


Das Musikvideo ist eine schnelllebige Kunstform, irgendwo zwischen Werbefilm, plumper Unterhaltung und Spielwiese für junge Regisseure. Natürlich, einige Regisseure haben sich über Musikvideo’s einen Namen gemacht, Spike Jones, Michel Gondry, Jonathan Glazer, sicherlich auch David Fincher. Trotzdem zeigt diese illustre Liste ebenso, dass Regisseure schnell den Absprung machen, wenn sie über einen Zeitraum von 4 Minuten hinaus und ohne dominante Musik erzählen können. Lange Rede, kurzer Sinn – gute Musikvideos sind, gemessen an der Menge produzierter Clips, rar, umso bemerkenswerter ist Toby Dye’s Clip für Massive Attack, „Paradise Circus“.

Massive Attack Paradise Circus from sabakan on Vimeo.

Wie jedes Musikvideo hat auch „Paradise Circus“ zwei Schichten, Bild und Musik, die ineinander greifen. Dise zwei Schichten teilen sich ebenfalls jeweils; die Musik in Text und Musik (eine spitzfindige Aufteilung, die hier nicht weiter von Interesse ist), und das Bild in ein Medley aus Gerard Damiano’s 70erjahre Porno „The Devil in Miss Jones“ und Partikel eines Interviews mit der inzwischen gealterten Hauptdarstellerin Georgina Spelvin. Um die ebenen des Bildes soll es in er Folge gehen, daher noch einige Informationen zu „The Devil in Miss Jones“. Im Unterschied zu Damiano’s bekanntem Vorgängerfilm „Deep Throat“ weißt „The Devil in Miss Jones“ eine für Pornos untypische Plotline auf. Eben jene von Georgina Spelvin gespielte Miss Jones setzt ihrem reinen, unschuldigem und sündenfreien Leben in der ersten Szene ein Ende, woraufhin sie sich an einem Ort wiederfindet, den Dante wohl ein Purgatorium genannt hätte. Hier bekommt sie die Chance, all die zu Lebzeiten verpasste Wollust nachzuholen und


sich nach allen Regeln der Kunst durchknallen zu lassen. Sie nimmt an, und die was den Porno zum Porno macht beginnt: Männer, Frauen, Tiere, Spielzeug. Vollkommen „sexuell erschlossen“ (wie Diane Keaton in „Manhattan“ so schön sagt) und gierig nach mehr kehrt die junge Frau ins Purgatorium zurück und wandert straks, dem unverzeihlichen Suizid sei dank, in die „Hölle“. Diese stellt sich so dar, dass die willige Frau die Ewigkeit eingesperrt mit einem begehrenswerten Mann verbringt, der allerdings kein Interesse zeigt, sie zu befriedigen. Der Stachel der Leidenschaft brennt in ihr, ohne Aussicht auf Linderung. Die wilde Fickerei war, so schön sie auch gewesen ist, schon Teil ihrer Bestrafung.
Toby Dye splittert die Diegese des Films in seinem Video auf, indem er den blühenden Körper, der im Film „erweckt“ und danach „gegeißelt“ wird, im Zustand fortgeschrittener Verwelkung zeigt und, und das ist wahrscheinlich noch bedeutsamer, die Lust als schauspielerische Darbietung erinnern lässt. Mit intelligenter und teilweise auch ironischer („attraction“!) Montage verzahnt der Regisseur das Interview mit seinem Gegenstand, dem Film. Besonders eingängig ist Schnittreihe zwischen der jungen Georgina Spelvin als Miss Jones und der gealterten Schauspielerin. Hier verfällt das konservierte Ideal des jungen Körpers – und mit der Stimulans auch deren Stimulanz! Einen ähnlichen Effekt haben ihre Schilderungen des Filmsets („probably the most unconfortable and humiliating thing I‘ve ever done“zitat). Vielleicht, aber auch wirklich nur vielleicht ist dieser Clip eine Reaktion auf die Verwendung uralter Denkmuster durch Damiano: die besessene Frau, deren Lust (im Gegensatz zu der des


Mannes) verwerflich, die „besessen“ ist. Natürlich, Pornos arbeiten mit eingängigsten Mustern, wollen sie doch schnellstmöglich und breitenwirksam anregen. Der Clip zerlegt diese Mechanismen säuberlich und treibt den Teufel der Hexenjagd aus, indem er das Lustobjekt Körper psychologisiert, den (inzwischen gealterten) Menschen dahinter zeigt. Der Text mag meiner These wiedersprechen, allerdings fällt auf, sieht man genau hin, dass die Musik das Bild subvertiert. Wenn visuell mehrere Orgasmen ablaufen, verharrt die Musik gemächlich in einer Bridge, ein Kontrapunkt einerseits, andererseits aber auch die Entsprechung eines Orgamus‘ nach der Beschreibung Spelvin’s: The point in time that can‘t be measured. Vielleicht auch ein Äußerung, die die Musik von Massive Attack treffend beschreibt, schenkt man Thomas Gross, der am 4.2. in der Zeit die Tracks von MA als „Inseln im Meer der Beschleunigung“ bezeichnete.
Für mich weiter interessant war die Äußerung, dass der Sex vor dem Kameraauge spannend war – eben durch die Kamera. Dies ist definitiv interessant im Zusammenhang mit dem, was Ando Gilardi zur Thematik zu sagen hat.
Massive Attack Fans könnte weiter folgender Artikel interessieren, indem sich 3D über das Thema Massive Attack/Kunst äußert.

Der scharfe Blick


Ursprünglich hatte ich geplant diesen Beitrag unter „Fundsachen“ abzulegen, bis ich seine Einzelteile in meinen Hirnwindungen einige Male gedreht und -wendet habe. Aber zum Anfang: Kürzlich blätterte ich im ViceMagazine und las eins der wie immer reißerischen Interviews, diesmal mit Ando Gilardi. Gilardi, von der Zeitschrift als „Italiens wichtigster Kurator nackter Personen“ vorgestellt, half bei der Erstellung eines Archivs über die Verbrechen des Holocaust, welches später u.a. als Beweisgrundlage für die Nürnberger Prozesse diente, arbeitete danach für die Kommunistische Partei Italiens, bis er sich der Herausgabe verschiedener erotischer Photomagazine verpflichtete. In jenem Interview tätigt Gilardi wie ich finde spannende Aussagen über die Natur des Bildes, wie wir sehen werden:

Ich erkenne keinerlei Rechte auf Bilder an. Das widerspricht meiner tief empfundenen moralischen Überzeugung. [I think images belong to those who see them. Viewing an image means owning that image, remembering that image. (Entnommen der englischen Ausgabe des Heftes. Diese zentralen Sätze waren dem Übersetzer wohl zuviel)]. Lass es mich so ausdrücken: Du malst ein Bild und stellst es aus. Ich komme mit meiner Kamera in deine Ausstellung und mache Fotos von deinem Bild. Ich begehe aber nur dann ein Verbrechen, wenn ich die entwickle, verkaufe und das Geld selber behalte. Wenn ich es aber zu Hause aufhängen will, es mir ansehen will, damit spielen will, einen Schnurrbart drauf malen will wie Duchamp—ist das meine Sache.
[…]
Ich habe ein Buch mit dem Titel Storia della fotografia pornografica [dt.: Die Geschichte der pornografischen Fotografie] geschrieben, weil ich das pornografische Bild, nicht unbedingt nur Foto—denn Fotos sind nur die neuste Art, ein solches Bild auszudrücken—für fundamental wichtig halte. Denk nur an die Höhlen in den Pyrenäen; eins der häufigsten Bilder, die von paläolithischen Homo Sapiens in diesen Höhlen gezeichnet wurden, ist das der Vagina. Die Vagina ist eins der ersten Dinge, die zum reinen Symbol werden: einem einfachen V. Oder ein V mit einer Linie durch die Mitte. Es ist extrem interessant nachzuverfolgen, wie sich dieses Bild im Laufe von 50.000 Jahren entwickelt hat. Die neuste Entwicklung auf diesem Gebiet ist die rasierte Pussy. Das ist erst seit kurzem üblich. Schamhaar hatte nur eine Berechtigung, als Frauen noch wie Affen auf vier Beinen liefen und das Haar eine Schutzfunktion hatte. Als Menschen anfingen, auf zwei Beinen zu laufen, verlor es seine Funktion. Ich finde das Rasieren von Schamhaar extrem interessant, weil

erst damit das Bild der perfekt sichtbaren Vagina wieder in die Ikonografie zurückgekehrt ist. Ich liebe diese Amateur-Pornografen, die versuchen, das Gesicht und die Vagina einer Frau gleichzeitig zu fokussieren. Ich würde gerne ein Buch über die Geschichte der digitalen pornografischen Fotografie schreiben.
[…]
Ich glaube, dass sie [Websites wie Youporn] das wichtigste Verlangen der Menschen ans Licht gebracht haben: den Voyeurismus. Wenn man tief in den Menschen hineinsieht, merkt man, dass wir Ficken weniger lieben, als anderen Menschen beim Ficken zuzusehen.
[…]
Ficken stinkt und strengt an und ist albern und künstlich. Es ist, wenn wir ehrlich sind, ziemlich hässlich. Und wenn man es dann macht, kann man es kaum erwarten, dass es vorbei ist, damit man endlich aufs Klo pissen gehen kann. Das trifft besonders für Frauen zu. Frauen hassen es zu vögeln. Sag jetzt nicht, dass dir das noch nie aufgefallen ist.

Ich fasse zusammen: Wer es sieht, dem gehört das Bild; der Blick ist per se besitzergreifend. Gilardi an dieser Stelle eine Utopie von einer eigentumslosen Welt vorzuwerfen ist allerdings Unsinn, nur um das Sehen geht es ihm. Gerade die Aussage, dass man ein Bild besitze, weil man es erinnere, lässt mich Parallelen ziehen zu Kittler’s These des Mediums Film als verlängerter Perzeptionsapparat. Auch Gilardi’s Ikonologie des weib-

lichen Geschlechtsteil’s bis hin zu seiner (vorläufigen?) Endstufe, der „rasierten Pussy“, lässt sich adäquat mit Kittler erklären: Statt sie durch die deformierenden Gitter des Symbolischen („einem einfachen V oder ein V mit einer Linie durch die Mitte“; das durch Schamhaar bedeckte Geschlechtsteil) zu pressen, wird die „rasierte Pussy“ als Index in ihrer „Wirklichkeit“ sichtbar. An diesem Punkt konstatiert Gilardi zweierlei, den Voyeurismus und die geringe Lust an echtem Sex, was jedoch unmittelbar miteinander zusammenhängt. Da keine komplexe Symbolik mehr den Blick auf die Vagina (als – im männlichen Blick – parsprototo für den Verkehr an sich) verstellt, sehen wir mit eigenen Augen (Stichwort Verlängerung des Perzeptionsapparates!) Explizites. Hier kommt nun Gilardi’s Copyrightthese ins Spiel, die so perfekt auf die Porno-Thematik passt, weil sie wahrscheinlich an ihr entwickelt worden ist: Wenn Sehen gleich Besitzen ist, dann meint die nackte Frau Sehen wohl Begatten. Dies erklärt einerseits den Voyeurismus in Teilen, andererseits auch die abfallende Lust an echtem Sex durch kompensierende Anstiege in der voyeuristischen Lust. Erschwerend hinzu kommen noch das verglichen mit vorangegangenen Jahrzehnten exorbitante Hygienebewußtsein und der stetig voranschreitende technische Fortschritt, welche die Lust am Begatten weiter sinken und jene am Betrachten auf Film steigen lassen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich mag Sex, und ich denke auch Herr Gilardi mag es. Allerdings ist die gesamtgesellschaftliche Lust am Betrachten keinesfalls zu leugnen (Youporn, BigBrother, StudiVZ, Facebook), weiter entwerfen visuelle Medien ein so perfektioniertes Bild von Sex, das der mit allen Sinnen praktizierte und genossene Sex dagegen nur abfallen kann. Weitergesponnen werden wir Menschen wohl unsere Perzeptionsapparatur mit Ausnahme der audivisuellen Operatoren absterben lassen und Fortpflanzungstheorien a la Houellebecq werden Wirklichkeit.

Um Kommentare wird gebeten, kontrovers ist der Artikel ja allemal.

Winterzeit

(Mich würde eure Meinung zur folgenden Kurzgeschichte interessieren. Postet bitte. Danke)

26. September.
Martin streicht sich über die Wangen, denkt muss mich morgen rasieren. Er kratzt sich kurz am Bauch, etwas oberhalb des Nabels, zieht eben die Decke über die Beine. Langsam atmet er ruhiger.
Im Badezimmer betätigt Nadine die Spülung – kommt dann sie wohl sofort zurück.
Mit einer Bewegung schiebt sie die Tür auf, lächelt süß in seine Richtung während sie oben einen Zopf bindet und unten versucht mit der Ferse die Tür zu schließen. Schlussendlich nimmt sie dafür doch eine Hand zur Hilfe, bindet sich die Haare fertig und krabbelt zu Martin, der eigentlich keine Lust hat sich zu bewegen, dann aber doch das linke Bein anwinkelt und seitlich abknickt, unter die Decke. Ihr hat‘s scheinbar gefallen; sie spielt gedankenverloren mit seinen Brusthaaren, versucht einen scheuen Blick, küsst ihn kurz. Ihren Kopf hat sie auf seine Brust gelegt, er zieht ihren Shampooduft ein, überlegt, ob er morgen früh noch schnell seine Nägel schneiden soll, hört sie auf dem Nachttisch rascheln.
Stellt sich der Wecker von selber zurück?
Ist doch ‘n Funkwecker.
Das allein heißt doch nichts. Eigentlich hat sie recht.
Mmh. Klingt zustimmend.
Sie streicheln sich träge. Martin versucht jeden klaren Gedanken zu vermeiden, könnte sofort einschlafen.
Hey!
Mmh. Macht die Augen auf und versucht sich am Rücken zu kratzen. Nadine streicht ihm mit dem Daumen übers Jochbein, grinst ihn liebevoll an. Ihre Augen sind ihm ein bisschen zu begeistert. Was denn?
Wir haben jetzt drei Minuten nach Zwei.
Und? Warum kommt sie ihm mit so einer Scheiße?
Um Zwei Uhr neunundfünfzig und neunundfünfzig Sekunden springt die Uhr eine Stunde zurück. Sein spöttischer Blick sieht dem verschlafenen sehr ähnlich.
Wir haben also jetzt sowas wie eine überflüssige Stunde.
Er hasst es, wenn sie zu nachtschlafender Zeit versucht clever zu sein, entgegnet ablehnend mit geschlossenen Augen um sich ein Abwinken zu ersparen: Woher willste denn wissen, ob deine unnötige Stunde nicht schon vorbei ist? Unnötig akzentuiert er stark.
Ich habe eine Idee. Sie macht die Nachtichlampe an, er stöhnt unwillig, dreht sich weg. Sie rollt sich sanft auf ihn und bringt ihn liebevoll dazu ihn anzusehen.
Wir machen eine Art Spiel.
Wir haben doch eben erst eine Art Spiel gemacht, sagt es aber nicht, sondern legt seine Stirn in Falten.
Wir haben doch diese überflüssige, diese verlorene Stunde, die sich doch wiederholt…
Martin versteht nichts, will nicht verstehen.
…da könnten wir doch etwas tun, was danach genauso vergessen ist wie diese Stunde.
Könnten wir auch lassen. Akzent auf dem ersten Wort. Deine verlorene Stunde ist eine verlorene Stunde Schlaf.
Sie schlägt ihm mit der flachen Hand auf den Oberarm, nicht sehr fest, so wie man ein Maultier antreibt.
Maulig wird reagiert, registriert, es ist ihr ernst, versucht sie wach anzusehen. Sie weicht seinem Blick aus, hätte ihn ja jetzt sicher, fixiert sein linkes Schulterblatt und:
Es ist dieselbe Stunde, die es, Pause, zweimal gibt. So, so wie – stell dir vor, Gott hätte die Welt erschaffen, sie hätte ihm dann nicht richtig gefallen, woraufhin er sie nochmal, verbessert, 1 Punkt 2 geschaffen hätte. Welche wäre dann die richtige?
Martin muss darüber lächeln, dass sie 1.2. gesagt hat. Wie sie es gesagt hat, in diesem ganzen Zusammenhang; ziemlich cyberspacig.
Ob wir nun in der Ursprungsversion oder dem Nachfolger leben, fragt er sich. Sie sich, ob er versteht worauf sie hinaus will, ob der Vergleich gepasst hat. Eigentlich hatte sie ja einen besseren, nämlich mit dieser Frau von Adam, aber der Name der Frau vor Eva viel ihr nicht mehr ein, was ja ihre Theorie zusätzlich stützen würde, aber das hätte dann Martin nicht mehr kapiert und sie wollte auch nicht zu viele Fässer zugleich aufmachen.
Du verstehst was ich meine? Sie guckt ihn komisch an, schon wieder etwas scheu, klopft mit dem Zeigefinger sacht in die Ellenbogenbeuge seines linken Unterarms.
Ich denke schon.
Wie sie ihn ansieht soll er noch mehr sagen?
Weil diese eine Stunde wiederholt wird, ist die erste überflüssig. So kompliziert ist das doch nicht, meint sie ich bin ein Idiot?
Also wenn diese Stunde sowieso aus dem Lauf der Welt fällt, dann sollten wir uns in dieser Stunde, sie zögert, drückt mit dem Finger etwas fester in die Beuge.
1.2., Lauf der Welt, was ist den heute los, denkt Martin bei sich, kratzt sich erneut am Rücken und sieht dabei seinen halben Kopf im Schein der Nachtischlampe im Fenster gespiegelt. Uns alles sagen, was wir uns sonst nie sagen würden, schonungslos. Jetzt sieht sie wieder auf, lässt von seinem Ellenbogen ab, streichelt seinen Oberarm, und danach so weitermachen, als sei nichts gewesen. Ihr Blick fragt. Denn eigentlich ist ja nichts gewesen, eigentlich gibt’s die Stunde ja nicht.
Martin guckt jetzt auch ernst, richtet sich im Bett auf, klemmt ein Kissen zwischen sich und die Wand, lehnt sich an. Nadine schmiegt ihre ganze Rückseite an seinen Oberkörper, beugt ihren Nacken über seine linke Schulter. Der eine Arm zieht sie noch enger an ihn, mit dem anderen fasst er behutsam hinüber an ihren Hals, spürt ihren Puls sacht am Zeigefinger. Sie bekommt einen Kuss auf die Stirn gedrückt, streicht ihm liebevoll über den Oberschenkel, übers Knie, soweit ihr Arm reicht ohne dass sie ihren Hals aus seinem Griff lösen müsste.
Sie weiß, es ist an ihr das Schweigen zu brechen, wie ein Gesetz, zu lösen, wie ein Problem oder einen Knoten, den man entwirrt.
Sie atmen gleichmäßig, eine Bewegung, beide Blicke aus dem Fenster, hinein ins Schwarz. Totale Dunkelheit und Ruhe hinter der Scheibe, in welcher sie sich beide auch erkennen können, schemenhaft zumindest.
Ich habe eine Affäre.
Ruhe und Dunkelheit hinter der Scheibe. Ihr Puls geht schneller, fühlt er. Auch sein Atem kann mit ihrem nicht mehr mithalten.
Seine Hand auf ihrem Hals spürt sie anders als vorher. Schwer wiegend.
Scheiße. Sie wollte bloß über alle möglichen Sachen reden, keine Ahnung, so darüber wie er sie behandelt, wenn sie als Paar mit seinen „Jungs“ weggehen. Sachen halt, die er sonst sofort abblockt.
Und dann haut er sowas raus.
Lässt sich die Spielregeln zehnmal erklären, als ob er blöd wär´, dabei hat er sie sofort begriffen, spielt nach seinen Regeln.
Sie zieht die Luft extra tief ein, um zu spüren, wie seine Hand beim Einatmen auf ihrem Hals drückt. Nicht sehr fest, aber sie will das jetzt spüren.
Die Lampe auf dem Nachttisch ist nicht stark genug, dass ihnen ihre Spiegelung im Fenster scharf gegenübersteht. Weil sie seinen Blick nicht zu fassen kriegt, schließt sie, Ruhe, die Augen, Dunkelheit, seine Hand auf dem Hals, atmen.
Lillith.
Jetzt fällt‘s ihr wieder ein
Lillith. So hieß Adams erste Frau, wenn sie nicht alles täuscht.
Jetzt ist´s ein bisschen spät, aber immerhin ist ihr das noch eingefallen.
Sie streckt ihre Beine von sich, streicht ihm über seinen vor ihrer Brust verschränkten Arm, dreht ihren Kopf seinem Ohr zu, flüstert
Lillith.
Martin versteht nicht, fasst ihre Hand.
Wir hatten ein Kind, Martin. Ich habe es wegmachen lassen. Lillith.
Er findet ihren Blick nicht im Fenster. Zu unscharf. Sieht liebende Bewegungen, die Köpfe aneinander gestützt. Völlige Schwärze dahinter.
Weltraumschwarz.
Wie ich jetzt darauf komme? Hat vor einer Woche eine Doku über den ersten bemannten Weltraumflug gesehen. Ah ja, dieser russische Astronaut. Nee, Kosmonaut; russischer Astronaut, was für ein Blödsinn.
Gagarin.
Genau, Juri Gagarin. Der, damit seine Frau ihn nicht bei einer anderen schönen Tochter Mütterchen Russlands erwischt, sich lieber aus dem Fenster stürzte. Sich dabei allerdings die Braue zerdepperte, so dass die Sowjets dieses Rührstück erfinden mussten, in dem Papa Juri mit dem geschulterten Töchterchen stürzt, sich aber, dem Kind darf nichts passieren!, mit dem Gesicht abfangen muss.
Potemkinsche Dörfer.
Ihrer beider Atem geht ruhiger, gleichmäßiger.
Nadine will sich umdrehen, in seinem Gesicht lesen, unterdrückt diesen Wunsch aber. Sie will ihn nicht ermutigen etwas zu sagen wie: es ist auch mein Kind gewesen.
Sie lugt zur Seite, sieht im Augenwinkel ihr Spiegelbild im Fenster. Dahinter nur Schwarz. Martin hat den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen wohl geschlossen – so genau kann sie das nicht sehen.
Das Schweigen ist total, wie das Schwarz hinter den Scheiben. Nur atmen hört man.
Potemkinsche Treppe.
Ich gehe Wasser holen. Sagt’s und steht auf. Sie geht auf das Fenster zu, sieht sich kurz darin, streicht die Haare hinter die Ohren und biegt in die Küche ein.
Die Fliesen kühlen unter den Füßen. Befreiend, im Kontrast zur beklemmenden Wärme des Bettes.
Das Glas ist schon lange voll, aber das Geräusch des laufenden Hahns dämpft die Stille. Sie dreht den Hahn zu.
Martin liegt nicht mehr im Bett, wahrscheinlich im Bad.
Sie hört ihn da, die Spülung geht.
Als er endlich in Zimmer kommt, schaut er sie nicht direkt an. Er schließt die Tür und kratzt sich dabei mit der rechten Hand am Hals. Er hat dort einen Wirbel, deswegen achtet er peinlich genau darauf, immer gut rasiert zu sein. Er mag es nicht, sieht man den Wirbel, einen Strudel, der Barthaare aus sich rauswirft. Dabei sieht’s echt gut aus, findet Nadine. Macht ihn interessant, was er wiederum nicht findet.
Nadine ist schon wieder unter der Decke, lehnt aber an der Wand, ein Kissen vor der Brust verschränkt.
Martin setzt sich auf die Bettkante, schaut kurz zum Fenster, streicht sich durchs Haar. Rücken gebogen, breitbeinig. Er hat sich eine Boxershort angezogen, riecht nach Zahnpasta.
Weißt Du, warum man Juri Gagarin ins Weltall hat fliegen lassen und nicht jemand anders?
Den ersten Menschen im All?
Genau.
Nein.
Nadine kratzt sich mit Links am rechten Arm.
Man hat allen Kosmonauten dieses Programms was ins Essen gemischt, damit sie sie Scheißerei kriegen, was weiß ich was, jedenfalls waren sie alle krank. Aber bis auf Gagarin haben alle behauptet, sich gesund zu fühlen. Nur er eben hat die Mission nicht gefährden wollen und sein Gebrechen eingestanden. Damit war er der Auserwählte.
Er schaut in ihre Richtung.
Klingt zu schön um wahr zu sein.
Das sagt sie oft, und immer lächelt er sie dann liebevoll zärtlich an. So auch diesmal.
Sie schaut auf ihr Kissen.
Annelie.
Sie schaut auf.
Eine Stewardess. Meine Affäre ist Flugbegleiterin.
Die Nachttischlampe ist nicht sonderlich hell, trotzdem weiß er nicht wohin mit seinem Blick. Auf die Füße, er zieht die Zehen hoch, dass die Adern hervortreten. Der kleine Zeh am linken Fuß ist etwas dicker, war mal gebrochen. Dafür sonst noch nichts, toi, toi, toi.
Sie hat mir erzählt, bei AirBaltic gibt’s einen Kapitän, der Juri Gagarin heißt. Stell Dir mal vor, Du sitzt im Flieger und dann kommt die Durchsage, er verstellt die Stimme, sachlich-freundlich: Herzlich Willkommen auf dem Flug nach Riga, mein Name ist Juri Gagarin, ich begrüße sie recht herzlich…
Er lächelt. Verschluckt es aber schnell wieder, nicht dass die es missversteht. Russischer Astronaut.
Es ist jetzt wieder zwei. Lass uns schlafen.
Er löscht das Licht. Er leuchtet es noch hinter seinen Augen nach, dann wird es langsam schwarz. Tiefschwarz, Weltraumschwarz.