Tag-Archiv für 'ro­man­ti­ker'

Zwei verbalisierte Deutsche

Nun gut, folgende Information firmiert wohl bestenfalls unter der Kategorie „Partywissen“, ist darüber hinaus meiner Meinung nach jedoch aussagekräftig, vor allem in Bezug auf unser jeweils persönliches Sprachverständnis. Um zwei Verben soll es hier gehen, die auf mehr oder minder bedeutende Persönlichkeiten bzw. deren Tätigkeiten zurückgehen:

mesmerize
Englisches Verb, abgeleitet von mesmerism, geht zurück auf den Erfinder der animalischen Magnetismuslehre, Friedrich Anton Mesmer (1734-1815). Diese Lehre predigte, radikal verkürzt erklärt, eine Heilungsmethode durch Magnetkräfte oder Bio-Energien. Abgelehnt von den wissenschaftlichen Institutionen seiner Zeit griffen die deutschen Romantiker in ihrer Begeisterung für alles universal Legitimierte den Magnetismus auf, worüber – die Romantik war einer der ersten großen Exportschlager Deutschlands – das Phänomen zu Edgar Allan Poe schwappte, der diesem in Mesmerisque Revelations ein Denkmal setzte, und, so meine Theorie, damit auch die Grundlage für die Verbreitung des Wortes im Englischen schaffte.

fröbelen
Ein Verb aus dem Niederländischen, welches auf den deutschen Pädagogen Friedrich Fröbel zurück geht. Fröbel, auf den u.a. das Wort „Kindergarten“ zurück geht, entwickelte eine Pädagogik, in der sogenannte „Spielgaben“ eine zentrale Rolle einnahmen: „Mit den bunten, einfachen, abstrakten Formen von Dreieck, Kreis, Quadrat etc. wollte der Erfinder des Kindergartens seine kleinen Zöglinge ermuntern, a) Formen der Natur und des Lebens, b) Formen des Wissens und der Mathematik sowie c) Formen der Schönheit und der Kunst zusammenzusetzen.“ Mondrian, Kandinsky, Fuller – sie alle spielten/arbeiteten mit diesen „Gaben“. Und so bedeutet fröbelen in deutscher Übersetzung auch nichts anderes, als basteln oder kreativ beschäftigt sein. Woher das Wort stammt, erkennt der Niederländer übrigens sofort am Ö – das hat er nämlich eigentlich nicht.

Konklusion? Welche Schlüsse können wir daraus ziehen? Um Hilfe wird gebeten.

Wem’s die Zeit schlägt – Buck/Herzog

Vor einiger Zeit las ich ein Interview mit Detlev Buck in der Zeit, in welchem der Regisseur eine bemerkenswerte Äußerung vom Stapel ließ: „Wenn ich mir einen Film ansehe, drehe ich auch manchmal den Ton weg und schaue, ob ich ihn dann noch begreife. Wenn ich ihn nicht mehr begreife, dann ist er nicht präzise gemacht.“ Zugegeben, dies ist eine sehr handwerkliche Feststellung die sich anfechten lässt. Sicherlich finden sich zahllose Beispiele die den audivisuellen Charakter des Films hervorheben, dennoch: selbst bei Videoclips oder Ruttmann’s Symphonie einer Großstadt affiziert das Bild den Rhythmus der Musik. Buck scheint also nicht Unrecht zu haben, und auch ich sehe meine These vom Primat des Auges bestätigt, die schon am Ende des letzten Posts mitschwang. Wer jetzt meint, mit Derek Jarman’s Blue (siehe unten) einen Gegenbeweis führen zu können, wird sich eingestehen müssen, dass dieser Film (1) eine Sonderstellung einnimmt, (2) dennoch das Primat des Bildes enthält, denn der Titel verweist uneindeutig auf Visuelles und (3) der monochrome Schirm kann als negative Referenz auf eben dieses Primat oder eben des Regisseur’s Verlust des Augenlichts verstanden werden. Blue ist eben deswegen kein Hörspiel sondern Film, weil der Verlust des Auges im Zentrum dieser Arbeit steht. Ein schmerzlicher Verlust für jemanden, dessen Beruf war zu sehen und sehen zu lassen. (Weitere Filme über das Blindwerden sind von Trier’s Dancer in the Dark, Blind und eine bewegende Szene in Schmetterling und Taucherglocke von Julian Schnabel, um nur einige zu nennen).

Mit Werner Herzog gab ein deutscher Regisseur ganz anderer Kragenweite demselben Blatt ein Interview für die heutige Ausgabe, welches ebenfalls Anstöße gibt: „Für mich ist Los Angeles die amerikanische Stadt mit der größten Substanz. Ich meine natürlich nicht die reine Oberfläche, den Glitz und den Glamour von Hollywood. Aber alle wichtigen Trends des vergangenen Jahrhunderts kommen aus Kalifornien: die kollektiven Träume im Kino weltweit. Die Tatsache, dass Homosexuelle als integraler Bestandteil einer Gesellschaft anerkannt werden. Die Computertechnologie. Die großen Internetinnovationen. Und im Übrigen auch die Dummheiten wie Hippie und New Age. Es gibt nur zwei Ausnahmen. Die grüne Bewegung kommt eher aus Skandinavien. Und der islamische Fundamentalismus kommt auch nicht aus Kalifornien.“ Vieleicht ist es mehr ein persönlicher Eindruck, allerdings hatte ich bisher das Gefühl, Kalifornien würde in Europa eher wegen seiner „Dummheiten“ wahrgenommen. Doch man muss Herzog bestätigen, Kalifornien ist der Leitwolf westlicher Kultur, alle anderen bloß Rudeltiere.
Ein weiteres Zitat finde ich ebenfalls wert hervorzuheben: „Ursprünglich war das Drehbuch für New York geschrieben. Dann wurde aus verschiedenen Überlegungen sehr schnell New Orleans gewählt. Mir war sofort klar, dass man möglichst kurz nach dem Hurrikan Katrina drehen musste. Ich wollte eine Stadt zeigen, die nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich zerstört ist. Und natürlich hat mich die Parallele von innerer und äußererLandschaft interessiert.“ Herzog der alte Romantiker muss natürlich wieder Entsprechungen für seine Seelenlandschaften finden. Gemeint ist natürlich Herzog’s aktueller Film, Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen, mit Nicolas Cage als austickendem Cop. Warum, habe ich mich hier gefragt, ist das Post-Katrina New Orleans so anziehend für Filmemacher und lässt sich so einfach filmisch vereinnahmen? Auch Fincher’s Benjamin Button ist dort angesiedelt und erweitert die Short Story Fitzgerald’s deswegen um eine Erzählebene. Ich hoffe, ihr seid für’s erste ausreichen querverwiesen.