Tag-Archiv für 're­gis­seur'

Redest Du mit mir?

Danny DeVito kennt man. Klein, dick, hohe Stirn, versehen mit einer gehörigen Portion Selbstironie sowie einem Hang zu Blondinen zum Aufschauen. Auch seine Rollen sind bekannt, was sicherlich daran liegen könnte, dass sie sich nicht sonderlich unterscheiden und genau auf seine nahezu quadratischen Maße zugeschnitten sind. Was nicht jeder weiß ist, dass DeVito auch hinter der Kamera gestanden hat, zum Beispiel bei seinem Regiedebüt „Der Rosenkrieg“ mit Kathleen Turner und Michael Douglas als selbstzerstörerischem Pärchen. Man muss kein Experte sein um sagen zu können, dass „Der Rosenkrieg“ wahrscheinlich nicht ins Pantheon der Filmgeschichte eingehen wird, dennoch hier einige Bemerkungen dazu. DeVito ist bei/in diesem Film eine doppelte Erzählinstanz, zum einen nämlich -wie schon erwähnt- als Regisseur, darüberhinaus jedoch auch als Schauspieler, der in einer Rahmenerzählung eben jenes Ehedrama einem potentiellen Klienten (DeVito spielt einen Scheidungsanwalt) erzählt. Wenn er auch die Verquickung Rahmen- und Binnenerzählung fein durch Rauch/das Rauchen leistet (u.a. schön zu sehen am Filmposter unten), so wendet er sich als verdoppelter Erzähler an eben an diesen potentiellen Klienten und an den Zuschauer. Der Regisseur DeVito hat den Scheidungswilligen zwar mit einem Allerweltsgesicht besetzt, filmt dieses bedauerlicherweise

auch. Bedauerlicherweise, denn Aufnahmen des Klienten nicht über seinen Hinterkopf hinaus würde den Zuschauer zwingend in die Position bringen, sich mit diesem in Eins zu setzen. Zudem hätte der Film die Frage, ob man nun die Scheidung wolle oder nicht, an den Zuschauer stellen und nicht durch das hinauseilende Allerweltsgesicht beantworten sollen. Man fühlt sich, durch die Erzählstruktur allein, an Novellen des Poetischen Realismus -Storm, Meyer, Keller- erinnert, die eben jene Eindeutigkeiten zu vermeiden und dennoch gefällig zu erzählen wußten. Kurzum: In vielerlei Hinsicht orientiert sich der Film an Erzählweisen wie sie in Deutschland mitte des 19. Jahrhunderts populär waren, ohne allerdings deren Strategien der Uneindeutigkeit (in der Sekundärliteratur spricht man von einer doppelten Codierung: Die Texte sind gefällig erzählt, haben aber ebenfalls eine Tiefenschicht, die sich nur akribischen Lesern erschließt) zu nutzen. Vielleicht wäre dann auch noch was im Pantheon frei gewesen.

Wem’s die Zeit schlägt – Buck/Herzog

Vor einiger Zeit las ich ein Interview mit Detlev Buck in der Zeit, in welchem der Regisseur eine bemerkenswerte Äußerung vom Stapel ließ: „Wenn ich mir einen Film ansehe, drehe ich auch manchmal den Ton weg und schaue, ob ich ihn dann noch begreife. Wenn ich ihn nicht mehr begreife, dann ist er nicht präzise gemacht.“ Zugegeben, dies ist eine sehr handwerkliche Feststellung die sich anfechten lässt. Sicherlich finden sich zahllose Beispiele die den audivisuellen Charakter des Films hervorheben, dennoch: selbst bei Videoclips oder Ruttmann’s Symphonie einer Großstadt affiziert das Bild den Rhythmus der Musik. Buck scheint also nicht Unrecht zu haben, und auch ich sehe meine These vom Primat des Auges bestätigt, die schon am Ende des letzten Posts mitschwang. Wer jetzt meint, mit Derek Jarman’s Blue (siehe unten) einen Gegenbeweis führen zu können, wird sich eingestehen müssen, dass dieser Film (1) eine Sonderstellung einnimmt, (2) dennoch das Primat des Bildes enthält, denn der Titel verweist uneindeutig auf Visuelles und (3) der monochrome Schirm kann als negative Referenz auf eben dieses Primat oder eben des Regisseur’s Verlust des Augenlichts verstanden werden. Blue ist eben deswegen kein Hörspiel sondern Film, weil der Verlust des Auges im Zentrum dieser Arbeit steht. Ein schmerzlicher Verlust für jemanden, dessen Beruf war zu sehen und sehen zu lassen. (Weitere Filme über das Blindwerden sind von Trier’s Dancer in the Dark, Blind und eine bewegende Szene in Schmetterling und Taucherglocke von Julian Schnabel, um nur einige zu nennen).

Mit Werner Herzog gab ein deutscher Regisseur ganz anderer Kragenweite demselben Blatt ein Interview für die heutige Ausgabe, welches ebenfalls Anstöße gibt: „Für mich ist Los Angeles die amerikanische Stadt mit der größten Substanz. Ich meine natürlich nicht die reine Oberfläche, den Glitz und den Glamour von Hollywood. Aber alle wichtigen Trends des vergangenen Jahrhunderts kommen aus Kalifornien: die kollektiven Träume im Kino weltweit. Die Tatsache, dass Homosexuelle als integraler Bestandteil einer Gesellschaft anerkannt werden. Die Computertechnologie. Die großen Internetinnovationen. Und im Übrigen auch die Dummheiten wie Hippie und New Age. Es gibt nur zwei Ausnahmen. Die grüne Bewegung kommt eher aus Skandinavien. Und der islamische Fundamentalismus kommt auch nicht aus Kalifornien.“ Vieleicht ist es mehr ein persönlicher Eindruck, allerdings hatte ich bisher das Gefühl, Kalifornien würde in Europa eher wegen seiner „Dummheiten“ wahrgenommen. Doch man muss Herzog bestätigen, Kalifornien ist der Leitwolf westlicher Kultur, alle anderen bloß Rudeltiere.
Ein weiteres Zitat finde ich ebenfalls wert hervorzuheben: „Ursprünglich war das Drehbuch für New York geschrieben. Dann wurde aus verschiedenen Überlegungen sehr schnell New Orleans gewählt. Mir war sofort klar, dass man möglichst kurz nach dem Hurrikan Katrina drehen musste. Ich wollte eine Stadt zeigen, die nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich zerstört ist. Und natürlich hat mich die Parallele von innerer und äußererLandschaft interessiert.“ Herzog der alte Romantiker muss natürlich wieder Entsprechungen für seine Seelenlandschaften finden. Gemeint ist natürlich Herzog’s aktueller Film, Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen, mit Nicolas Cage als austickendem Cop. Warum, habe ich mich hier gefragt, ist das Post-Katrina New Orleans so anziehend für Filmemacher und lässt sich so einfach filmisch vereinnahmen? Auch Fincher’s Benjamin Button ist dort angesiedelt und erweitert die Short Story Fitzgerald’s deswegen um eine Erzählebene. Ich hoffe, ihr seid für’s erste ausreichen querverwiesen.