Tag-Archiv für 'piet-mondrian'

Fundsache (8)


Aus nachvollziehbaren Gründen gibt’s heute eine Aufnahme dieses Gebäudes.
Gefunden in der Hochstraße 6, Bottrop.

Das Mondrian-Experiment

Über die an anderer Stelle besprochene Computerkunst bin ich auf ein bemerkenswertes Experiment von A. Michael Noll in den berüchtigten Bell Labs in Anlehnung an den Turing-Test gestoßen – das Mondrian-Experiment. Orientiert an Piet Mondrians Bild „Composition with Lines“ von 1917 schrieb Noll mitte der 60er Jahre mit seinen Mitarbeitern ein Programm, welches unter Berücksichtigung distinkter Merkmale des Gemäldes (runde Form, kürzere Balken am oberen Bildrand) Horizontal- und Querbalken nach dem Zufallsprinzip verteilte. Das Ergebnis, „Computer Composition with Lines“, wurde gemeinsam mit dem Original auf Papier kopiert und hundert Versuchspersonen vorgeführt. Diese wurden auf ihre Präferenz befragt sowie um eine Einschätzung gebeten, welches der beiden Bilder von einem Computer „gemalt“ worden sei. Stolze 59% mochten das Computerbild lieber, lediglich 28% konnten das Computerbild als solches identifizieren, was Noll zu mehreren Schlüssen verleitet:
(1)„The computer picture was described as being „neater“, more „varied“, „imaginative“"soothing“ and „abstract“. … In general, the nontechnical Ss strongly associated randomness with human creativityand therefore incorrectly identified the Mondrian as the computer generated picture.“ (aus: Human versus Machine)
(2)„In general, these people seemed to associate the randomness of the computer-generated picture with human creativity whereas the orderly bar placement of the Mondrian painting seemed to them machinelike. „
(3)„The results of the experiment in light of Turing’s proposed experiment do raise questions on the meaning of creativity and the role of randomness in artistic creation.“ (jeweils aus: The Digital Computer as a Digital Medium)

Störend an Noll’s Interpretation der Daten finde ich zweierlei: Erstens bläht er in seinen Vorannahmen Mondrian und den IBM 7094-Computer zu einer nicht haltbaren Dichotomie auf, in welcher der Künstler intuitiv seine subjektiven Gefühle unstrukturiert wiedergibt, während der Computer kalt, objektiv und exakt agiert. Künstler und Computer werden hier in das alte Gegensatzpaar Natur/Kultur eingeordnet. Folgende Statements unterstreichen dies: „(A)rtists think visually and communicate visually in a very intuitive manner. Computer programming, on the other hand, requires logical rigor in a well-formulated manner and can easily appear to be far removed from the artistic end product.“ (aus: Art ex Machina); „On the one hand, creativity has universally been regarded as the personal and somewhat mysterious domain of man; and, on the one hand, as every engineer knows, the computer can only do what it has been programmed to do – which hardly anyone would be generous enough to call creative“. (aus: The Digital Computer as a Creative Medium); „The writing of the computer program was done in an objective manner incorporating appropriate mathematical formulas. All of this indicates that no attempt was made to communicate any emotions on the part of the programmer to the final computer pattern. Therefore, the experiment compared the results of an intellectual, non-emotional endeavor involving a computer with the pattern produced by a painter whose work has been characterized as expressing the emotions and mysticism of its author.“ (aus: Man versus Machine). In solcher Deutlichkeit wird die formale Strenge Mondrians einzig und allein zu dem Zweck hervorgehoben, die überraschenden Testergebnisse als Beweis der Kunstfähigkeit des Computers zu feiern (denn, wie regelmäßige Besucher wissen, ist Noll Computerkünstler).

Diese Dichotomie ist deswegen nicht haltbar, weil, wie Noll in „Human versus Machine“ selbst sagt, dem Mondrian ebenso wie dem Computerbild ein (allerdings unbekannter) Algorithmus zugrunde liegt. Die aufgebauschte Dichotomie ist vielmehr eine strukturelle Analogie, die noch enger werden könnte, die Noll in „Computers and the Visual Arts“ zeigt (Abb. 4). Womit wir zu Zweitens kämen. Dass Bild ist wegen des simplen Bildaufbaus und der ausschließlichen Verwendung von Schwarz und Weiß verwendet worden, da ein ähnlicher Algorithmus schnell gefunden werden konnte. Die Begeisterung der Techniker verstellt allerdings ihren Blick für den Umkehrschluss: Nicht nur der Computer kann sich Malerei annähern, sondern auch Malerei kann sich mathematisch-abstrakter Mittel bedienen – und genau das hat Mondrian versucht. Er hat eine Kunst nach streng mathematisch-formalen Prinzipien entwickeln, welche Spuren des schaffenden Subjektes im Werk zurückdrängen wollte. Innerhalb des universalen (oder intersubjektiven) Rahmens seiner Gestaltungsmittel (Horizontale, Vertikale, Linien, Flächen, Farben lediglich in Schwarz, Weiß und die Primärfarben) kann der Künstler eine Komposition (so die Namen der meisten Bilder Mondrians) verwirklichen, deren Rhythmus er subjektiv bestimmt. So oder ähnlich steht es in den zahlreichen Aufsätzen des Malers, die Noll und Anhang aber wohl nicht gelesen haben, sonst würden sie ja nicht von mysteriöser Emotionalität in den Bildern schwafeln. Falls doch, wurde sämtliches Wissen über Mondrians Kunst unterschlagen, nur um den exakten Computer irgendwie kreativ ruchbar zu machen; dass Mondrian in seiner Kunst auch auf die mathematische Exaktheit zugeht, hätte sich ja auf das gewünschte

Ergebnis ausgewirkt. Dennoch möchte ich auch versöhnliche Töne anschlagen. Ich halte das Experiment für sehr erfreulich und gelungen, allerdings in seiner Aussage über Mondrian. Es zeigt, dass die Zurückdrängung des Subjektiven keine spinnerte Prämissen Mondrians gewesen ist, sondern sich schon im Kindheitsstadium des Computers, als andere Bilder noch nicht algorithmisiert werden konnten, nachweisen ließ. Und es zeigt erneut, dass der Schlüssel zu Mondrian über dessen Texte geht. Um nochmal zu verdeutlichen, wie unzutreffend die Natur/Kultur-Dichotomie ist, macht wiederum ein Blick in Mondrians „Die Neue Gestaltung in der Malerei“ deutlich. Hier macht selbiger jenes Gegensatzpaar auf, ordnet sich selbst jedoch der Kultur, den Landsmann Van Gogh der Natur zu. Während Mondrian abstrakt und in geschlossenen Wänden arbeitete, erstellte Van Gogh seine Bilder in der Natur und unter Verwendung darstellender Malerei. Wer es noch deutlicher haben möchte, dem sei gesagt, dass Van Gogh’s Werke inzwischen sogar als Speicher für Sandpartikel gehandelt werden (hier der Nachfolger). Mehr natur geht wohl nicht.

Alle zitierten Texte auf der Noll-Website unter Computer Art.

Neue Sinnlichkeit

Nachdem vor einiger Zeit der Architekt Ulrich Müther an dieser Stelle behandelt wurde, wenden wir uns diesmal dem Brasilianer Oscar Niemeyer zu, wie Müther ebenfalls des Spritz- und Stahlbeton samt deren formalem Expansionspotential verfallen. In einer detailreichen Doku über sein Leben und Werk, „Oscar Niemeyer – Das Leben ein Hauch“, kanzelt der Altmeister das Bauhaus als „Paradies der Mittelmäßigkeit“ ab, was mit folgender Anekdote untermauert wird: Gropius besichtigte einst Niemeyers wirklich wunderschönes Haus in Rio (s. Bilder), zeigte sich

auch vollends begeistert, bedauerte aber dessen Serienuntauglichkeit. Doch nicht allein über die formale Kälte des rechten Winkels rotzt Niemeyer, der überzeugte Kommunist, ordentlich ab, ebenfalls prangerte er vermeintliche Zuliefererdienste der Bauhausboys an den Kapitalismus an. Der theoretischen Durchdringung des rechten Winkels durch z.B. Mondrian wird das natürlich absolut nicht gerecht, geht allerdings auch nicht gänzlich an den Tatsachen vorbei, hat doch die Wirtschaft tatsächlich die Bauhaus-Idee des Neuen Menschen korrumpiert und in eigene Zweckzusammenhänge gestellt. Das große Aber jedoch, auch Niemeyer ist nicht der große Säulenheilige, neben dem Hauptsitz der Kommunistischen Partei in Paris haben sich auch Regierung und Banken seine Dienste gesichert. Und: als theoretischer Überbau für seine Architektur müssen Verweise auf die sinnlichen Formen des Brasilianischen Landes und, vor allem, seiner Frauen genügen. Der vehemente Nationalismus und Machismos Niemeyers nervt wirklich, zumal er in Gebäude gegossen wurde, welche von der Bevölkerung des immerhin fünftgrößten Landes als sowohl grundlegend als auch beispielhaft für dessen Fortschritt angesehen wird. Die vermeintliche Neue Sinnlichkeit der Moderne ist also nicht unproblematisch und bestenfalls formal ein Fortschritt gegenüber des Bauhauses, welches Trennendes zwischen den Nationen aufheben wollte. Problematisieren möchte der Fim allerdings nicht, und so reden sämtliche Intellektuelle im Film ihrem „Genie“ nach dem Mund, was schade ist. Die Bauten gefallen trotzdem, nur sie theoretisch zu füllen, sollte man nicht den Brasilianern überlassen.

Verfall und Form. Scharounschule in Marl vergammelt

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Am kürzlich begangenen „Tag des Denkmals“ startete die anthroposophische Christengemeinschaft Bochum einen Spendenaufruf für ihre Johanneskirche. Einige Verfallserscheinungen an der 1966 erbauten Kirche machen Renovierungsarbeiten nötig, heißt es, zu nichts Geringerem als dem „Erhalt der Johanneskirche“ wurde aufgerufen. Wenn auch Aufruf und Renovierung nicht ohne Berechtigung sind, so scheinen doch die Maßnahmen überzogen im Verhältnis zu einem nicht wesentlich älteren Bau des Architekten Hans Scharoun. Die Rede ist scharoun2 von der Haupt- und Grundschule Marl, inzwischen Scharounschule, wobei die Umbenennung allenfalls scheinbar einer Ehrbezeugung des Architekten geschuldet ist, sondern vielmehr ihren Grund in der Verweisung des Gebäudes hat – die Scharounschule ist heuer weder Haupt- noch Grundschule. Zwar rühmt die Stadt Marl auf ihrem Internetauftritt den Bau als „Meisterwerk der Moderne“ und zählt ihn zu den scharoun3 „bedeutenden Neubauten in Marl nach dem 2. Weltkrieg“, Gelder pumpt sie allerdings nicht in ihn. Nun hat Marl, eine Druckstelle an der Grenze von Ruhrgebiet und Münsterland, seit der Übernahme der Hüls AG durch die Degussa finanziell wenig bis keinen Handlungsspielraum, rutscht viel mehr von einer Haushaltssperre in die nächste. Dennoch, große Teil der Verwahrlosung anheim fallen zu lassen scheint Teil einer hartnäckigen Aussitztaktik zu sein, die selbst dem dicksten Oggersheimer aller Zeiten Ehre gemacht hätte. Verzögerte Sanierungen haben die scharoun4 Kosten inzwischen unnötig in die Höhe getrieben, zusätzlich argumentiert man inzwischen mit dem demographischen Wandel, der eine der vielen Grundschulen unnötig mache. Dem kann man zustimmen, was jedoch in der Konsequenz keine Aufgabe des Gebäudes nach sich ziehen muss. Zurzeit beheimatet die Scharounschule keine Klassen, und das wird sich – schade oder nicht – auch nicht mehr ändern. Trotzdem sollte es möglich sein, Konzepte zur sinnvollen Nutzung des Gebäudes zu entwickeln, welche die gegenwärtige Nutzung durch Musikschule und ein offenes Atelier mit dem sinnigen Namen TuDu durch Abend- und Volkshochschulkurse, vielleicht sogar Büroräume ergänzt. Leider gelingt dies einem eigens gegründeten Initiativkreis nicht im Geringsten, der sich nach wie vor an einen Erhalt im Sinne der scharounschen Raumpädagogik klammert.
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Der Knackpunkt bleibt in jedem Fall die Finanzierung eines irgendwie gearteten Sanierungskonzeptes, da durch fehlende Ideen auch der Zugang zu den Fleischtöpfen des Ruhrgebiets 2010 verschlossen blieb. Ehemalige Scharounschüler und Architekturfreunde, die mit Hand und Geld helfen, sollte es dennoch genug geben, nicht zuletzt, da seitens des Bundes Deutsche Architekten für den Erhalt geworben wird. Union Berlin hat’s erst kürzlich vorgemacht, und die „Alte Försterei“ mit viel Schweiß und wenig Geld saniert; vielleicht ein Modell für den scharoun6 Initiativkreis Scharoun-Schule. Dort fehlt es aber zunächst an Elementarem wie Öffentlichkeitsarbeit. Eine Website könnte helfen.
Gänzlich ohne Reiz ist ein Streifzug durch das Gebäude im jetzigen Zustand doch durchaus nicht. Vom noch genutzten Eingangsbereich ausgehend erschließt sich die organische Bauweise Scharouns, in dessen Verständnis das Haus als dritte Haut nicht absolut vom Unkulturraum Natur abgegrenzt ist. Asymmetrie, starker Lichteinfall und integrierte Grünanlagen lassen Kultur und Natur im Bauwerk oszillieren. „Das Absolute gestaltet sich durch das Gerade. Maleri und Baukunst sind nach der neuen Ästhetik die konsequente Durchführung einer scharoun7 Komposition des Geraden in einander sich aufhebender Gegenüberstellung, also eine Vielheit der Zweiheit der unveränderlichen, rechtwinkligen Position“.1 Wo Mondrian zurückrechnet auf das Absolute, sucht Scharoun nach einer integrativen Ästhetik. Rechte Winkel sind daher bei ihm mehr Ausnahme den Regel. Durch die Verrottung einiger Flügel verschiebt sich die Oszillation verstärkt zur Natur, die Architektur wird verstärkt organisch. Das ist interessant für’s Auge, aber wohl kaum im Sinne des Architekten. Darum: Erhaltet die Scharounschule!

  1. Mondrian, Piet: Muß die Malerei der Architektur unterlegen sein? In: Jaffé, H.L.C.: Mondrian un De Stijl. Köln 1967, S.187f. [zurück]

Anbei weitere Photos:
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Überzeichnet: Hwang’s Gebrauchsschönheiten

Mit großer Wahrscheinlichkeit ist Google auf den meisten Rechnern dieser Welt Startseite. Weißer Hintergrund. Blau, Rot, Gelb, Blau, Grün, Rot: Google. Ein zeitloses Logo aus simpler Typographie, 1999 von Ruth Kedar geschaffen. Die Farbgebung wurde vom Vorgängerlogo übernommen. Schon kurz vorher war es üblich geworden, das Firmenlogo an Feiertagen sowie Geburtstagen berühmter Persönlichkeiten temporär umzugestalten. Seit 2000 zeichnet sich Dennis Hwang für das Design der Google Doodles verantwortlich. Für uns Nutzer von Google ist es jedesmal angenehm, statt auf das allseits bekannte Kedar-Logo zu treffen, beim Aufrufen von Google ein Doodle vorzufinden. Ich lehne mich daher mit der Behauptung, die variantenreichen Doodles tragen einen großen Teil zur Attraktivität des Dienstes bei, wahrscheinlich nicht allzu weit aus dem Fenster, spielt diese Variation des Logos doch mit der Vielseitigkeit des Unternehmens, verweist aber immer wieder auf das eigentliche Logo zurück. Zudem macht Wandelbarkeit interessant, was wohl jeder unterschreiben wird.
Hwang Doodles sind das, was Horkheimer/Adorno „Gebrauchsschönheiten“ nennen. Kunsthandwerk, welches neben seinem kunstfertigen Äußeren seinen Gebrauchswert unverhohlen ausstellt. Am meiste aber stört die beiden an dieser Art Kunst der Fließbandcharakter, der solche Kunst so sehr von ihrem alten und ach so hehren Ideal bürgerlicher Kunst unterscheidet.1 Fließbandcharakter oder Manufakturware meint natürlich jegliche Form von Serialität, was sich bei den Doodles natürlich findet: Hwang darf niemals Form, Farbe und Schrift zugleich aufgeben, wäre dann doch das Corporate Design Googles uneinheitlich statt vielseitig. Dass Hwang in seinem künstlerischen Handlungsspielraum beschränkt ist, muss ja nicht zwingend negativ aufgefasst werden, sondern kann einen Reiz ausmachen. Wenig innovativ löste Hwang 2002 die Aufgabe, Piet Mondrian und Google kompatibel zu machen.
mondrian
Die Farben fallen logischerweise weg, da bei Mondrian nur die Grundfarben Verwendung fanden, dennoch hätte man das Logo anders in der Bildsprache des Niederländers auflösen können. Dass Google seinerzeit noch nicht zu so radikalen Depravationen seines Logos neigte, zeigt auch das Monet-Doodle vier Monate früher.
monet
Mit Schrift und Farbe sind jeweils zwei der drei Dimensionen des Mutterlogos vorhanden.
Mutiger wird man im Jahr darauf, als bei den mausgrauen Ehrungen für Escher und Michelangelo jeweils ein Buchstabe aufgelöst bzw. ersetzt wird durch die „Zeichnende Hände“ bzw. den „David“
escher
michelangelo
2005 kamen Da Vinci und Van Gogh an ihren Ehrentagen zu Doodles, deren Design sich weitestgehend an vorangegangene Doodles anlehnt. Van Gogh’s Doodle unterscheidet sich von dem Monet’s nur durch die Nachahmung seiner eigenwilligen Maltechnik. In Da Vinci’s Doodle hingegen ist -wie zu erwarten war- die „Mona Lisa“ an exponierter Stelle im zweiten O angesiedelt, doch legt Hwang den Akzent durch den „vitruvianischen Mensch“ im ersten O und einer weiteren Skizze im L sowie der Kolorierung eher auf Da Vinci’s zeichnerisches, und somit naturwissenschaftliches und mechanisches Vermächtnis.
da vinci
van gogh
Radikaler wird Hwang ein Jahr später, als es ein Doodle für Munch anzufertigen gilt. Lediglich auf die Dimension der Typographie wird verzichtet, allerdings sind Farbe und Schrift so harmonisch in den „Schrei“ eingearbeitet, dass man meinen könnte, sie hätten sich schon immer darin befunden. Im selben Jahr wurde übrigens auch Louis Braille für und in seiner Blindenschrift geehrt, was zum ersten Mal eine vollständige Aufgabe von Typographie und Schrift bedeutete.
munch
braille
Im Doodle für Frank Lloyd Wright 2005 waren mal mehr als die Hälfte der Buchstaben ersetzt worden, so radikal wie im Braille-Doodle wurde es allerdings erst wieder mit Walter Gropius.
wright
gropius
Dass hier bisher ausschließlich Malern und Architekten vertreten sind, ist kein Zufall. Scheinbar tut sich Hwang mit dem Transfer akustischer, filmischer und literarischer Allgemeinplätze ins Google-Logo schwer, was die langweiligen Doodles für Luciano Pavarotti, Sir Conan Doyle und Alfred Hitchcock zeigen. Dies ist schade, da die Doodles definitiv eine kanonisierende Macht ausüben, indem sie an Künstler (und Anlässe, die Doodles zeigen auch Feier- und Jahrestage an) erinnert, oder es eben auch nicht tut. Dass sich hier weitgehend auf Vertreter der visuellen Kultur beschränkt wird, manifestiert einen Trend, der in unserer Gesellschaft schon länger zu beobachten ist, Stichwort „pictorial turn“. Anzeichen dafür ist, dass inzwischen auch zeitgenössische Künstler Doodles designen, z.B. Jeff Koons (langweilig).
koons
Bevor wir zu Hwang‘s Meisterstück kommen, hier noch einige weitere nette Doodles:

earth
laser
lego
Mehr davon gibts hier.

Wirklich gelungen ist Hwang’s Bearbeitung von Velazquez „Las Meninas“. Das von Foucault in „Die Ordnung der Dinge“ fein säuberlich herausgearbeitete Spiel mit der Reziprozität wird intelligent antizipiert. Zwischen der Schnittstelle, in welcher der Blick des Betrachtenden und das spanische Königspaar (hier das rote O) zusammenfallen, und dem Spiegel findet sich die achtköpfige Personengruppe. Die durchdachte Schachtelkonzeption des Raumes im Bild wird durch die Verschiebung der Lettern auf diese übertragen, das gelbe O lediglich im Haar der Infantin anzitiert. Ein interessanter Aspekt ergibt sich aus der Streckung des Formats des Originals zum Doodle: im Querformat fallen die Bilder an den Wänden vollständig weg. War im Bildraum vorher ein Bilderraum dargestellt, ist im Doodle lediglich ein Raum, sagen wir mal virtueller Art dargestellt, was auch das Label Google anbietet. Und in diesem Raum? Lediglich Google. Hoffen wir mal, dass es zu einem solchen Szenario des Netzes als Heuschreckenhaus niemals kommen wird. Doodle on!

velasquez
infantin

  1. Alles nachzulesen in der „Dialektik der Aufklärung“, Kapitel „Kulturindustrie“. [zurück]