Tag-Archiv für 'kittler'

Der scharfe Blick


Ursprünglich hatte ich geplant diesen Beitrag unter „Fundsachen“ abzulegen, bis ich seine Einzelteile in meinen Hirnwindungen einige Male gedreht und -wendet habe. Aber zum Anfang: Kürzlich blätterte ich im ViceMagazine und las eins der wie immer reißerischen Interviews, diesmal mit Ando Gilardi. Gilardi, von der Zeitschrift als „Italiens wichtigster Kurator nackter Personen“ vorgestellt, half bei der Erstellung eines Archivs über die Verbrechen des Holocaust, welches später u.a. als Beweisgrundlage für die Nürnberger Prozesse diente, arbeitete danach für die Kommunistische Partei Italiens, bis er sich der Herausgabe verschiedener erotischer Photomagazine verpflichtete. In jenem Interview tätigt Gilardi wie ich finde spannende Aussagen über die Natur des Bildes, wie wir sehen werden:

Ich erkenne keinerlei Rechte auf Bilder an. Das widerspricht meiner tief empfundenen moralischen Überzeugung. [I think images belong to those who see them. Viewing an image means owning that image, remembering that image. (Entnommen der englischen Ausgabe des Heftes. Diese zentralen Sätze waren dem Übersetzer wohl zuviel)]. Lass es mich so ausdrücken: Du malst ein Bild und stellst es aus. Ich komme mit meiner Kamera in deine Ausstellung und mache Fotos von deinem Bild. Ich begehe aber nur dann ein Verbrechen, wenn ich die entwickle, verkaufe und das Geld selber behalte. Wenn ich es aber zu Hause aufhängen will, es mir ansehen will, damit spielen will, einen Schnurrbart drauf malen will wie Duchamp—ist das meine Sache.
[…]
Ich habe ein Buch mit dem Titel Storia della fotografia pornografica [dt.: Die Geschichte der pornografischen Fotografie] geschrieben, weil ich das pornografische Bild, nicht unbedingt nur Foto—denn Fotos sind nur die neuste Art, ein solches Bild auszudrücken—für fundamental wichtig halte. Denk nur an die Höhlen in den Pyrenäen; eins der häufigsten Bilder, die von paläolithischen Homo Sapiens in diesen Höhlen gezeichnet wurden, ist das der Vagina. Die Vagina ist eins der ersten Dinge, die zum reinen Symbol werden: einem einfachen V. Oder ein V mit einer Linie durch die Mitte. Es ist extrem interessant nachzuverfolgen, wie sich dieses Bild im Laufe von 50.000 Jahren entwickelt hat. Die neuste Entwicklung auf diesem Gebiet ist die rasierte Pussy. Das ist erst seit kurzem üblich. Schamhaar hatte nur eine Berechtigung, als Frauen noch wie Affen auf vier Beinen liefen und das Haar eine Schutzfunktion hatte. Als Menschen anfingen, auf zwei Beinen zu laufen, verlor es seine Funktion. Ich finde das Rasieren von Schamhaar extrem interessant, weil

erst damit das Bild der perfekt sichtbaren Vagina wieder in die Ikonografie zurückgekehrt ist. Ich liebe diese Amateur-Pornografen, die versuchen, das Gesicht und die Vagina einer Frau gleichzeitig zu fokussieren. Ich würde gerne ein Buch über die Geschichte der digitalen pornografischen Fotografie schreiben.
[…]
Ich glaube, dass sie [Websites wie Youporn] das wichtigste Verlangen der Menschen ans Licht gebracht haben: den Voyeurismus. Wenn man tief in den Menschen hineinsieht, merkt man, dass wir Ficken weniger lieben, als anderen Menschen beim Ficken zuzusehen.
[…]
Ficken stinkt und strengt an und ist albern und künstlich. Es ist, wenn wir ehrlich sind, ziemlich hässlich. Und wenn man es dann macht, kann man es kaum erwarten, dass es vorbei ist, damit man endlich aufs Klo pissen gehen kann. Das trifft besonders für Frauen zu. Frauen hassen es zu vögeln. Sag jetzt nicht, dass dir das noch nie aufgefallen ist.

Ich fasse zusammen: Wer es sieht, dem gehört das Bild; der Blick ist per se besitzergreifend. Gilardi an dieser Stelle eine Utopie von einer eigentumslosen Welt vorzuwerfen ist allerdings Unsinn, nur um das Sehen geht es ihm. Gerade die Aussage, dass man ein Bild besitze, weil man es erinnere, lässt mich Parallelen ziehen zu Kittler’s These des Mediums Film als verlängerter Perzeptionsapparat. Auch Gilardi’s Ikonologie des weib-

lichen Geschlechtsteil’s bis hin zu seiner (vorläufigen?) Endstufe, der „rasierten Pussy“, lässt sich adäquat mit Kittler erklären: Statt sie durch die deformierenden Gitter des Symbolischen („einem einfachen V oder ein V mit einer Linie durch die Mitte“; das durch Schamhaar bedeckte Geschlechtsteil) zu pressen, wird die „rasierte Pussy“ als Index in ihrer „Wirklichkeit“ sichtbar. An diesem Punkt konstatiert Gilardi zweierlei, den Voyeurismus und die geringe Lust an echtem Sex, was jedoch unmittelbar miteinander zusammenhängt. Da keine komplexe Symbolik mehr den Blick auf die Vagina (als – im männlichen Blick – parsprototo für den Verkehr an sich) verstellt, sehen wir mit eigenen Augen (Stichwort Verlängerung des Perzeptionsapparates!) Explizites. Hier kommt nun Gilardi’s Copyrightthese ins Spiel, die so perfekt auf die Porno-Thematik passt, weil sie wahrscheinlich an ihr entwickelt worden ist: Wenn Sehen gleich Besitzen ist, dann meint die nackte Frau Sehen wohl Begatten. Dies erklärt einerseits den Voyeurismus in Teilen, andererseits auch die abfallende Lust an echtem Sex durch kompensierende Anstiege in der voyeuristischen Lust. Erschwerend hinzu kommen noch das verglichen mit vorangegangenen Jahrzehnten exorbitante Hygienebewußtsein und der stetig voranschreitende technische Fortschritt, welche die Lust am Begatten weiter sinken und jene am Betrachten auf Film steigen lassen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich mag Sex, und ich denke auch Herr Gilardi mag es. Allerdings ist die gesamtgesellschaftliche Lust am Betrachten keinesfalls zu leugnen (Youporn, BigBrother, StudiVZ, Facebook), weiter entwerfen visuelle Medien ein so perfektioniertes Bild von Sex, das der mit allen Sinnen praktizierte und genossene Sex dagegen nur abfallen kann. Weitergesponnen werden wir Menschen wohl unsere Perzeptionsapparatur mit Ausnahme der audivisuellen Operatoren absterben lassen und Fortpflanzungstheorien a la Houellebecq werden Wirklichkeit.

Um Kommentare wird gebeten, kontrovers ist der Artikel ja allemal.

Spiralgang ins Kino

Mit Richardson’s „The Loneliness of the Long Distance Runner“ ist an dieser Stelle schon einmal ein Film der British New Wave abgehandelt worden, was ich auch in diesem Beitrag zu tun beabsichtige, wobei der Fokus diesmal auf Karel Reisz‘ „Saturday Night, Sunday Morning“, ebenfalls nach einem Roman von Alan Sillitoe, liegt. Der virile Schlosser Arthur verabscheut ein Leben nach anderleuts Vorgaben, unter anderem deshalb pimpert er hinter dem Rücken eines Arbeitskollegen dessen Frau Brenda. Nicht dass hier der ganze Plot wiedergegeben werden soll, allerdings leitet diese gröbstmögliche Zusammenfassung direkt zum Kern dieses Bei-

trags: Als Brenda und Arthur auf dem Rummel vor Brenda’s Ehemann, Schwager und einem weiteren Lad fliehen um, klassisch, nicht zusammen gesehen zu werden, steigen sie in eine Achterbahn (off topic: Der Rummel ist auch der Star einer Free Cinema Produktion von Lindsay Anderson, „O Dreamland“). Jedenfalls wird in dieser Szene technisch eine Identifikation mit Arthur implementiert, indem der Zuschauer gemeinsam mit Arthur aus der Achterbahn heraus schaut, verschwimmende Sicht und Schwindel inklusive. Mit zwei Zitaten aus Friedrich A. Kittler’s genauso bemerkenswerten wie streitbaren Aufsatzsammlung „Draculas Vermächtnis. Technische Schriften“ haken wir uns an anderer stelle desselben Fadens ein: (1)„Wenn im luftkriegmäßig verdunkelten Vorführraum (…)ein Film anfängt, greift die Ersetzung von Zentralnervensystemen aufs Publikum selber über. (…) Alle haben sie an der Leinwand ihre Netzhaut. „Der Zuschauer“ schrieb Edgar Morin, „reagiert auf die Filmleinwand wie auf eine externe Netzhaut, die mit seinem Hirn in Fernverbindung steht“.1 (2) „Während traditionelle Künste Ordnungen des Symbolischen oder Ordnungen der Dinge verarbeiten, sendet der Film seinen Zuschauern deren eigenen Wahrnehmungsprozeß – und das in einer Präzision, die sonst nur dem Experiment zugänglich ist, also weder dem Bewußtsein noch der Sprache“.2 Es bleibt zu ergänzen, dass die technische Perzeption, wenn man nach Kittler so sagen darf, noch nicht so weit ist wie die dem Menschen naturgegebene. Die Unterschiede sind jedoch marginal, grade jetzt, wo das 3D-Kino seinen Durchbruch antritt kann man wohl von einer gesteigerten Präzision sprechen. Bei besagter Rummelszene in „Saturday Night, Sunday Morning“ wird also der Perzeptionsapparat Arthurs auf den Zuschauer gekoppelt – Figurenperspektive. Nun ist der Schwindel in Filmen keine Seltenheit, als prominentestes Bei-

spiel kann wohl Hitchcock’s „Vertigo“ (zu deutsch: Schwindel) gelten. Weiter zu nennen sind die deutschen Filme „Berlin, Symphonie einer Großstadt“ von Walther Ruttmann und Tom Tykwer’s schnell gealterter Film „Lola Rennt“. Beide Filme, letzterer wahrscheinlich sogar in Bezug auf ersteren, nutzen die Spirale als Motiv für die einsaugende Maschine (Ruttmann) respektive Game Berlin (Tykwer). Die Spirale ist allerdings nie ausschließlich Motiv (d.i. „eine traditionelle Ordnung des Symbolischen“!), auch nie bloß, wie bei Reisz, Vermittlung von Figurenperspektive, sondern immer auch eine Technik der Immersion. Der menschliche Organismus reagiert nämlich auf die Reizungen seiner „externen Netzhaut“ und reagiert mit den üblichen Reaktionen, Schwindel nämlich. Immersion, also eintauchen des Zuschauers findet statt, indem er den Film sogar körperlich wahrnimmt, anstatt auf seine kognitiven Fähigkeiten allein zurückgeworfen zu werden, wie beispielsweise durch die russische Montagetechnik. Die Spirale ist also immer auch Stilmittel, nie Motiv allein; sie saugt ein. 3D-Kino geht den entgegengesetzten Weg unter identischen Vorzeichen. Während die immersive Spirale die Leinwand konkav krümmt, kommt die Leinwand dem Zuschauer im 3D-Kino entgegen, konvex also. Jeweils verräumlicht sich die Leinwand für die Augen des Zuschauers, der nur noch einzutauchen hat.

  1. Friedrich A. Kittler: Romantik – Psychoanalyse – Film: eine Doppelgängergeschichte. In: ders.: Draculas Vermächtnis. Technische Schriften. Leipzig 1993, S. 100. [zurück]
  2. ebd., S. 103. [zurück]