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Vom Kunstwert

Einige Inhalte des letzten Artikels habe ich weiter in meinem Kopf bewegt. Die dort erwähnte Dokumentation erwähnt Warhol’s, Hirst’s und Koons‘ als vorrangige Spekulationsgegenstände auf dem Kunstmarkt, neustes Betätigungsfeld scheint nun Picasso zu sein. Manch einem mag sich der Zusammenhang zwischen dem polygamen Spanier und seinen angelsächsischen Kollegen nicht gleich erschließen, es gibt ihn aber: Alle vier Künstler kommen über die Masse. Während Picasso einfach noch ein manischer Arbeiter war, der täglich mehrere Kunstwerke produzieren konnte (die syntaktische Anordnung von Kunstwerke neben produzieren ist keineswegs zufällig, sondern soll auf die maschinelle Arbeitsweise Picassos hinweisen, die lediglich in einer verqueren Eucharistiefeier durch die genialische Berührung Picassos den bloßen Gegenstand zum Werk werden lässt. Eine genaue Analyse seines Stils im Zusammenhang mit seiner rasenden Produktion könnte durchaus erhellend auf sein Werkverständnis wirken – hier spricht kein Fan!), verwendete Warhol verschiedene Druckverfahren und auratisierte seine Factory, und mit ihr alles in ihr Produziertes, von wem auch immer es tatsächlich kam. Zu Hirst und Koons mit ihren angestellten ausführenden Künstlern ist es von dort nur noch ein Schritt. Masse also. Eben diese erlaubt innerhalb einer größeren Menge immer wieder neue Spitzenpreise zu generieren, ohne dass der unwahrscheinliche Fall eines Versiegens der Ressource eintritt. Innerhalb dieses beschränkten Feldes relativer Größe lassen sich dann durch geschickte Positionierungen, Absprachen, etc. immer neuen Werken immer neue Werte zuweisen, bis man auf ein neues Feld (meint: neuen Künstler) springt. Wie in der empfehlenswerten Ausstellung Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie schlüssig gezeigt wurde, nutzen Banken Abstrakte Kunst schon länger als Chiffre für abstrakte Finanzgeschäfte, bzw. als Ausweisung ihrer Deutungshoheit über beide. Nach einer eventuellen Eindämmung abstrakter Finanzgeschäfte könnte Kunst zur neuen Währung auf diesem Feld verkommen.

Katzengoldrausch

Vielleicht hat ja jemand seinen Samstag damit verbracht, die unglaublich geistreiche Doku von Ben Lewis „Die Millionenblase. Zerplatzte Träume am Kunstmarkt“ zu schauen. Dass der Kunstmarkt in den vergangenen 20 Jahren pervertierte, ist wohl für kaum jemanden neu. Die Gründe dafür, und um diese geht es Lewis vorderhand, vielleicht schon.
Lewis zieht einen Vergleich zur Finanzwelt, mit dem Ergebnis, dass Kartellbildung und Emissionsgeschäfte in der Kunstszene alltäglich sind und keine Verfolgung nach sich ziehen. Die Spekulanten haben sich das richtige Operationsfeld gesucht, denn im Gegensatz zu Feldern des Gebrauch-

mittelmarktes (Öl- oder Sojamarkt) ist die Ressource „Moderne Kunst“ (Begriff lässt sich beliebig ersetzen durch einen z. Zt. hoch gehandelten Namen) nicht verknappt. Das Gegenteil ist der Fall: Tausende „Künstler“ produzieren, jeder von ihnen kann potentiell für den Markt interessant (gemacht) werden, und diese können nahezu unbegrenzt „Kunst“ produzieren – Leute wie Damien Hirst und Jeff Koons tragen diesem Umstand Rechnung, indem sie weltweit mehrere „Ateliers“ mit unglaublich vielen Angestellten unterhalten. Die Begriffe sind schwammig in diesem Feld, immer schon gewesen, ist doch eine strukturelle Offenheit für Kunst konstitutiv und garantiert auch ihre Entwicklung. Finanzjongleure wissen das für sich zu nutzen, wie Lewis einleuchtend aufzeigt, und bringen auf dem Kunstmarkt das System der Hedge-Fonds durch. Traurig.
Aber seht selbst

Der Tierversuch

Journalisten schreiben ihre Überschriften nicht mehr für Menschen, sondern für Google News. Da stehen die Experten daneben und sagen ihnen die genauen Schlüsselbegriffe und sogar die Struktur des Sätze, nicht damit sie von Lesern gefunden werden, sondern zunächst mal vom Algorithmus von Google“, so FAZ-Mann Frank Schirrmacher in DeBug 139. Was für den Journalismus gilt, trifft für die Kunst genauso zu, ist doch das Feld der sogenannten Kreativwirtschaft in den letzten Jahren zum Spekulationsfeld der New Economy verkommen. Vielleicht auch deswegen klebt auf der Kunst von Walton Ford das Investoren abschreckende Label anachronistisch, lassen sich seine monumentalen Zeichenkomplexe im Gegensatz zu bspw. Gursky, Koons, oder auch Hirst doch in Zahlen (d.i. algorithmisch) nicht adäquat wiedergeben. Was also, ohne abwerten zu wollen, letztgenannte zu hochbezahlten Kunstmegastars (oder Megakunststars?) macht, degradiert Ford zum Solitär des Betriebs. Dass

dies kein Zustand bleiben kann, hat für Europa zuerst Udo Kittelmann entdeckt und mit seinem Hamburger Bahnhof begonnen, den Erfolg herzustellen, welchen des Malers Nachname doch impliziert. Wie aber funktionieren die Fordschen Zeichenkomplexe genau? Zum einen malt Ford ausschließlich Aquarelle und verpflichtet sich der vermeintlich naturgetreuen Darstellung seiner Tiere. Dies geschieht im vermeintlich sachlich-objektiven Duktus naturkundlicher Zeichnungen, nicht zuletzt auch als Referenz an John James Audubon. Sämtliche Tierarten auf den Bildern sind, wiederum grüßt die Naturkunde, nummeriert und mit lateinischem Namen aufgeführt. Diese Erfassung der Tierwelt durch Benennung überträgt der Maler ebenfalls aufs Sujet, das allegorische Gehalt der Bilder, von nahezu jedem Rezensenten hervorgehoben, stellt sich nämlich in den meisten Fällen als Anthropomorphismen heraus. Weiter sind die Bilder, um zu Google und Audubon zurückzukehren, allesamt größeren Ausmaßes, wie eben die Zeichnungen des berühmten Bildbandes „Birds of America“ und in Abgrenzung zu den kleinen Bildern, die Google ausspuckt und auf denen kein bisschen der Bleistiftnotizen zu sehen ist, die nahezu jedes Bild zuhauf zieren. Weiter sind den Bildern für Google nicht ans Bild zu bindende Zitate aus wissenschaftlichen Journalen, Reiseberichten oder Naturkundebüchern zugeordnet, welche die Bilder kommentieren, erklären oder weiter verschlüsseln. Ein Beispiel dafür ist „Le Jardin“, auf dem eine Schar Wölfe ein Bison umzingelt. Der Kommentar zitiert eine Passage eines Reiseberichtes, der eine ebensolche Situation schildert, allerdings mit einem Stier anstelle des Bisons; der Transfer in die Tierwelt Nordamerikas sowie die geweißten Wölfe öffnen also Analogschlüsse auf die Ausrottung der Indianer. Der an die Gärten von Versailles gemahnende Hintergrund samt frz. Titel hingegen lässt vermuten, dass Kultur hier als Koloniallegitimator demaskiert werden soll, ähnlich wie ich es Haneke in meinem Artikel über „Caché unterstellt habe. Sowieso Kultur, sie dient bei Ford meist in

umgekehrten Vorzeichen als Indikator für die untragbaren Zustände innerhalb der Bilder: Im Hintergrund eines Bildes reflektiert das Licht auf einem Turnerschen Meer, nur dass das Licht hier von einer brennenden Stadt stammt. Oder in „Novaya Zemlya Still Life“, der Darstellung eines Eisbären, taut am rechten Bildrand unmissverständlich Caspar David Friedrichs „Eismeer“, am schrägen Mast zu erkennen, auf. Auch watet der Bär durch einen Haufen menschlichen Schrotts, der sicherlich das Derangement eines Stilllebens darstellt (wer genaueres weiß, mache sich bitte bemerkbar!). „Novaya Zemlya Still Life“ mit der Thematik Klimawandel zeigt weiter Fords Zeitgenoßenschaft deutlich auf; der Hamburger Bahnhof muss sich also keinesfalls rechtfertigen. Überhaupt, einen wiedererkennbaren Stil zu entwickeln kann niemals falsch sein, es sei denn, der Markt diktiert die Bedingungen der Kunst.

Überzeichnet: Hwang’s Gebrauchsschönheiten

Mit großer Wahrscheinlichkeit ist Google auf den meisten Rechnern dieser Welt Startseite. Weißer Hintergrund. Blau, Rot, Gelb, Blau, Grün, Rot: Google. Ein zeitloses Logo aus simpler Typographie, 1999 von Ruth Kedar geschaffen. Die Farbgebung wurde vom Vorgängerlogo übernommen. Schon kurz vorher war es üblich geworden, das Firmenlogo an Feiertagen sowie Geburtstagen berühmter Persönlichkeiten temporär umzugestalten. Seit 2000 zeichnet sich Dennis Hwang für das Design der Google Doodles verantwortlich. Für uns Nutzer von Google ist es jedesmal angenehm, statt auf das allseits bekannte Kedar-Logo zu treffen, beim Aufrufen von Google ein Doodle vorzufinden. Ich lehne mich daher mit der Behauptung, die variantenreichen Doodles tragen einen großen Teil zur Attraktivität des Dienstes bei, wahrscheinlich nicht allzu weit aus dem Fenster, spielt diese Variation des Logos doch mit der Vielseitigkeit des Unternehmens, verweist aber immer wieder auf das eigentliche Logo zurück. Zudem macht Wandelbarkeit interessant, was wohl jeder unterschreiben wird.
Hwang Doodles sind das, was Horkheimer/Adorno „Gebrauchsschönheiten“ nennen. Kunsthandwerk, welches neben seinem kunstfertigen Äußeren seinen Gebrauchswert unverhohlen ausstellt. Am meiste aber stört die beiden an dieser Art Kunst der Fließbandcharakter, der solche Kunst so sehr von ihrem alten und ach so hehren Ideal bürgerlicher Kunst unterscheidet.1 Fließbandcharakter oder Manufakturware meint natürlich jegliche Form von Serialität, was sich bei den Doodles natürlich findet: Hwang darf niemals Form, Farbe und Schrift zugleich aufgeben, wäre dann doch das Corporate Design Googles uneinheitlich statt vielseitig. Dass Hwang in seinem künstlerischen Handlungsspielraum beschränkt ist, muss ja nicht zwingend negativ aufgefasst werden, sondern kann einen Reiz ausmachen. Wenig innovativ löste Hwang 2002 die Aufgabe, Piet Mondrian und Google kompatibel zu machen.
mondrian
Die Farben fallen logischerweise weg, da bei Mondrian nur die Grundfarben Verwendung fanden, dennoch hätte man das Logo anders in der Bildsprache des Niederländers auflösen können. Dass Google seinerzeit noch nicht zu so radikalen Depravationen seines Logos neigte, zeigt auch das Monet-Doodle vier Monate früher.
monet
Mit Schrift und Farbe sind jeweils zwei der drei Dimensionen des Mutterlogos vorhanden.
Mutiger wird man im Jahr darauf, als bei den mausgrauen Ehrungen für Escher und Michelangelo jeweils ein Buchstabe aufgelöst bzw. ersetzt wird durch die „Zeichnende Hände“ bzw. den „David“
escher
michelangelo
2005 kamen Da Vinci und Van Gogh an ihren Ehrentagen zu Doodles, deren Design sich weitestgehend an vorangegangene Doodles anlehnt. Van Gogh’s Doodle unterscheidet sich von dem Monet’s nur durch die Nachahmung seiner eigenwilligen Maltechnik. In Da Vinci’s Doodle hingegen ist -wie zu erwarten war- die „Mona Lisa“ an exponierter Stelle im zweiten O angesiedelt, doch legt Hwang den Akzent durch den „vitruvianischen Mensch“ im ersten O und einer weiteren Skizze im L sowie der Kolorierung eher auf Da Vinci’s zeichnerisches, und somit naturwissenschaftliches und mechanisches Vermächtnis.
da vinci
van gogh
Radikaler wird Hwang ein Jahr später, als es ein Doodle für Munch anzufertigen gilt. Lediglich auf die Dimension der Typographie wird verzichtet, allerdings sind Farbe und Schrift so harmonisch in den „Schrei“ eingearbeitet, dass man meinen könnte, sie hätten sich schon immer darin befunden. Im selben Jahr wurde übrigens auch Louis Braille für und in seiner Blindenschrift geehrt, was zum ersten Mal eine vollständige Aufgabe von Typographie und Schrift bedeutete.
munch
braille
Im Doodle für Frank Lloyd Wright 2005 waren mal mehr als die Hälfte der Buchstaben ersetzt worden, so radikal wie im Braille-Doodle wurde es allerdings erst wieder mit Walter Gropius.
wright
gropius
Dass hier bisher ausschließlich Malern und Architekten vertreten sind, ist kein Zufall. Scheinbar tut sich Hwang mit dem Transfer akustischer, filmischer und literarischer Allgemeinplätze ins Google-Logo schwer, was die langweiligen Doodles für Luciano Pavarotti, Sir Conan Doyle und Alfred Hitchcock zeigen. Dies ist schade, da die Doodles definitiv eine kanonisierende Macht ausüben, indem sie an Künstler (und Anlässe, die Doodles zeigen auch Feier- und Jahrestage an) erinnert, oder es eben auch nicht tut. Dass sich hier weitgehend auf Vertreter der visuellen Kultur beschränkt wird, manifestiert einen Trend, der in unserer Gesellschaft schon länger zu beobachten ist, Stichwort „pictorial turn“. Anzeichen dafür ist, dass inzwischen auch zeitgenössische Künstler Doodles designen, z.B. Jeff Koons (langweilig).
koons
Bevor wir zu Hwang‘s Meisterstück kommen, hier noch einige weitere nette Doodles:

earth
laser
lego
Mehr davon gibts hier.

Wirklich gelungen ist Hwang’s Bearbeitung von Velazquez „Las Meninas“. Das von Foucault in „Die Ordnung der Dinge“ fein säuberlich herausgearbeitete Spiel mit der Reziprozität wird intelligent antizipiert. Zwischen der Schnittstelle, in welcher der Blick des Betrachtenden und das spanische Königspaar (hier das rote O) zusammenfallen, und dem Spiegel findet sich die achtköpfige Personengruppe. Die durchdachte Schachtelkonzeption des Raumes im Bild wird durch die Verschiebung der Lettern auf diese übertragen, das gelbe O lediglich im Haar der Infantin anzitiert. Ein interessanter Aspekt ergibt sich aus der Streckung des Formats des Originals zum Doodle: im Querformat fallen die Bilder an den Wänden vollständig weg. War im Bildraum vorher ein Bilderraum dargestellt, ist im Doodle lediglich ein Raum, sagen wir mal virtueller Art dargestellt, was auch das Label Google anbietet. Und in diesem Raum? Lediglich Google. Hoffen wir mal, dass es zu einem solchen Szenario des Netzes als Heuschreckenhaus niemals kommen wird. Doodle on!

velasquez
infantin

  1. Alles nachzulesen in der „Dialektik der Aufklärung“, Kapitel „Kulturindustrie“. [zurück]