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Wem’s die Zeit schlägt – Buck/Herzog

Vor einiger Zeit las ich ein Interview mit Detlev Buck in der Zeit, in welchem der Regisseur eine bemerkenswerte Äußerung vom Stapel ließ: „Wenn ich mir einen Film ansehe, drehe ich auch manchmal den Ton weg und schaue, ob ich ihn dann noch begreife. Wenn ich ihn nicht mehr begreife, dann ist er nicht präzise gemacht.“ Zugegeben, dies ist eine sehr handwerkliche Feststellung die sich anfechten lässt. Sicherlich finden sich zahllose Beispiele die den audivisuellen Charakter des Films hervorheben, dennoch: selbst bei Videoclips oder Ruttmann’s Symphonie einer Großstadt affiziert das Bild den Rhythmus der Musik. Buck scheint also nicht Unrecht zu haben, und auch ich sehe meine These vom Primat des Auges bestätigt, die schon am Ende des letzten Posts mitschwang. Wer jetzt meint, mit Derek Jarman’s Blue (siehe unten) einen Gegenbeweis führen zu können, wird sich eingestehen müssen, dass dieser Film (1) eine Sonderstellung einnimmt, (2) dennoch das Primat des Bildes enthält, denn der Titel verweist uneindeutig auf Visuelles und (3) der monochrome Schirm kann als negative Referenz auf eben dieses Primat oder eben des Regisseur’s Verlust des Augenlichts verstanden werden. Blue ist eben deswegen kein Hörspiel sondern Film, weil der Verlust des Auges im Zentrum dieser Arbeit steht. Ein schmerzlicher Verlust für jemanden, dessen Beruf war zu sehen und sehen zu lassen. (Weitere Filme über das Blindwerden sind von Trier’s Dancer in the Dark, Blind und eine bewegende Szene in Schmetterling und Taucherglocke von Julian Schnabel, um nur einige zu nennen).

Mit Werner Herzog gab ein deutscher Regisseur ganz anderer Kragenweite demselben Blatt ein Interview für die heutige Ausgabe, welches ebenfalls Anstöße gibt: „Für mich ist Los Angeles die amerikanische Stadt mit der größten Substanz. Ich meine natürlich nicht die reine Oberfläche, den Glitz und den Glamour von Hollywood. Aber alle wichtigen Trends des vergangenen Jahrhunderts kommen aus Kalifornien: die kollektiven Träume im Kino weltweit. Die Tatsache, dass Homosexuelle als integraler Bestandteil einer Gesellschaft anerkannt werden. Die Computertechnologie. Die großen Internetinnovationen. Und im Übrigen auch die Dummheiten wie Hippie und New Age. Es gibt nur zwei Ausnahmen. Die grüne Bewegung kommt eher aus Skandinavien. Und der islamische Fundamentalismus kommt auch nicht aus Kalifornien.“ Vieleicht ist es mehr ein persönlicher Eindruck, allerdings hatte ich bisher das Gefühl, Kalifornien würde in Europa eher wegen seiner „Dummheiten“ wahrgenommen. Doch man muss Herzog bestätigen, Kalifornien ist der Leitwolf westlicher Kultur, alle anderen bloß Rudeltiere.
Ein weiteres Zitat finde ich ebenfalls wert hervorzuheben: „Ursprünglich war das Drehbuch für New York geschrieben. Dann wurde aus verschiedenen Überlegungen sehr schnell New Orleans gewählt. Mir war sofort klar, dass man möglichst kurz nach dem Hurrikan Katrina drehen musste. Ich wollte eine Stadt zeigen, die nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich zerstört ist. Und natürlich hat mich die Parallele von innerer und äußererLandschaft interessiert.“ Herzog der alte Romantiker muss natürlich wieder Entsprechungen für seine Seelenlandschaften finden. Gemeint ist natürlich Herzog’s aktueller Film, Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen, mit Nicolas Cage als austickendem Cop. Warum, habe ich mich hier gefragt, ist das Post-Katrina New Orleans so anziehend für Filmemacher und lässt sich so einfach filmisch vereinnahmen? Auch Fincher’s Benjamin Button ist dort angesiedelt und erweitert die Short Story Fitzgerald’s deswegen um eine Erzählebene. Ich hoffe, ihr seid für’s erste ausreichen querverwiesen.

Wenn Schäume Träume werden

Lange hatte ich aufgeschoben die aktuelle Ausgabe von Mono.Kultur zu lesen. Was Tilda Swinton Interessantes zu sagen haben sollte, ging mir nicht auf. Eine Stunde Aufenthalt in Manchester Central ließen mich dann doch zur Zeitschrift greifen, die, wie eigentlich immer, eine vollauf überzeugende Ausgabe auf die Beine gestellt hat (Bei all der Schleichwerbung sollte nicht unerwähnt bleiben, dass kürzlich der Heftpreis angehoben wurde). Man kann zu Mrs. Swinton stehen wie man will – mir persönlich stößt ihre ostentative Inszenierung als Independentkünstler („Ich arbeite in Hollywood nur um zu Spionieren“) sauer auf – fraglos ist sie jedoch eine vielseitig engagierte Künstlerin, soviel ist dem Heft zu entnehmen. Lediglich ein Punkt des Interviews soll hier gesondert hervorgehoben werden, nämlich die von Swinton gemeinsam mit Mark Cousins gegründete Stiftung 8 1/2. Eben diese Eightandahalf Foundation hat es sich zum Ziel gemacht, einen achteinhalbsten Geburtstag zu installieren, in dem persönlicher und öffentlicher Feiertag kulminieren. Das „Geburtstagkind“ bekommt zu dem jeweiligen Datum einen Film zugesandt, der aus einer auf der Website der Stiftung einsehbaren Auswahl stammt, wobei diese sich nach einer Vorstellung von Kino zusammenzusetzen scheint, die einem kinematographischen Realismus entgegen steht. Dies geht zumindest aus einem Brief mit Manifestcharakter hervor, den Swanton in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichte. Der Brief mit Adressatenfiktion an ihren Sohn, greift Ideen von Deleuze und Adorno/Horkheimer auf, sprich leitet ein träumerische Poetik aus der historischen Nähe des Kinos zur Psychoanalyse ab: „We live in the inverted commas “reality” age – ever awake, too tired and chewed to dream, square-eyed, and addicted to the reality of tv…from getting to know realllll people to getting to cook reallll food to getting to dress realllll bodies… all playing at life. (…) The state of cinema IS a dream state. No known address. Occupied, dictated, created by no one. When it comes to moving goalposts, what art form could be described as more flexible than film?“ Das alles ist ein bisschen kitschig und emphatisch feucht, aber wen kümmert das, wenn das Ergebnis so ausfällt. Auf der Website sind bisher „The Red Shoes“, „The King of Masks“, Tati’s „Mon Oncle“ und „The Steamroller and the Violin“ von Andrei Tarkovsky, wobei das Register vermutlich noch ergänzt wird. Tipps dafür gibt’s ebenfalls von der Mono.Kultur, die dezent in das Interview eingeflochten sind.