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Shirin Neshat macht in Film!

Nun gut, allzu lang wird dieser Eintrag nicht, aber das Shirin Neshat einen Spielfilm dreht, scheint mir umbedingt erwähnenswert. Hier findet ihr ein Interview zum Thema, unten den Trailer.

Nase in den Angelegenheiten

Schon häufig habe ich hier auf das Primat des Auges hingewiesen. Dass dieses keinesfalls eine unverrückbare Tatsache darstellt, machte mir nun Sissel Tolaas deutlich, auf die ich wiederum über Mono-Kultur gekommen bin, die ich an dieser Stelle erneute emphatisch bewerben möchte. Aber zurück zu Frau Tolaas, Geruchskünstlerin („Ich bin im Kunstbereich, weil ich mich nicht entscheiden konnte, wo ich hingehöre. Oder weil die Gesellschaft nicht weiß, wo sie mich hinstecken soll. In der Kunst fragt dich keiner, ob du studiert hast und wo du dich einordnest. Hauptsache, du lieferst Ergebnisse.“) mit Harvard-Professur für unsichtbare Kommunikation. Zwar habe ich die aktuelle Ausgabe noch nicht durch, dafür allerdings ein Interview der Süddeutschen mit eben dieser Person, welches interessante Anknüpfungspunkte bietet:
1.) „Der Geruchssinn kommt immer zuerst. Wir atmen etwa 23.760-mal pro Tag, und mit jedem Atemzug bewegen wir Moleküle, das heißt, jeder Atemzug geht durch die Nase ins Gehirn. Er wird dort zwar bearbeitet – aber wir haben keine Möglichkeit, damit dann etwas in unserem Alltag anzufangen. Die Nase wird in unserer Gesellschaft sozusagen völlig unterschätzt, ihre Ausbildung vernachlässigt.“
Also von wegen Primat des Auges. Vielmehr ist der Geruchssinn kontinuierlich in Betrieb, Erkältungsfälle mal ausgeschlossen. Dass dieser Sinn, wie alle sogenannten „niederen Sinne“, in unserer Gesellschaft marginalisiert wird, leuchtet ein. Warum das so ist, wird leider nicht erläutert.

2.) „Uns bleiben meist nur zwei Wörter, um Gerüche zu beschreiben: etwas riecht gut – oder etwas riecht schlecht. Wir können aber tatsächlich 10.000 Gerüche speichern! Wir haben verlernt zu riechen.“
Die alte Leier, Sprache konstituiert denken. Doch Frau Tolaas hat eine Lösung parat, nämlich…
3.) „Ich bin dabei, eine Sprachsemiotik zu entwickeln, also Wörter zu kreieren, die Gerüche erfassen. Keine europäische Sprache kennt ein solches System. Aber in kleineren Sprachen wie dem Aztekischen gibt es interessante Wörter und Begriffe.“
Ich schließe daraus mal, dass Frau Tolaas dem mit kunstsprachlichen Elementen abhelfen möchte. Ein interessantes Unterfangen, dessen Erfolgschancen meiner Meinung nach knapp bemessen ist, weil…
4.) „Die Industrie verdient an Gerüchen ein Vermögen, die Mode-Industrie verdient ihr Geld am Parfum – und nicht durch die Mode.“
Also, um „Unsichtbares“ zu verkaufen, braucht es eine visuelle Repräsentanz, in diesem Fall eben Mode. Zeichentheoretisch ausgedrückt: Signifikanten an unsichtbare Signifikate zu binden, ohne dass diese wenigstens Ideen („Wahrheit“; „Staat“;…) repräsentieren, scheint mir problematisch. Dennoch, das Phänomen ist interessant und bleibt unter verschärfter Beobachtung.

Zwei Dimensionen in Caché


Kürzlich lieh ich mir „Caché“ von Michael Haneke aus, einen sehenswerten Film, der nicht umsonst von Sight & Sound zu den wichtigsten Filmen der der Nullerjahre gewählt wurde. Ohne den Film hier ausführlich besprechen zu wollen, möchte ich auf zwei Dimensionen darin näher eingehen.
Medienskepsis ist nicht das Thema aller Regisseure, Haneke hingegen ist sie ein Anliegen. In beiden „Funny Games„-Filmen spult er hin und her, dass die Zuschauer zuhauf aus der Diegese geschleudert werden, was auch hier geschieht und den Zuschauer zu jedem Zeitpunkt zweifeln lässt, ob er einen Film, oder eben einen Film im Film sieht. Haneke erklärt in einem Interview (leoder ist der Interviewende unheimlich nervig!) auf der DVD, er wolle die manipulierenden Prämissen der Medien freilegen, da, was für viele Menschen neu sei, Medien niemals die Wahrheit zeigen. Mache man sich die Diskrepanz zwischen Realität und Medien-Realität bewusst, habe das eine Destabilisierung zur Folge. Eine Destabilisierung ziehe laut Interview ebenso alles das nach sich, was unter den Teppich gekehrt wurde und dort Unebenheiten bilde. Unter den Teppich gekehrt wurden in Frankreich bspw. das Massaker von Paris 1961, der unglaubliche Gewaltausbruch einer Kolonialmacht an ihren kolonialisierten Subjekten. Im Film wird Georges nach Jahren mit seinen persönlichen Verschuldungen in diesem Zusammenhang konfrontiert, und reagiert denkbar schlecht. Der Umstand, dass mit Georges ein Literaturkritiker der französischen Kulturnation sich grausam gegenüber seinem ungebildeten Fastadoptivbruder verhält, bringt mich, zusammen mit anderen kleineren Faktoren zu der Meinung, Haneke hat mit Caché eine Parabel entworfen, die nachzeichnet wie stark unsere Kultur auf der Unterdrückung anderer gewachsen ist. Auch diese Lesart ist höchst destabilisierend, ganz nach Haneke’s fast schon poetologischer Aussage im Interview, dass man sich nur destabilisierender Filme erinnere. Pasolini’s „Die 120 Tage von Sodom“ sei das für ihn gewesen, und wer diesen Film gesehen hat, kann Haneke’s Beschreibung eines mehrtägig anhaltenden geistigen Ekels absolut nachempfinden. Wirklich versteckt hält „Caché“ übrigens auch ein versöhnliches Ende parat, einer Destabilisierung ist dies jedoch nicht abträglich.

Teufelsaustreibung


Das Musikvideo ist eine schnelllebige Kunstform, irgendwo zwischen Werbefilm, plumper Unterhaltung und Spielwiese für junge Regisseure. Natürlich, einige Regisseure haben sich über Musikvideo’s einen Namen gemacht, Spike Jones, Michel Gondry, Jonathan Glazer, sicherlich auch David Fincher. Trotzdem zeigt diese illustre Liste ebenso, dass Regisseure schnell den Absprung machen, wenn sie über einen Zeitraum von 4 Minuten hinaus und ohne dominante Musik erzählen können. Lange Rede, kurzer Sinn – gute Musikvideos sind, gemessen an der Menge produzierter Clips, rar, umso bemerkenswerter ist Toby Dye’s Clip für Massive Attack, „Paradise Circus“.

Massive Attack Paradise Circus from sabakan on Vimeo.

Wie jedes Musikvideo hat auch „Paradise Circus“ zwei Schichten, Bild und Musik, die ineinander greifen. Dise zwei Schichten teilen sich ebenfalls jeweils; die Musik in Text und Musik (eine spitzfindige Aufteilung, die hier nicht weiter von Interesse ist), und das Bild in ein Medley aus Gerard Damiano’s 70erjahre Porno „The Devil in Miss Jones“ und Partikel eines Interviews mit der inzwischen gealterten Hauptdarstellerin Georgina Spelvin. Um die ebenen des Bildes soll es in er Folge gehen, daher noch einige Informationen zu „The Devil in Miss Jones“. Im Unterschied zu Damiano’s bekanntem Vorgängerfilm „Deep Throat“ weißt „The Devil in Miss Jones“ eine für Pornos untypische Plotline auf. Eben jene von Georgina Spelvin gespielte Miss Jones setzt ihrem reinen, unschuldigem und sündenfreien Leben in der ersten Szene ein Ende, woraufhin sie sich an einem Ort wiederfindet, den Dante wohl ein Purgatorium genannt hätte. Hier bekommt sie die Chance, all die zu Lebzeiten verpasste Wollust nachzuholen und


sich nach allen Regeln der Kunst durchknallen zu lassen. Sie nimmt an, und die was den Porno zum Porno macht beginnt: Männer, Frauen, Tiere, Spielzeug. Vollkommen „sexuell erschlossen“ (wie Diane Keaton in „Manhattan“ so schön sagt) und gierig nach mehr kehrt die junge Frau ins Purgatorium zurück und wandert straks, dem unverzeihlichen Suizid sei dank, in die „Hölle“. Diese stellt sich so dar, dass die willige Frau die Ewigkeit eingesperrt mit einem begehrenswerten Mann verbringt, der allerdings kein Interesse zeigt, sie zu befriedigen. Der Stachel der Leidenschaft brennt in ihr, ohne Aussicht auf Linderung. Die wilde Fickerei war, so schön sie auch gewesen ist, schon Teil ihrer Bestrafung.
Toby Dye splittert die Diegese des Films in seinem Video auf, indem er den blühenden Körper, der im Film „erweckt“ und danach „gegeißelt“ wird, im Zustand fortgeschrittener Verwelkung zeigt und, und das ist wahrscheinlich noch bedeutsamer, die Lust als schauspielerische Darbietung erinnern lässt. Mit intelligenter und teilweise auch ironischer („attraction“!) Montage verzahnt der Regisseur das Interview mit seinem Gegenstand, dem Film. Besonders eingängig ist Schnittreihe zwischen der jungen Georgina Spelvin als Miss Jones und der gealterten Schauspielerin. Hier verfällt das konservierte Ideal des jungen Körpers – und mit der Stimulans auch deren Stimulanz! Einen ähnlichen Effekt haben ihre Schilderungen des Filmsets („probably the most unconfortable and humiliating thing I‘ve ever done“zitat). Vielleicht, aber auch wirklich nur vielleicht ist dieser Clip eine Reaktion auf die Verwendung uralter Denkmuster durch Damiano: die besessene Frau, deren Lust (im Gegensatz zu der des


Mannes) verwerflich, die „besessen“ ist. Natürlich, Pornos arbeiten mit eingängigsten Mustern, wollen sie doch schnellstmöglich und breitenwirksam anregen. Der Clip zerlegt diese Mechanismen säuberlich und treibt den Teufel der Hexenjagd aus, indem er das Lustobjekt Körper psychologisiert, den (inzwischen gealterten) Menschen dahinter zeigt. Der Text mag meiner These wiedersprechen, allerdings fällt auf, sieht man genau hin, dass die Musik das Bild subvertiert. Wenn visuell mehrere Orgasmen ablaufen, verharrt die Musik gemächlich in einer Bridge, ein Kontrapunkt einerseits, andererseits aber auch die Entsprechung eines Orgamus‘ nach der Beschreibung Spelvin’s: The point in time that can‘t be measured. Vielleicht auch ein Äußerung, die die Musik von Massive Attack treffend beschreibt, schenkt man Thomas Gross, der am 4.2. in der Zeit die Tracks von MA als „Inseln im Meer der Beschleunigung“ bezeichnete.
Für mich weiter interessant war die Äußerung, dass der Sex vor dem Kameraauge spannend war – eben durch die Kamera. Dies ist definitiv interessant im Zusammenhang mit dem, was Ando Gilardi zur Thematik zu sagen hat.
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