Tag-Archiv für 'immersion'

Auf engstem Raum

Nein, nicht um Fußball soll es in diesem Artikel gehen, zumindest nicht direkt. In der aktuellen Ausgabe des selbstbezeichneten Magazins für Fussballkultur, 11Freunde, findet sich nämlich ein Dossier (manch einer würde wohl „Essay“ sagen), dem auch solche, denen sich die Faszination dieses Sports nicht erschließt, etwas abgewinnen können. Gemeint ist der Artikel „Fußball & Fotografie“ des Niederländers Hans van der Meer. Hierin schildert van der Meer, wie ihm Ende der Achtziger ein Archivar 70 Jahre alte Aufnahmen von Fußballspielen zeigte: „Was unmittelbar auffällt, ist die Räumlichkeit in den Bildern. Diese Fußballfotos stehen in großem Kontrast zu jenen Nahaufnahmen von Spielern im Duell um den Ball, wie sie heute schon lange die Zeitungen füllen. Bei denen man meistens keine Ahnung hat, wo die Spieler sich auf dem Platz befinden, was gerade passiert ist und noch passieren könnte. Auf diesen alten Totalen sah ich zwei elementare Dinge, die bei den Nahaufnahmen von Fußball fehlen: eine erkennbare Spielsituation auf dem Platz und ein Blick auf die Welt dahinter.“ Ein Befund dem durchaus zuzustimmen ist, sehen wir uns heuer doch Close-Up’s mit Bildunterschriften wie „…Verein x hatte in y wie a hier im Duell mit b einen schweren Stand“ ausgesetzt, durchaus kein unerklärliches Phänomen, wissen wir doch seit


McLuhan, dass die Funktionen von Vorgänger- in Nachfolgemedien aufgenommen werden. Diesen Schluss zieht auch van der Meer: „Irgendwo zwischen dem Ende der Fünfziger und dem Beginn der Sechziger des letzten Jahrhunderts ist die Übersicht aus der Fußballfotografie verschwunden. Das ist in den Archiven gut zu verfolgen. Der Wendepunkt fällt mit der Phase zusammen, in der das Fernsehen aufkommt. Dazu ermöglichen technische Entwicklungen wie schnellere Filme und längere Objektive den Fotografen, das gesamte Spielfeld zu erreichen. Von da an wird nur noch auf die Spieler gezoomt. Das wichtigste fotografische Mittel, der Standpunkt, wird endgültig den Kameras überlassen.Das Fernsehen mal wieder! Es enthebt die Fotografie der Funktion das Spiel zu erklären, sie muss lediglich das Spiel in einem Bild abstrahiert zusammenfassen. Das indexikalische Verhältnis der Fotografie zur Lebenswelt wird zwar nicht zurückgedrängt, allerdings stark symbolisch aufgeladen. Auch, so van der Meer, fehle auf solchen Close-Up’s „der Blick auf die Welt jenseits der Linie.“ Dies sei deswegen bemerkenswert, da die faktischen „parallele Realität des Spiels zwischen den Linien und einer Außenwelt“ in der Nahaufnahme aufgelöst wird, Immersion stattfindet: „Auf dem Platz herrscht die Vorstellungskraft, und drum herum ist die unentrinnbare Wirklichkeit, die sich nichts davon annimmt, Mit dem Verlassen des Stadions nach einem mitreißenden Spiel erfahren wir eine ähnliche Rückbesinnung wie beim Verlassen eines Kinos. “ Diese Immersion zitieren die heutigen Fußballfotos mit ihrem aufgelösten Standpunkt an, während die ältere Technik eher an epische Malerei anlehnt und verstärkt an die Vorstellungskraft appelliert. Beides hat Vor- und Nachteile, allerdings funktionieren van der Meers Bilder auch außerhalb des Kontextes der aufgenommenen Spielpaarung, was die Hängungen von Hans van der Meer im Kröller-Müller-Museum belegen.
Mehr zum Thema lest ihr in besagtem Magazin, welches auch in jeder Ausgabe ein doppelseitiges Foto des besagten Fotografen abdruckt.

Avatar. Alles ist gesagt.


„Da schreibt er schon übertrieben viel über Film und kommt dann nicht mal mit einer dezidierten Kritik über James Cameron’s Rundumschlag „Avatar“ um die Ecke“, mag manch einer gesagt haben. Stimmt. Zwar habe ich, Punkt Eins, den Film gesehen, allerdings nicht in der ach so bahnbrechenden 3D-Version und, Punkt Zwei, einige schlaue Rezensionen darüber gelesen, die mich mit ihrer Qualität aus der Pflicht genommen haben. Eine stammt von Mark Fisher, Dauerläufer für die richtige Sache auf K-Punk. Einen ähnlichen Ton schlägt Jürgen Kiontke in der Jungle World an, und mehr Euphorie kommt in Georg Sesslen’s Rezension für die taz und dem Spex-Pendant von Tomasso Schultze auf. Zusammengenommen fangen diese Texte wohl das Spektrum der Stimmen ein, die „Avatar“ provoziert hat. Und gänzlich uninteressant ist in diesem Zusammenhang mein Artikel zu Immersionstechniken auch nicht.

Spiralgang ins Kino

Mit Richardson’s „The Loneliness of the Long Distance Runner“ ist an dieser Stelle schon einmal ein Film der British New Wave abgehandelt worden, was ich auch in diesem Beitrag zu tun beabsichtige, wobei der Fokus diesmal auf Karel Reisz‘ „Saturday Night, Sunday Morning“, ebenfalls nach einem Roman von Alan Sillitoe, liegt. Der virile Schlosser Arthur verabscheut ein Leben nach anderleuts Vorgaben, unter anderem deshalb pimpert er hinter dem Rücken eines Arbeitskollegen dessen Frau Brenda. Nicht dass hier der ganze Plot wiedergegeben werden soll, allerdings leitet diese gröbstmögliche Zusammenfassung direkt zum Kern dieses Bei-

trags: Als Brenda und Arthur auf dem Rummel vor Brenda’s Ehemann, Schwager und einem weiteren Lad fliehen um, klassisch, nicht zusammen gesehen zu werden, steigen sie in eine Achterbahn (off topic: Der Rummel ist auch der Star einer Free Cinema Produktion von Lindsay Anderson, „O Dreamland“). Jedenfalls wird in dieser Szene technisch eine Identifikation mit Arthur implementiert, indem der Zuschauer gemeinsam mit Arthur aus der Achterbahn heraus schaut, verschwimmende Sicht und Schwindel inklusive. Mit zwei Zitaten aus Friedrich A. Kittler’s genauso bemerkenswerten wie streitbaren Aufsatzsammlung „Draculas Vermächtnis. Technische Schriften“ haken wir uns an anderer stelle desselben Fadens ein: (1)„Wenn im luftkriegmäßig verdunkelten Vorführraum (…)ein Film anfängt, greift die Ersetzung von Zentralnervensystemen aufs Publikum selber über. (…) Alle haben sie an der Leinwand ihre Netzhaut. „Der Zuschauer“ schrieb Edgar Morin, „reagiert auf die Filmleinwand wie auf eine externe Netzhaut, die mit seinem Hirn in Fernverbindung steht“.1 (2) „Während traditionelle Künste Ordnungen des Symbolischen oder Ordnungen der Dinge verarbeiten, sendet der Film seinen Zuschauern deren eigenen Wahrnehmungsprozeß – und das in einer Präzision, die sonst nur dem Experiment zugänglich ist, also weder dem Bewußtsein noch der Sprache“.2 Es bleibt zu ergänzen, dass die technische Perzeption, wenn man nach Kittler so sagen darf, noch nicht so weit ist wie die dem Menschen naturgegebene. Die Unterschiede sind jedoch marginal, grade jetzt, wo das 3D-Kino seinen Durchbruch antritt kann man wohl von einer gesteigerten Präzision sprechen. Bei besagter Rummelszene in „Saturday Night, Sunday Morning“ wird also der Perzeptionsapparat Arthurs auf den Zuschauer gekoppelt – Figurenperspektive. Nun ist der Schwindel in Filmen keine Seltenheit, als prominentestes Bei-

spiel kann wohl Hitchcock’s „Vertigo“ (zu deutsch: Schwindel) gelten. Weiter zu nennen sind die deutschen Filme „Berlin, Symphonie einer Großstadt“ von Walther Ruttmann und Tom Tykwer’s schnell gealterter Film „Lola Rennt“. Beide Filme, letzterer wahrscheinlich sogar in Bezug auf ersteren, nutzen die Spirale als Motiv für die einsaugende Maschine (Ruttmann) respektive Game Berlin (Tykwer). Die Spirale ist allerdings nie ausschließlich Motiv (d.i. „eine traditionelle Ordnung des Symbolischen“!), auch nie bloß, wie bei Reisz, Vermittlung von Figurenperspektive, sondern immer auch eine Technik der Immersion. Der menschliche Organismus reagiert nämlich auf die Reizungen seiner „externen Netzhaut“ und reagiert mit den üblichen Reaktionen, Schwindel nämlich. Immersion, also eintauchen des Zuschauers findet statt, indem er den Film sogar körperlich wahrnimmt, anstatt auf seine kognitiven Fähigkeiten allein zurückgeworfen zu werden, wie beispielsweise durch die russische Montagetechnik. Die Spirale ist also immer auch Stilmittel, nie Motiv allein; sie saugt ein. 3D-Kino geht den entgegengesetzten Weg unter identischen Vorzeichen. Während die immersive Spirale die Leinwand konkav krümmt, kommt die Leinwand dem Zuschauer im 3D-Kino entgegen, konvex also. Jeweils verräumlicht sich die Leinwand für die Augen des Zuschauers, der nur noch einzutauchen hat.

  1. Friedrich A. Kittler: Romantik – Psychoanalyse – Film: eine Doppelgängergeschichte. In: ders.: Draculas Vermächtnis. Technische Schriften. Leipzig 1993, S. 100. [zurück]
  2. ebd., S. 103. [zurück]