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Ain‘t it funny? (Der Komödie zweiter Teil)

Roger Caillois ist ein schlauer Mensch, da beißt die Maus keinen Faden ab. In dem uneingeschränkt zu empfehlende Buch „Die Spiele und die Menschen. Wahnsinn und Maske“ entwickelt er einen Gedanken, der an dieser Stelle weiter geführt, oder, um beim Faden zu bleiben, wieder aufgenommen werden soll. Wobei ich mir nicht anmaße auf ähnlichem Niveau zu operieren – aber dennoch. Bekanntlich entwickelt Caillois eine Soziologie des Spiels, die auf einer Kategorisierung des selben in die vier Klassen agon (Wettkampf), alea (Chance), mimikry (Maske) und ilinx (Rausch) fußt. Diese Kategorien treten zumeist in Kombination auf, wobei agon/alea und mimikry/ilinx die häufigsten Paarungen sind. Diese Pärchen sind für Caillois zudem Stufen eines evolutionistischen Modells von Gemeinschaft – welches Anthropologen allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht durchwinken würden –, nach dem unsere „modernen“ Gesellschaften größtenteils agonisch-aleatisch funktionieren, „primitivere“ Gesellschaften, Stämme etc., sich hingegen durch Rausch und Maske organisieren. Als Beispiel dafür nennt er beispielsweise religiöse Kulte. Interessant daran ist, dass Caillois über den Wechsel von einer Stufe zur nächsten spekuliert, und in diesem Zusammenhang der Satire eine zentrale Funktion zuweist. Die Satire nämlich habe die rauschhaften Rituale als Aberglaube demaskiert, indem das Ritual von jemand Unbefugtem wiederholt und damit als wirkungslose Machtnahme bloßgestellt wurde. Man könnte dies als kleine Variation der bachtinschen Karnevalstheorie betrachten, die dessen horizontales Modell von Kultur und Gegenkultur in die Vertikale setzt. Diese geringfügige Änderung hat jedoch den weitreichenden Effekt, dass der Satire – also das Sekundäre, das Zitat – entwicklungsgeschichtlich ein größerer Stellenwert zukommt als dem Primären, dem Werk, wenn man so möchte.
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Wie aber erklärt sich, dass unsere „moderne“ Gesellschaft, die doch ihren modernenen Status der Satire (oder etwas derartigem, Sekundärem) zu verdanken hat, es eher mit Goethe’s, denn Nicolai’s Werther hält? Zugegeben, das Beispiel ist schlecht gewählt, ist doch die Wertheriade des Aufklärers Goethe’s Text qualitativ unterlegen. Dennoch lässt sich konstatieren, dass wir im Allgemeinen eher dem Tragischen zugetan sind, welches ebenfalls Teil des primären Komplexes ist. Dafür exemplarisch ist vielleicht „Der junge Gelehrte“ von Lessing, eine Komödie, die das Tragische und Seriöse als Pappkamerad enthält, das zur allgemeinen Erheiterung Prügel bezieht, wie dies ganz praktisch in barocken Komödien der Fall gewesen ist. Klar, hier scheint erneut Bachtin durch; die Tragödie wie hier skizziert, ist eher monologisch, dialogisch hingegen die Komödie. Im Unterschied zu Bachtin findet sich bei Caillois jedoch kein geschlossener Kosmos, der sich gegenseitig bedingt – wie auch Tragödie und Komödie strukturell geschlossen, also zwei Seiten einer Medallie, sind; insofern ist dieses Beispiel eventuell irreführend –, sondern, wie gesagt, ein Stufenmodell. Übernehmen kann man von Bachtin das repressive Moment alles Monologischen, was nur der Karneval aufzubrechen imstande ist. Dies ist ein wichtiger Punkt: nicht das Sekundäre und Komödiante mit Montage, Plagiaten, Spielen zerstört, sondern das Primäre, Tragische mit seinem repressiven Kern und dem Ideal von Ordnung und Einheit unterdrückt ein und verdient seine „Zersetzung“, wie Goebbels diesen Vorgang nannte, unter umgekehrten Vorzeichen wohlmerkt. Das der aristotelischen Poetik ein zweiter Teil – die Komödie – fehlt, ist eine Tatsache, die Gründe dafür bleiben Spekulation. Durchaus ernstzunehmen ist meiner Meinung nach aber der von Umberto Eco literarisch ausgeschlachtete Verdacht, der Poetik zweiter Teil sei im Mittelalter vernichtete worden. Wie Jorge von Burgos im Roman sagt: „Lachen tötet die Furcht. Und ohne Furcht kann es keinen Glauben geben.“ Nichts anderes meint die Textstelle bei Caillois. Die Hegemonie der Tragödie ist Repression, meine Damen und Herren.

Ain‘t it funny?

Roger Caillois ist ein schlauer Mensch, da beißt die Maus keinen Faden ab. In dem uneingeschränkt zu empfehlende Buch „Die Spiele und die Menschen. Wahnsinn und Maske“ entwickelt er einen Gedanken, der an dieser Stelle weiter geführt, oder, um beim Faden zu bleiben, wieder aufgenommen werden soll. Wobei ich mir nicht anmaße auf ähnlichem Niveau zu operieren – aber dennoch. Bekanntlich entwickelt Caillois eine Soziologie des Spiels, die auf einer Kategorisierung des selben in die vier Klassen agon (Wettkampf), alea (Chance), mimikry (Maske) und ilinx (Rausch) fußt. Diese Kategorien treten zumeist in Kombination auf, wobei agon/alea und mimikry/ilinx die häufigsten Paarungen sind. Diese Pärchen sind für Caillois zudem Stufen eines evolutionistischen Modells von Gemeinschaft – welches Anthropologen allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht durchwinken würden –, nach dem unsere „modernen“ Gesellschaften größtenteils agonisch-aleatisch funktionieren, „primitivere“ Gesellschaften, Stämme etc., sich hingegen durch Rausch und Maske organisieren. Als Beispiel dafür nennt er beispielsweise religiöse Kulte. Interessant daran ist, dass Caillois über den Wechsel von einer Stufe zur nächsten spekuliert, und in diesem Zusammenhang der Satire eine zentrale Funktion zuweist. Die Satire nämlich habe die rauschhaften Rituale als Aberglaube demaskiert, indem das Ritual von jemand Unbefugtem wiederholt und damit als wirkungslose Machtnahme bloßgestellt wurde. Man könnte dies als kleine Variation der bachtinschen Karnevalstheorie betrachten, die dessen horizontales Modell von Kultur und Gegenkultur in die Vertikale setzt. Diese geringfügige Änderung hat jedoch den weitreichenden Effekt, dass der Satire – also das Sekundäre, das Zitat – entwicklungsgeschichtlich ein größerer Stellenwert zukommt als dem Primären, dem Werk, wenn man so möchte. tbc.