Tag-Archiv für 'frieder-nake'

Von gebogenen Geraden




Alles andere als brandneu ist die Thematik des heutigen Beitrags, allerdings bin ich ja auch nicht eure Kreiszeitung, die der Tagesaktualität nachzuhecheln hat. Das Designerpärchen Kirsten und Markus Becker hat einer simplen Idee folgend das Projekt Personal Codes konzipiert, von dem sie selbst sagen, es stelle „eine Schnittstelle dar, zwischen digitaler Fotografie und Relief.“ Ganz nüchtern haben sie einen gewichtigen Umstand zeitgenössischen Lebens, die digital codierte Datenverarbeitung, aufgegriffen, mit durchschlagendem Erfolg. Die Kunst hat seit Anbeginn der Zeit mehrere Disziplinen, tausende von Stilen und abermillionen Schulen hervorgebracht, dennoch hat sie sich immer zwischen zwei Punkten bewegt, die man grob als Naturnachahmung oder -darstellung und Abstraktion bezeichnen könnte, und deren äußerste Grenzen Natur – x (also eine Naturdarstellung, die nicht Natur ist) und das weiße Blatt (bezogen auf Malerei. In Plastik ist ein Quader denkbar, in Musik einfacher Klang) sind. Auf der Linie zwischen diesen Punkten bewegt sich die Kunst jeher, jeder Künstler ließe sich dort einordnen, Sol LeWitt näher an der Abstraktion, Film, Photographie und Soziale Plastik eher am entgegengesetzten Ende. Sollte man sich fragen, was dieser Exkurs mit den Beckers zu tun hat, dem sei gesagt, das Personal Codes eben diese Grade, welche die Kunst ist, zum Möbiusband verbogen hat, wie wir sehen werden. Ein Portraitphoto wurde in drei Stufen systematisch verzerrt und durch die Zugabe persönlicher Daten im Farbverlauf spezifisch verändert, durch die Technik des 3-D Plottens konnte dann das Modell des Persönlichkeitscodes haptisch abgebildet werden. „Der starke Abstraktionsgrad der Portraits zeigte uns, wie einfach sich im Grunde ein Persönlichkeitsbild formen läßt“, so die Beckers. Der starke Abstraktionsgrad markiert vor allem die Wanderung auf der Geraden, welche die Kunst in ihrer Gesamtheit darstellt.




Ich fühlte mich durch diese Arbeit an zweierlei erinnert, zum einen an Frieder Nake’s Unterscheidung von Ober- und Unterfläche des Kunstwerks im Zeitalter digitaler Produzierbarkeit (Ein Fehler wäre jedoch, abstrakt und codiert analog zu verwenden!). Zum anderen an einen Vergleich, den Brian Price2 in Anwendung der von David Batchelor in seinem Aufsatz Chromophobia entwickelten Theorie, die eine kulturgeschichtliche Nachordnung der Farbe hinter die Linie und die daraus folgende Diskriminierung des Farblichen als das Andere oder als zweitrangige sinnliche Erfahrung postuliert, folgend, bemühte. Batchelor’s Ansatz folgend analysierte Price „The Drunken Cobbler“ (1780-5) von Jean-Baptiste Geuze und „The Joy of Life“ (1905/6) von Henri Matisse. Bei ersterem stellt er eine Unterordnung der Farbe unter das mimetische Prinzip der Linie fest, was einhergeht mit der festen moralischen Botschaft des Bildes (“narrative painting with a clear moral adress“). Beides hingegen lässt sich nach Price in dem ungefähr 120 Jahre später entstandenen Bild von Matisse nicht mehr feststellen; weder feste, begrenzende Linie (“the line is no line at all“), noch ein damit einhergehende moralischer Appell. Durch die fehlende feste Linienführung ist eine Unterscheidung von Himmel und Erde in „The Joy of Life“ nicht mehr auszumachen, eine perspektivische Orientierungsmöglichkeit durch Fluchtpunkte ist nicht gegeben, was, ebenso wie die Vermischung von Figur und Grund, zu einer Abflachung des Bildes, zum Rückgang von Dreidimensionalität führt. Nach Price ist der von Matisse etablierte Raum für uns eher haptisch denn optisch zu fassen. Durch die Dominanz der Farbe über die Form und die daraus folgende Verflachung des Bildes geht die Distanz des Rezipienten, welche Price in der Perspektive manifestiert sah, verloren. Auf unseren Fall übertragen lässt sich die optische Wahrnehmung des Mimetischen (Portraitphoto), die mit steigendem Abstraktionsgrad zur Haptik tendiert. Bemerkenswert ist jedoch vielmehr, dass die Auflösung der Form, der Mimesis bei Matisse etwas mehr als hundert Jahre später auf der Ausdrucksebene vollständig vollzogen ist, nun aber die Bedeutungsebene mimetisch korrumpiert, codiert ist. Ob die Gerade sich generell zum Möbiusband gewandelt hat, oder ob dies nur innerhalb „Personal Codes“ der Fall ist, vermag ich allerdings nicht zu sagen.

Geuze: The Drunken Cobbler

Matisse: Joy of Life

Ein streibarer Beitrag. Um Kommentare wird gebeten.
(Gefunden übrigens bei TheJunction)

  1. Price, Brian: Color. The Film Reader. New York 2006, S. 63-75. [zurück]

Vortragssteno Nake

Diese Woche läuschte ich den Ausführungen des Computerkünstlers und -theoretikers Frieder Nake zum Anlass der Ausstellung „Die Virtualität des Bildes. Frühe Computerkunst der Sammlung Clarissa“ im Sprengel-Museum Hannover. Vielleicht nicht für jeden interessant, habe ich dennoch meine Mitschreibsel sauber abgetippt und stelle sie zur Verfügung.

Zwei Modi der Realität: (1) Aktualität = unterliegt der Physik (2) Virtualität = Möglichkeit der Realität, welche mind. einer physikalischen Dimension (z.B. Gewicht, Masse) entbehrt; dennoch nicht scheinbar!
Höhlenmalereien zeigen, dass Menschen von Beginn an zählen und zeichnen konnten. Der Computer, eine eigentliche Rechenmaschine, wird ab 1963 zum Zeichnen gezwungen = kultureller Schock (weil Urmenschliches vom C. übernommen wird). Kunstanspruch aus der Maschine, hinter welcher Firmen stehen.
Geschichte: Digitale Kunst wird zuerst von Georg Nees in Stuttgart ausgestellt (65), zwei Monate später von A.M. Noll in New York.
Im Computer wird die Idee zum Programm. Die diskrete Maschine soll eine analoge Tätigkeit (Zeichnen) ausführen. Dadurch wird die Zeichnung „verdoppelt“: Sichtbare Oberfläche und eine für den unsichtbare für den Prozessor operationable Unterfläche. Alles existiert verdoppelt (Bsp.: keine Bewegung auf dem Bildschirm (Oberfläche), allerdings rasende Rechenprozesse auf der Unterfläche, im Programm).
Der CKünstler muss versuchen zu denken, was der Computer denken würde, wenn er denken könnte. Menschliche Intelligenz ist offen, die des C.s geschlossen (weiß nur, was ihm beigebracht worden ist).
Heute kommen fast alle „Werke“ aus dem Computer.


Frieder Nake: Polygonzüge (1965)

Georg Nees: Schotter