Tag-Archiv für 'doku'

Katzengoldrausch

Vielleicht hat ja jemand seinen Samstag damit verbracht, die unglaublich geistreiche Doku von Ben Lewis „Die Millionenblase. Zerplatzte Träume am Kunstmarkt“ zu schauen. Dass der Kunstmarkt in den vergangenen 20 Jahren pervertierte, ist wohl für kaum jemanden neu. Die Gründe dafür, und um diese geht es Lewis vorderhand, vielleicht schon.
Lewis zieht einen Vergleich zur Finanzwelt, mit dem Ergebnis, dass Kartellbildung und Emissionsgeschäfte in der Kunstszene alltäglich sind und keine Verfolgung nach sich ziehen. Die Spekulanten haben sich das richtige Operationsfeld gesucht, denn im Gegensatz zu Feldern des Gebrauch-

mittelmarktes (Öl- oder Sojamarkt) ist die Ressource „Moderne Kunst“ (Begriff lässt sich beliebig ersetzen durch einen z. Zt. hoch gehandelten Namen) nicht verknappt. Das Gegenteil ist der Fall: Tausende „Künstler“ produzieren, jeder von ihnen kann potentiell für den Markt interessant (gemacht) werden, und diese können nahezu unbegrenzt „Kunst“ produzieren – Leute wie Damien Hirst und Jeff Koons tragen diesem Umstand Rechnung, indem sie weltweit mehrere „Ateliers“ mit unglaublich vielen Angestellten unterhalten. Die Begriffe sind schwammig in diesem Feld, immer schon gewesen, ist doch eine strukturelle Offenheit für Kunst konstitutiv und garantiert auch ihre Entwicklung. Finanzjongleure wissen das für sich zu nutzen, wie Lewis einleuchtend aufzeigt, und bringen auf dem Kunstmarkt das System der Hedge-Fonds durch. Traurig.
Aber seht selbst

Neue Sinnlichkeit

Nachdem vor einiger Zeit der Architekt Ulrich Müther an dieser Stelle behandelt wurde, wenden wir uns diesmal dem Brasilianer Oscar Niemeyer zu, wie Müther ebenfalls des Spritz- und Stahlbeton samt deren formalem Expansionspotential verfallen. In einer detailreichen Doku über sein Leben und Werk, „Oscar Niemeyer – Das Leben ein Hauch“, kanzelt der Altmeister das Bauhaus als „Paradies der Mittelmäßigkeit“ ab, was mit folgender Anekdote untermauert wird: Gropius besichtigte einst Niemeyers wirklich wunderschönes Haus in Rio (s. Bilder), zeigte sich

auch vollends begeistert, bedauerte aber dessen Serienuntauglichkeit. Doch nicht allein über die formale Kälte des rechten Winkels rotzt Niemeyer, der überzeugte Kommunist, ordentlich ab, ebenfalls prangerte er vermeintliche Zuliefererdienste der Bauhausboys an den Kapitalismus an. Der theoretischen Durchdringung des rechten Winkels durch z.B. Mondrian wird das natürlich absolut nicht gerecht, geht allerdings auch nicht gänzlich an den Tatsachen vorbei, hat doch die Wirtschaft tatsächlich die Bauhaus-Idee des Neuen Menschen korrumpiert und in eigene Zweckzusammenhänge gestellt. Das große Aber jedoch, auch Niemeyer ist nicht der große Säulenheilige, neben dem Hauptsitz der Kommunistischen Partei in Paris haben sich auch Regierung und Banken seine Dienste gesichert. Und: als theoretischer Überbau für seine Architektur müssen Verweise auf die sinnlichen Formen des Brasilianischen Landes und, vor allem, seiner Frauen genügen. Der vehemente Nationalismus und Machismos Niemeyers nervt wirklich, zumal er in Gebäude gegossen wurde, welche von der Bevölkerung des immerhin fünftgrößten Landes als sowohl grundlegend als auch beispielhaft für dessen Fortschritt angesehen wird. Die vermeintliche Neue Sinnlichkeit der Moderne ist also nicht unproblematisch und bestenfalls formal ein Fortschritt gegenüber des Bauhauses, welches Trennendes zwischen den Nationen aufheben wollte. Problematisieren möchte der Fim allerdings nicht, und so reden sämtliche Intellektuelle im Film ihrem „Genie“ nach dem Mund, was schade ist. Die Bauten gefallen trotzdem, nur sie theoretisch zu füllen, sollte man nicht den Brasilianern überlassen.

Höher, weiter, schneller – tot!

Mit dem Georgier Nodar Kumaritaschwili hat die Geschichte der Olympischen Winterspiele seinen ersten Toten zu beklagen. Der 21-jährige Rodler verlor bei Tempo 144 die Kontrolle über sein Gefährt und prallte gegen einen Stahlträger. Der Tod kam live und in Farbe. In der taz lesen wir, die Rodelbahn „in Whistler ist die schnellste der Welt, sie weist das größte Gefälle aller 16 existierenden Eisrinnen auf. Vor den Spielen wurde mit derlei Daten geworben, auch mit dem Geschwindigkeitsrekord des Deutschen Felix Loch, der in der Spitze mit 154 Kilometern pro Stunde unlängst zu Tal gerast war. Für die Winterspiele waren Geschwindigkeiten von über 155 Stunden-

kilometern angekündigt worden, woraufhin selbst Weltverbands-Präsident Joseph Fendt mahnte: „Die Bahn ist zu schnell. Wir hatten sie für maximal 137 Stundenkilometer geplant. Aber sie ist fast 20 Stundenkilometer schneller. Wir sehen das als Planungsfehler.
“ Das deutsche Ingenieurbüro Udo Gurgel spielt den Ball zurück, man habe den Auftrag gehabt, eine richtig schnelle Bahn zu entwerfen. Auch Raimund Bethge, Cheftrainer der deutschen Bob- und Skeletonfahrer, wütete: „Alle Fachleute, die von Anfang an mit der Bahn zu tun hatten, haben vor der hohen Geschwindigkeit gewarnt“. Nicht, dass an dieser Stelle jede Tagesaktualität mitbuchstabiert werden soll, doch dieser Fall sprach mich an, da er deutliche Parallelen zu „Die Ekstase des Bildschnitzers Steiner“ des unvermeidlichen Werner Herzog aufweist. Diese fünfzigminütige Doku verfolgt den Skispringer Walter Steiner – für den Regisseur der besten Skispringer aller Zeiten –, um den Traum des Fliegens, auch um den Preis des Absturzes, zu ergründen. Herzog ist bekannt für unmittelbar verständliche Bilder von poetischer Kraft, man denke an das Schiff überm Berg, und hier findet er es in der Zeitlupe des Skifliegens – ein Bild, dessen Faszination man sich wirklich schwer entziehen kann, wie ich jährlich während der Vierschanzentournee bemerke. Schöne Aufnahmen von Vogelschwärmen runden den Film ebenso ab wie Steiners Erzählung seines angenommenen Raben, den er großzog, ihn aber erschießen mußte, da er das Fliegen nicht lernte. Steiners Bildhauerei findet im Film selbst wenig Berücksichtigung, ist aber meiner Meinung nach gerade deswegen bedeutend, eben weil Steiner in der Verlangsamung selbst zum Bild wird. Die englische Übersetzung als sculptor oder woodcarver ist da wenig treffend. Doch zurück zu Kumaritaschwili. Steiner wird im Film nach seinem annulierten Weltrekordsprung von 177(!) Metern (annuliert, da er den Sprung nicht stehen konnte) von den Verantwortlichen in Planica unsanft gedrängt, diese Weite zu wiederholen, obwohl

dieser unter Lebensgefahr schon am Ende des Gefälles, fast in der Ebene gelandet war. Trotz mehrfacher Hinweise des Athleten wurde der Anlauf nicht verkürzt, die Rampe schneller gemacht, so dass Steiner schlussendlich eigenmächtig den Anlauf verkürzte. Die Moral von der Geschicht ist ähnlich wie im Falle Kumaritaschwili, dass nämlich Funktionäre für neue Rekorde bewußt das Leben der Athleten auf Spiel setzen. Das Problem und der feine Unterschied zu den Olympischen Spielen der Antike ist vielleicht, dass der Gegner kein menschlicher Gegenüber mehr ist, sondern die Maß- oder Zeiteinheit. Usain Bolt bspw. rennt nicht mehr gegen andere Läufer, lediglich die verrinnende Zeit versucht er abzuhängen. Durch dieses System kann jede Olympiade messbare, also vermeintlich objektive Rekordzahlen vermelden, einem börsennotierten Unternehmen ganz ähnlich. Und ähnlich wie bei solchen Unternehmen stehen Erfolgszahlen immer Verlierer gegenüber. Nodar Kumaritaschwili ist einer von ihnen. Wie wichtig numerische Superlativen dem Olympischen Komitee sind, zeigt das Bemühen um die schnellste Bahn. Eine Sportart, die keine Welt-, sondern lediglich Bahnenrekorde kennt, da die Bahnen untereinander nicht vergleichbar sind, versucht über die Durchschnittsgeschwindigkeit eine wettbewerbsübergreifende Konkurrenz einzurichten, eben um neue Rekorde zu produzieren! Die Spiele sind nicht mehr Spiel (nach Caillois), sondern unterminiert von der Wirtschaft entlehnter Zweckgebundenheit. Die Sehnsucht nach größeren Zahlen hat ebenfalls den Kollaps der Weltwirtschaft vor einiger Zeit ausgelöst, welche ihr Epizentrum im amerikanischen Immobilienmarkt hatte. Timothy Egan von der Times hat die Auswüchse numerischer Spekulationen realiter besucht und kommt zum wenig überraschenden Schluß: Nobody is home in the cities of the future. In seinem Bericht über die Verslumung Zentralamerikas zitiert er einen Betroffenen,

der leider keine Ökonomieprofessur innehat, mit den Worten „growth for the sake of growth is the ideology of the cancer cell.” Man beachte die Verknüpfung von Wachstum und Tod, die Walter Steiner beinahe, sicher aber Nodar Kumaritaschwili und die Wirtschaftskrise syntagmatisch verbindet. Egan bietet allerdings auch einen Lösungsvorschlag an, jene von den Neoliberalen so verhassten Restriktionen. „[L]ook at the cities with stable and recovering home markets. On this coast, San Francisco, Portland, Seattle and San Diego come to mind. All of these cities have fairly strict development codes, trying to hem in their excess sprawl. Developers, many of them, hate these restrictions. They said the coastal cities would eventually price the middle class out, and start to empty. It hasn’t happened. Just the opposite. The developers’ favorite role models, the laissez faire free-for-alls — Las Vegas, the Phoenix metro area, South Florida, this valley — are the most troubled, the suburban slums. Come see: this is what happens when money and market, alone, guide the way we live. “ Mit Las Vegas ist eben der Ort betroffen, der paradigmatisch für die Perversion des Spiels, seine unheilige Allianz mit dem Kapital steht. Die Revolution frisst ihre Kinder, Olympia könnte das nächste Opfer sein, daher sei Jacques Rogge, Josef Ackermann und ihren zahllosen Jüngern Ferreris schneidige Meditation über Masslosigkeit ,“Das große Fressen“, sowie ein Schuss mehr Genügsamkeit anempfohlen.