Tag-Archiv für 'com­pu­ter­tech­no­lo­gie'

Theweleit zu Avatar

Offensichtlich ist doch nicht alles gesagt in der causa „Avatar“, jedenfalls ist in Deutschlands Nr. 1 Magazin für verhinderten Qualitätsjournalismus, „Der Spiegel“, ein Artikel des von mir sehr geschätzten Klaus Theweleit zum Thema erschienen. Kein Film, so Theweleit, habe ihm je so die Eingeweide umgedreht wie „Avatar“.
„Ebenjenem Technologiewahn, den „Avatar“ bekämpft, verdankt der Film seine ganze Bilderwelt. Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis seines Welterfolgs. Kein einziges dieser Bilder der Schlacht gegen das Böse, gegen die Technologie, wäre möglich ohne die ausgefuchsteste Computertechnologie, die die Welt kennt. Wenn das nicht pervers ist, weiß ich keinen Sinn für dies Wort. […] Der Film feiert den Kampf der galaktischen Indianer gegen die Industrie-Büttel der US-Armee als antikolonialistischen Aufstand – allerdings unter Einsatz der imperialistischsten Technologie, die überhaupt möglich ist.“
Gemeint ist an dieser Stelle nicht der schnöde Kulturimperialismus à la Hollywood, der den gesamten Globus mit eine Einheitskultur überzieht, Theweleit zielt vielmehr direkt auf die Verwendung identischer Technik in

amerikanischen „Kriegsgeräten“. Doch kommt sein close reading zu weiteren Erkenntnissen:
„[Der Film lässt] zwei Technologien gegeneinander antreten. Auf der einen Seite die Schwerindustrie (alt, kriegerisch, kolonialistisch), die sich unter dem Schutz der Armee der Bodenschätze des Planeten Pandora bemächtigen will. Auf der anderen Seite die Computertechnologie (neu, friedlich, ökologisch), mit deren Hilfe Sully und die verbündete Wissenschaftlerin versuchen, die Natur und die Na‘vi zu verstehen und zu erhalten.“ Problematisch für Theweleit: „Außerhalb des Kinos liegen die zwei Technologien eben nicht im Widerstreit miteinander. Die Elemente, die der Film gegeneinanderstellt, kämpfen draußen als Verbündete: In den amerikanischen Drohnen, unbemannten Kampfflugzeugen, die in Afghanistan und sonst wo ihre menschlichen Ziele finden, sind neue elektronische und alte metallurgische Flugindustrie perfekt vereinigt. Keine dieser Tötungsmaschinen fliegt ohne die Technologie, die die Märchenbilder von „Avatar“ ermöglicht. De facto steckt Cameron die gesamte moderne Kriegselektronik in „Avatar“ ins Gewand von Greenpeace. Die Ikone der Kulturwissenschaft hat auch schnell das treffende psychoanalytische Begriffsinstrumentarium parat, „Identifikation mit dem Aggressor“ nämlich stelle der Film her, denn „[o]ffenbar sind wir,

die kinogehende Menschheit, bereit, unsere Ersetzung durch technologische Wesen zuzustimmen. Dieser heftig ersehnte „neue Mensch“ darf nur nicht mehr in der Utopie des Roboters vor uns treten – dieses metallische Maschinenwesen ist historisch negativ besetzt. Das technische Wesen muss als Teil einer Umwelt erscheinen.“

Zum Paradigmenwechsel im Kino, den der Film angeblich einläute, äußert sich Theweleit deutlich, wenn auch kritisch, sogar fast ängstlich: […] jene Zauberhöhlen, die immer noch Kinos heißen, aber keine mehr sind. Zumindest ist es nicht mehr Film, was in ihnen gezeigt wird. „Avatar“ besteht aus Bits. Seine Kamera sind Rechner. Die Raumtiefe von „Avatar“ ist kein Produkt der Linse. Sie ist berechnet, um uns in einen Raum zu führen, der keiner mehr ist. Die Dreidimensionalität schluckt paradoxerweise den Kino-Raum – das Kino verwandelt sich in ein computeranimiertes Puppentheater. Der Raum ist Computerspace geworden.“ Paradigmenwechsel, Herr Theweleit? Aber natürlich! Allerdings scheint das „Schlucken des Kino-Raums“ mir keine Eigenschaft zu sein, die „Avatar“ nicht mit früheren 3D-Filmen gemein hätte, daher wirkt die „Computerspacewerdung“ etwas blödsinnig. Nach wie vor finde ich den Vorschlag der konvexen Leinwand am treffendsten, ohne egozentrisch wirken zu wollen. Doch kommen wir zu Theweleit’s Konklusion: „Avatar“ will uns physisch elektronisieren. Genau das, wofür dieser Begriff in der Sprache der Programmierer erfunden wurde: Avatar ist dort der elektronische Doppelgänger, die Maske einer Menschenfigur. Der Film erzählt die Geschichte eines Avatars, der aufhört Maske zu sein.“ Begründet wird dies laut Theweleit durch das letzte Bild, indem der Na‘vi-Sully die Augen aufschlägt. Wenn „Avatar“ aber Technikmetapher sein soll, dann unter verkehrten Vorzeichen: Der Zuschauer schlägt im selben Moment doch ebenfalls seine Augen auf, ist der Bilderfluss des „Computerspace“ doch versickert, die physische Elektronisation beendet, der Stecker gezogen. Und ob Sally nun physisch vollkommen elektronisiert oder aber das genaue Gegenteil ist, darüber ließe sich ebenfalls debattieren. Dennoch, Theweleit zeigt einige denkwürdige Punkte an „Avatar“ auf, gerade weil er den Film so sauertöpfisch gegen den Strich kämmt. Mir besonders missfallen hat die selbstherrliche Geste, mit der ausgerechnet Hollywood die pekuniären Gelüste des Imperialismus kritisiert. Eine freche Übernahme der kritischen Position sich selbst gegenüber, ein deutlicheres Statement zur eigenen Allmacht ist wohl nicht denkbar. Klaus Theweleit jedenfalls hat’s erkannt.

Wem’s die Zeit schlägt – Buck/Herzog

Vor einiger Zeit las ich ein Interview mit Detlev Buck in der Zeit, in welchem der Regisseur eine bemerkenswerte Äußerung vom Stapel ließ: „Wenn ich mir einen Film ansehe, drehe ich auch manchmal den Ton weg und schaue, ob ich ihn dann noch begreife. Wenn ich ihn nicht mehr begreife, dann ist er nicht präzise gemacht.“ Zugegeben, dies ist eine sehr handwerkliche Feststellung die sich anfechten lässt. Sicherlich finden sich zahllose Beispiele die den audivisuellen Charakter des Films hervorheben, dennoch: selbst bei Videoclips oder Ruttmann’s Symphonie einer Großstadt affiziert das Bild den Rhythmus der Musik. Buck scheint also nicht Unrecht zu haben, und auch ich sehe meine These vom Primat des Auges bestätigt, die schon am Ende des letzten Posts mitschwang. Wer jetzt meint, mit Derek Jarman’s Blue (siehe unten) einen Gegenbeweis führen zu können, wird sich eingestehen müssen, dass dieser Film (1) eine Sonderstellung einnimmt, (2) dennoch das Primat des Bildes enthält, denn der Titel verweist uneindeutig auf Visuelles und (3) der monochrome Schirm kann als negative Referenz auf eben dieses Primat oder eben des Regisseur’s Verlust des Augenlichts verstanden werden. Blue ist eben deswegen kein Hörspiel sondern Film, weil der Verlust des Auges im Zentrum dieser Arbeit steht. Ein schmerzlicher Verlust für jemanden, dessen Beruf war zu sehen und sehen zu lassen. (Weitere Filme über das Blindwerden sind von Trier’s Dancer in the Dark, Blind und eine bewegende Szene in Schmetterling und Taucherglocke von Julian Schnabel, um nur einige zu nennen).

Mit Werner Herzog gab ein deutscher Regisseur ganz anderer Kragenweite demselben Blatt ein Interview für die heutige Ausgabe, welches ebenfalls Anstöße gibt: „Für mich ist Los Angeles die amerikanische Stadt mit der größten Substanz. Ich meine natürlich nicht die reine Oberfläche, den Glitz und den Glamour von Hollywood. Aber alle wichtigen Trends des vergangenen Jahrhunderts kommen aus Kalifornien: die kollektiven Träume im Kino weltweit. Die Tatsache, dass Homosexuelle als integraler Bestandteil einer Gesellschaft anerkannt werden. Die Computertechnologie. Die großen Internetinnovationen. Und im Übrigen auch die Dummheiten wie Hippie und New Age. Es gibt nur zwei Ausnahmen. Die grüne Bewegung kommt eher aus Skandinavien. Und der islamische Fundamentalismus kommt auch nicht aus Kalifornien.“ Vieleicht ist es mehr ein persönlicher Eindruck, allerdings hatte ich bisher das Gefühl, Kalifornien würde in Europa eher wegen seiner „Dummheiten“ wahrgenommen. Doch man muss Herzog bestätigen, Kalifornien ist der Leitwolf westlicher Kultur, alle anderen bloß Rudeltiere.
Ein weiteres Zitat finde ich ebenfalls wert hervorzuheben: „Ursprünglich war das Drehbuch für New York geschrieben. Dann wurde aus verschiedenen Überlegungen sehr schnell New Orleans gewählt. Mir war sofort klar, dass man möglichst kurz nach dem Hurrikan Katrina drehen musste. Ich wollte eine Stadt zeigen, die nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich zerstört ist. Und natürlich hat mich die Parallele von innerer und äußererLandschaft interessiert.“ Herzog der alte Romantiker muss natürlich wieder Entsprechungen für seine Seelenlandschaften finden. Gemeint ist natürlich Herzog’s aktueller Film, Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen, mit Nicolas Cage als austickendem Cop. Warum, habe ich mich hier gefragt, ist das Post-Katrina New Orleans so anziehend für Filmemacher und lässt sich so einfach filmisch vereinnahmen? Auch Fincher’s Benjamin Button ist dort angesiedelt und erweitert die Short Story Fitzgerald’s deswegen um eine Erzählebene. Ich hoffe, ihr seid für’s erste ausreichen querverwiesen.