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Avatar und kein Ende

Die mediale Nachbearbeitung „Avatars“ will einfach nicht aufhören. Nun schiebt Ines Kappert in der taz eine Besprechung unter Gender-Aspekten nach, Tenor: Jetzt muss sich der weiße Mann aber wirklich dringend neu erfinden. Im Detail heißt das, [d]er Soldat als Urfolie für den Kämpfer hat ausgedient. Denn entgegen seines Auftrages sichert er keinen Lebensraum mehr: Er vernichtet ihn. Wollen Männer weiterhin die Welt retten und anführen – und das wollen sie –, benötigen sie ein massiv verändertes Selbstverständnis. Sie müssen sich ein neues Wissen aneignen. Sie müssen sich vernetzen, sie müssen wieder in Dialog mit dem Anderen treten. Camerons Kritik am dumpf-aggressiven weißen Mann ist radikal. Entsprechend viel hat seine Hauptfigur namens Jake Sully zu lernen. Vor allem von weisen, sportlichen Frauen. Ihrer Meinung nach sind im Gegensatz zur Menschheit die Geschlechtergrenzen bei den Na‘vi weniger stark ausdifferenziert. „In der anderen Welt, der wir Barbaren uns laut Cameron annähern müssen, unterscheiden sich die Geschlechter – es gibt nur zwei – nicht großartig voneinander. Frauen sind nur ein wenig kleiner, nur ein wenig schmaler und bedecken ihre barbusige Brust ebenso wie ihre männlichen Kameraden mit dem bunten Schmuck des Jägers. Ob männlich, ob weiblich, der Navi steht in Verbindung, er ist vernetzt.“

Am Protagonisten des Films, Jake Sully, vollzieht sich nach Kappert eine „souveräne Verweiblichung“: „Der bedrohte Mann hört zu: selbst Frauen, selbst offenkundig überlegenen Frauen, denn die verwalten ein für ihn relevantes Wissen. Mit ihrer Hilfe lernt er die fremde Pflanze, das fremde Tier und die fremde Frau zu respektieren und darüber zu nutzen. Anders als die soldatische Kampfmaschine stellt er seine Überlegenheit über den Dialog mit dem Unbekannten her. Nicht dass er viel reden würde, er beobachtet und ahmt nach, er verbindet Intuition mit höchster Körperbeherrschung. Die er von seiner Liebsten lernt.“ Und was macht die Frau? „Sie ist zunächst genervt. Wieder so ein Trottel, den sie erziehen muss. Bei jeder Gelegenheit lässt sie ihn ihre Arroganz spüren. Doch bringt ihn seine Unwissenheit in Gefahr, dann schützt sie ihren Schüler. Die überlegene Frau ist loyal. Und sie verliebt sich in ihn. Dank ihrer Liebe unterwirft sie sich ihm nach und nach. War die Frau am Anfang die unbeugsame Amazone, am Ende ist sie seine Frau. Cameron bietet uns für die harmonisch wieder auf die Füße gestellte Geschlechterhierarchie folgende Bilder an: Nachdem Jake den größten aller Drachen gezähmt hat, setzt sie sich wie selbstverständlich hinter ihn auf das Tier. Da wäre sie wieder, die klassische Aufteilung zwischen Fahrer und Beifahrerin. Damit nicht genug. Nachdem sie ihn gewählt hat, tauscht sie ihren Halsschmuck aus Tierzähnen und Tierkrallen gegen eine Art gehäkeltes Top ein. Dieses aus der Menschenwelt bekannte Kleidungsstück bedeckt nun ihre Brust.“ Während das Update der St. Georgslegende wohl jedem von uns aufgefallen ist, kann man Frau Kappert für die Beobachtung des Kleidungswechsels un der damit einhergehenden Distanz von der eigenen Rollenkulturation nur gedankt werden. Interessant ist weiter, dass sie sich einer identischen Argumentationsstruktur wie Klaus Theweleit bedient. Beide zeichnen Menschheit und Na‘vi als offensichtliche Dichotomie nach, Schwerindustrie bzw. starkes Rollenverständnis versus Computertechnologie bzw. schwaches Rollenverständnis, argumentieren jedoch, dass diese Dichotomie eine scheinbare bleibt, da eine Trennung von Computer- und Schwerindustrie nicht haltbar ist bzw. das Rollenverständnis der Menschheit auf die Na‘vi übertragen wird. Ines Kappert folgert also: „Die Abschaffung des in seiner Empathielosigkeit erstarrten soldatischen Mannes kann die Kulturindustrie denken. Androgynität ist ihre Utopie. Gleichberechtigung hingegen scheint ihr noch immer zu gewagt“.
Der Unterschied zwischen Na‘vi und Navy hält sich also on Grenzen.

Theweleit zu Avatar

Offensichtlich ist doch nicht alles gesagt in der causa „Avatar“, jedenfalls ist in Deutschlands Nr. 1 Magazin für verhinderten Qualitätsjournalismus, „Der Spiegel“, ein Artikel des von mir sehr geschätzten Klaus Theweleit zum Thema erschienen. Kein Film, so Theweleit, habe ihm je so die Eingeweide umgedreht wie „Avatar“.
„Ebenjenem Technologiewahn, den „Avatar“ bekämpft, verdankt der Film seine ganze Bilderwelt. Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis seines Welterfolgs. Kein einziges dieser Bilder der Schlacht gegen das Böse, gegen die Technologie, wäre möglich ohne die ausgefuchsteste Computertechnologie, die die Welt kennt. Wenn das nicht pervers ist, weiß ich keinen Sinn für dies Wort. […] Der Film feiert den Kampf der galaktischen Indianer gegen die Industrie-Büttel der US-Armee als antikolonialistischen Aufstand – allerdings unter Einsatz der imperialistischsten Technologie, die überhaupt möglich ist.“
Gemeint ist an dieser Stelle nicht der schnöde Kulturimperialismus à la Hollywood, der den gesamten Globus mit eine Einheitskultur überzieht, Theweleit zielt vielmehr direkt auf die Verwendung identischer Technik in

amerikanischen „Kriegsgeräten“. Doch kommt sein close reading zu weiteren Erkenntnissen:
„[Der Film lässt] zwei Technologien gegeneinander antreten. Auf der einen Seite die Schwerindustrie (alt, kriegerisch, kolonialistisch), die sich unter dem Schutz der Armee der Bodenschätze des Planeten Pandora bemächtigen will. Auf der anderen Seite die Computertechnologie (neu, friedlich, ökologisch), mit deren Hilfe Sully und die verbündete Wissenschaftlerin versuchen, die Natur und die Na‘vi zu verstehen und zu erhalten.“ Problematisch für Theweleit: „Außerhalb des Kinos liegen die zwei Technologien eben nicht im Widerstreit miteinander. Die Elemente, die der Film gegeneinanderstellt, kämpfen draußen als Verbündete: In den amerikanischen Drohnen, unbemannten Kampfflugzeugen, die in Afghanistan und sonst wo ihre menschlichen Ziele finden, sind neue elektronische und alte metallurgische Flugindustrie perfekt vereinigt. Keine dieser Tötungsmaschinen fliegt ohne die Technologie, die die Märchenbilder von „Avatar“ ermöglicht. De facto steckt Cameron die gesamte moderne Kriegselektronik in „Avatar“ ins Gewand von Greenpeace. Die Ikone der Kulturwissenschaft hat auch schnell das treffende psychoanalytische Begriffsinstrumentarium parat, „Identifikation mit dem Aggressor“ nämlich stelle der Film her, denn „[o]ffenbar sind wir,

die kinogehende Menschheit, bereit, unsere Ersetzung durch technologische Wesen zuzustimmen. Dieser heftig ersehnte „neue Mensch“ darf nur nicht mehr in der Utopie des Roboters vor uns treten – dieses metallische Maschinenwesen ist historisch negativ besetzt. Das technische Wesen muss als Teil einer Umwelt erscheinen.“

Zum Paradigmenwechsel im Kino, den der Film angeblich einläute, äußert sich Theweleit deutlich, wenn auch kritisch, sogar fast ängstlich: […] jene Zauberhöhlen, die immer noch Kinos heißen, aber keine mehr sind. Zumindest ist es nicht mehr Film, was in ihnen gezeigt wird. „Avatar“ besteht aus Bits. Seine Kamera sind Rechner. Die Raumtiefe von „Avatar“ ist kein Produkt der Linse. Sie ist berechnet, um uns in einen Raum zu führen, der keiner mehr ist. Die Dreidimensionalität schluckt paradoxerweise den Kino-Raum – das Kino verwandelt sich in ein computeranimiertes Puppentheater. Der Raum ist Computerspace geworden.“ Paradigmenwechsel, Herr Theweleit? Aber natürlich! Allerdings scheint das „Schlucken des Kino-Raums“ mir keine Eigenschaft zu sein, die „Avatar“ nicht mit früheren 3D-Filmen gemein hätte, daher wirkt die „Computerspacewerdung“ etwas blödsinnig. Nach wie vor finde ich den Vorschlag der konvexen Leinwand am treffendsten, ohne egozentrisch wirken zu wollen. Doch kommen wir zu Theweleit’s Konklusion: „Avatar“ will uns physisch elektronisieren. Genau das, wofür dieser Begriff in der Sprache der Programmierer erfunden wurde: Avatar ist dort der elektronische Doppelgänger, die Maske einer Menschenfigur. Der Film erzählt die Geschichte eines Avatars, der aufhört Maske zu sein.“ Begründet wird dies laut Theweleit durch das letzte Bild, indem der Na‘vi-Sully die Augen aufschlägt. Wenn „Avatar“ aber Technikmetapher sein soll, dann unter verkehrten Vorzeichen: Der Zuschauer schlägt im selben Moment doch ebenfalls seine Augen auf, ist der Bilderfluss des „Computerspace“ doch versickert, die physische Elektronisation beendet, der Stecker gezogen. Und ob Sally nun physisch vollkommen elektronisiert oder aber das genaue Gegenteil ist, darüber ließe sich ebenfalls debattieren. Dennoch, Theweleit zeigt einige denkwürdige Punkte an „Avatar“ auf, gerade weil er den Film so sauertöpfisch gegen den Strich kämmt. Mir besonders missfallen hat die selbstherrliche Geste, mit der ausgerechnet Hollywood die pekuniären Gelüste des Imperialismus kritisiert. Eine freche Übernahme der kritischen Position sich selbst gegenüber, ein deutlicheres Statement zur eigenen Allmacht ist wohl nicht denkbar. Klaus Theweleit jedenfalls hat’s erkannt.

Avatar. Alles ist gesagt.


„Da schreibt er schon übertrieben viel über Film und kommt dann nicht mal mit einer dezidierten Kritik über James Cameron’s Rundumschlag „Avatar“ um die Ecke“, mag manch einer gesagt haben. Stimmt. Zwar habe ich, Punkt Eins, den Film gesehen, allerdings nicht in der ach so bahnbrechenden 3D-Version und, Punkt Zwei, einige schlaue Rezensionen darüber gelesen, die mich mit ihrer Qualität aus der Pflicht genommen haben. Eine stammt von Mark Fisher, Dauerläufer für die richtige Sache auf K-Punk. Einen ähnlichen Ton schlägt Jürgen Kiontke in der Jungle World an, und mehr Euphorie kommt in Georg Sesslen’s Rezension für die taz und dem Spex-Pendant von Tomasso Schultze auf. Zusammengenommen fangen diese Texte wohl das Spektrum der Stimmen ein, die „Avatar“ provoziert hat. Und gänzlich uninteressant ist in diesem Zusammenhang mein Artikel zu Immersionstechniken auch nicht.