Tag-Archiv für 'agon'

Rundgang durchs Lehmbruck Museum in sieben Stopps

Eigentlich habe ich das Lehmbruck Museum in Duisburg ja um Giacometti’s willen besucht , stehengeblieben bin ich dann allerdings anderswo. Bevor ins Detail gegangen wird: Unter architektonischen Gesichtspunkten ist der Museumsbau vielleicht nicht zwingend herausragend, allerdings, und das blendet manch ein Architekt einfach aus, passt es ausnehmend gut ins Ruhrgebiet. Funktionale Formen werden aufgegriffen, ebenso wie die farbliche Tristesse und Weite der Industrieanlagen, ein Bau der sich räumlich zurücknimmt, damit andere – das Museum hat einen starken Fokus auf Skulpturen – raumtretend agieren. Doch nun zum Spaziergang und seinen Stationen:

(1)Stephan Balkenhol Ausstellung

Da Giacometti schonmal da ist, wurde die Gunst der Stunde genutzt und Stephan Balkenhol in einer Einzelausstellung angereiht, sehr zum Nachteil des Karlsruhers, wie ich finde. Seine Kunst gefällt mir eigentlich sehr, doch stechen in dieser Nachbarschaft vielmehr die formalen Ähnlichkeiten statt der inhaltlichen Differenzen ins Auge. Der Italiener verformt bis zur reinen Symbolik, während Balkenhol den Durchschnittsmenschen ins Zentrum seiner Arbeit stellt.

(2)Joseph Beuys: Raum 90000DM


Der Titel verrät, was dem Museum die Installation gekostet hat, wie der Begleitkommentar mit dem Hinweis auf Beuys‘ Credo von Kunst=Kapital erklärt. Nicht nur ist dieses Credo keines, da uns hier die verschmitzte Ironie des Fetteckenfreundes angrinst, die werten Duisburger Kulturmenschen subvertieren dieses auch noch perfide: Vielleicht werten Einige die in Ton gepresste Aufschrift 90000DM als Spendenaufruf, jedenfalls sind auf dem Wannenboden deutlich sichtbar Rostspuren von Münzen. Die Badewanne wird zum Wunschbrunnen umfunktioniert, eine höhere Macht angerufen und jegliche Transzendenz ist zurück im Geschäft.

(3+4)Nam June Paik: TV Buddha; Amulett


Beide Arbeiten von Nam June Paik fand ich sehr ansprechend. Zuerst die Installation aus der TV Buddha-Reihe, diesmal mit einem alten Radiogerät samt integriertem Bildschirm, der den gegenüber postierten Buddha tatsächlich spiegelverkehrt zeigt, also nicht sichtbar eine Kamera installiert hat. Die offensichtliche Medienmanipulation gepaart mit dem Buddhismus fand ich in zweierlei Hinsicht interessant. Einerseits die von der Figur ausgestrahlte Ruhe und Zufriedenheit, die unser Medienkonsumverhalten ironisieren mag, andererseits aber auch der Buddhismus, eine Religion, welche den Schein der Welt überwinden möchte, in direkter Opposition zu den Medien, den Scheinschreinen. Diese Verbindung von Transzendenz und Medialität wird auch in seinem Amulett deutlich, in welchem eine Chipplatine deutlich an Ketten afrikanischer Stammesführer gemahnt, zumindest ich wurde direkt daran erinnert. Oder war es Africa Bambataa?

(5)Max Ernst: Kleines Vogelmonument

Klar, was mir bei Max Ernst in den Sinn kam. Hier hat sich Tim Burton also seine Inspiration für den von Danny DeVito gespielten Bösewicht Penguin geholt. Natürlich nicht, hätte aber sein können und zudem spannende Querverweise zwischen Burton und ernst produziert.

(6)Ernst Ludwig Kirchner: Bergwaldweg

Zuvorderst entschuldige ich die wirklich schlechte Farbwiedergabe des Photos, allerdings konnte ich im Netz kein geeigneteres Exemplar finden. Kirchner bin ich absolut gewogen und mir satch direkt ins Auge, dass die Landschaft in „Bergwaldwiese“ sichtbar weniger plastisch aufgebaut ist als andere Landschaftsbilder Kirchners, bspw. „Die Berge Weissfluh und Schafgrind“, welches die aktuelle Ausgabe von Döblin’s „Berge, Meere und Giganten“ ziert. Lediglich zwei Jahre liegen zwischen den Arbeiten. Vielleicht leiste ich nun einen bahnbrechenden Beitrag zur Entschlüsselung des Bildes, vielleicht mache ich mich auch einfach lächerlich, aber sieht man, wenn man eine räumliche Wahrnehmung zurücknimmt, nicht Buchstaben? Und legt der Titel nicht eine Ignoranz gegenüber räumlichen Fixpunkten nahe, indem er Berg, Wald und Weg vertikal übereinander stapelt? Die intensive Farbwahl tut zudem ihr Übriges,räumliche Konturen zu nivellieren.

(7)Max Beckmann: Rugbyspieler


Nicht das Beckmann allein nicht schon ansprechend genug wäre, aber dieses Bild greift einen Aspekt auf, der erst kürzlich an dieser Stelle reflektiert wurde. Beckmann deutet hier den Wettkampf (agon) zur Sozialmetapher um, indem eine Person unten erschöpft zusammenbricht, während oben ein anderer triumphiert. Bemerkenswert dabei, der Maßstab in Blau und Weiß, der eine Leserichtung vorgeben mag, definitiv aber nicht dem Rugby entlehnt ist. Anstatt den Ball über eine Linie zu bugsieren, müssen Beckmann’s Rugbyspieler in die Höhe, an einem Maßstab vorbei. Der Teamsport wird dadurch in dem Bild eingelassen in die Wachstumslogik anderer Sportarten und vor allem, der Wirtschaft. Zeitgleich kollabiert auch das Mannschaftsgefüge, den Obsiegender und Unterlegener tragen das gleiche Shirt.

Kaffee gibts nicht.

Ain‘t it funny?

Roger Caillois ist ein schlauer Mensch, da beißt die Maus keinen Faden ab. In dem uneingeschränkt zu empfehlende Buch „Die Spiele und die Menschen. Wahnsinn und Maske“ entwickelt er einen Gedanken, der an dieser Stelle weiter geführt, oder, um beim Faden zu bleiben, wieder aufgenommen werden soll. Wobei ich mir nicht anmaße auf ähnlichem Niveau zu operieren – aber dennoch. Bekanntlich entwickelt Caillois eine Soziologie des Spiels, die auf einer Kategorisierung des selben in die vier Klassen agon (Wettkampf), alea (Chance), mimikry (Maske) und ilinx (Rausch) fußt. Diese Kategorien treten zumeist in Kombination auf, wobei agon/alea und mimikry/ilinx die häufigsten Paarungen sind. Diese Pärchen sind für Caillois zudem Stufen eines evolutionistischen Modells von Gemeinschaft – welches Anthropologen allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht durchwinken würden –, nach dem unsere „modernen“ Gesellschaften größtenteils agonisch-aleatisch funktionieren, „primitivere“ Gesellschaften, Stämme etc., sich hingegen durch Rausch und Maske organisieren. Als Beispiel dafür nennt er beispielsweise religiöse Kulte. Interessant daran ist, dass Caillois über den Wechsel von einer Stufe zur nächsten spekuliert, und in diesem Zusammenhang der Satire eine zentrale Funktion zuweist. Die Satire nämlich habe die rauschhaften Rituale als Aberglaube demaskiert, indem das Ritual von jemand Unbefugtem wiederholt und damit als wirkungslose Machtnahme bloßgestellt wurde. Man könnte dies als kleine Variation der bachtinschen Karnevalstheorie betrachten, die dessen horizontales Modell von Kultur und Gegenkultur in die Vertikale setzt. Diese geringfügige Änderung hat jedoch den weitreichenden Effekt, dass der Satire – also das Sekundäre, das Zitat – entwicklungsgeschichtlich ein größerer Stellenwert zukommt als dem Primären, dem Werk, wenn man so möchte. tbc.