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Wozu Sex?

Woody Allen ist keiner meiner Favoriten, das sei vorweg gesagt. Ich mag eher die älteren Filme, jene bei denen er hinter der Kamera bleibt und nicht allzu viel von sich selbst in die Figuren gelegt hat. Auf Whatever Works, sein neustes Baby, trifft dies nur halbwegs zu, befinden wir uns doch wieder im altbekannten Neurosen York, allerdings ohne Allen im Cast. Der Film ist konziliant witzig, aber das hat diesen Eintrag auch nicht weiter zu interessieren, bedeutend anregender scheint mir ein Gedanke, den der Komiker im Rahmen der Veröffentlichung Katja Nicodemus mitteilte:

„ZEITmagazin: In Ihren in Europa gedrehten Filmen inszenieren Sie Liebe und Sex viel sinnlicher als in Ihren amerikanischen, wo Sexualität eher neurotisch wirkt. Wie kommt das?

Allen: In Amerika war Sex schon immer ein ungemein wichtiges Thema, dem man sich nur auf feierliche, pompöse Weise nähern kann. Als die sexuelle Befreiung in den USA auch auf das Kino übergriff, dachte man, man könne Sex nun auf der Leinwand als Ersatz für Dramatik und gute Geschichten verwenden. Plötzlich glaubten die amerikanischen Filmemacher, eine ausführliche

Sexszene auf der Leinwand sei ungemein spannungsgeladen. In Wahrheit sind solche Szenen aber einfach langweilig. Für die sexuell unterdrückten Provinzler im Publikum, die ja die Mehrheit darstellen, sind sie natürlich immer noch etwas ganz Besonderes. Weil sie so infantil sind.

ZEITmagazin: Und in Europa?

Allen: Da liegen die Dinge anders. In Europa ist Sexualität ein normaler Teil des Lebens und nicht diese große, sündige Sache. In europäischen Filmen dient Sex dazu, Mann und Frau, Mann und Mann oder Frau und Frau in ihrem Zusammenleben und in ihren Konflikten zu zeigen. In den USA wird Sex als eine dramaturgische Waffe benutzt, wie die Gewalt. Das sagt viel aus über den Unterschied zwischen unseren Kulturen.“

Zusammengefasst: 1.) Ausführlicher Sex ist langweilig für jeden, der ihn selber hat. 2.) Sex wird auf der Leinwand als dramaturgisches Mittel verwendet, analog zur Gewalt. Mögen sich windige Pornografietheoretiker mit 1.) auseinandersetzen, wir gehen sofort zu 2.) über. Nicodemus und Allen kommen im Anschluss an diese Passage kurz auf Paul Verhoeven’s Basic Instict zu sprechen, und tatsächlich illustriert dieser Film wunderbar These von der auschliesslich dramaturgischen Funktion des Geschlechtsverkehrs – ob man das auf das amerikanische Kino in seiner Monstrosität ausweiten kann, sei mal dahingestellt. Sex wird in Basic Instict als Machtspiel zwischen Catherine (Stone) und Nick (Douglas) inszeniert, in dem er sie zu Fehlern zwingen möchte um seinen Fall zu lösen, sie ihn analog zur Dramaturgie ihres neusten Buches verwirren und schließlich töten möchte. Sex ist gefährlich, sagt uns der Film moralingesäuert im sexy Gewand. Dafür macht er eine perfide Opposition auf: Nachdem die blonde Catherine Nick bei ihrem ersten Aufeinandertreffen gänzlich den Kopf verdreht hat, sucht dieser enerviert Trost bei seiner brünetten Exfreundin Beth (Tripplehorn). Nach aggressivem Sex im Wohnzimmer rechtfertigt er sich vor ihr, man habe bloß Liebe gemacht, woraufhin Beth entgegnet: „Das war keine Liebe!“. So betrachtet lässt sich der Film auch als ménage à trois lesen, in dem Nick zwischen dem gutmütigen Kuschelmäuschen in brünett und dem blonden Vamp zu wählen hat und sich, da er den Sex schon von Liebe getrennt hat ahnen wir es, für letztere entscheidet. Übrigens sehr zum Leidwesen respektive physischen Ende der lieben Beth.
Sex ist, mit Woody Allen, in Basic Instinct allemal dramaturgisches Mittel, ein Machtmittel, hier tatsächlich ganz simpel in Analogie zu physischer Gewalt zu verstehen. Deswegen wird dieser Sex auch aggressiv inszeniert, in Differenz zum „Liebe machen“, was wir uns wohl langsam und zärtlich vorzustellen haben. Dass ein Oszillieren zwischen beidem auch in der Liebe möglich ist, gibt der Film nicht her. Das meint Allen wohl mit „infantil“.
(Interessant wäre vielleicht auch eine Analyse der Funktion von Homosexualität im Narrativ Basic Instinct.)

Shirin Neshat macht in Film!

Nun gut, allzu lang wird dieser Eintrag nicht, aber das Shirin Neshat einen Spielfilm dreht, scheint mir umbedingt erwähnenswert. Hier findet ihr ein Interview zum Thema, unten den Trailer.

Mischehe: Komputer und Cino

Die SZ genießt im deutschen Sprachraum nach wie vor einen exzellenten Ruf. Allerdings konnte sie als S ohne Z – im Netz präsentiert man sich bloß als Sueddeutsche- nie wirklich überzeugen und ließ im allgemeinhin als seriös angenommenen Journalismus der Online-Sparte Spiegel und Zeit uneinholbar vorbei ziehen. Die Gründe dafür sind ebenso deutlich wie sie einfach zu vermeiden gewesen wären: Zwischen den Lesern der analogen und digitalen Ausgabe gibt es erstmal eine deutliche Überschneidung, die sich aber verflüchtigt – und hier wären wir beim Ist-Zustand –, wenn die Inhalte zwischen den Medien krass divergieren. Ein Beispiel: der Süddeutsche-Leser, aus der Print-Ausgabe ein prallgefülltes und gehaltvolles Feuilleton gewohnt, soll sich online im gleichen Ressort durch diverse Rihanna-Bildstrecken klicken. Ergebnis: der Online-Leser orientiert sich anderweitig. Grund: sueddeutsche.de hat, zumindest im Ressort Feuilleton, keine bis kaum Überschneidungspunkte mit der Printausgabe gehabt, einfach weil es keine redaktionelle Überschneidung gegeben hat.
Nun schickte ich mich kürzlich an, nach einem guten Jahr mal wieder bei besagter Adresse vorbei zu surfen und mir ein Bild von der Lage zu machen. Nicht viel hat sich verändert, allerdings fand sich ein sehr interessanter Artikel von Tobias Moorstedt, welcher ebenfalls das für die SZ so schmerzhafte Thema Medientransfer zum Gegenstand hat. Vom Ausgangspunkt der Verfilmung eines Stieg-Larsson-Romans wendet sich Moorstedt der Frage nach der Darstellbarkeit des Hackens und digitaler

Vorgänge allgemein im Medium Film zu. Zwar sei der Hacker „die passende Figur für eine Zeit, in der man ständig Schlagzeilen in der Zeitung findet wie „Chinesische Hacker attackieren Google“ oder „Hacker aus Berlin findet Sicherheitslücken im Mobilfunknetz““, hat allerdings ein dramaturgisches Problem: „Sie kämpft, bricht ein, stiehlt – aber sie bewegt sich nicht. Die Kamera umkreist das geheimnisvolle, dunkle Mädchen – und findet doch keine passenden Bilder für seine zentralen Fähigkeiten.“ Diagnose: „Noch hat das Kino keine wirkliche Ikonographie des Informationskrieges entwickelt […]. Das Klappern der Plastiktastatur kann das Rattern des Maschinengewehrs noch lange nicht ersetzen.“ In der Folge steigt Moorstedt tief in die Motivgeschichte ein, reiht massenweise misslungene Beispiele aneinander, die hier nicht interessieren sollen.
Beschäftigen wir uns mit seinen positiven Beispielen, drei an der Zahl. (1) Brazil von Terry Gilliam mit Robert de Niro in der Rolle des Harry Tuttle bezeichnet der Autor in dieser Hinsicht als einen vielversprechenden Start, mit dem Vorteil, „dass er noch in analog-pneumatische Maschinen hacken durfte, was im Bild recht eindrucksvoll zur Geltung kam – dieses Ausdrucksmittel ist seinen Nachfolgern nun leider genommen.“ (2) The Matrix der Wachowski-Brüder, in der Nachfolge Trons stehend, wo Hacker „den Computer nicht auf der glatten und glänzenden Oberfläche der Betriebssysteme und Programme“ bedienen, sondern „in den tieferen Schichten der digitalen Organismen“ werkeln. Hier scheint der Verfasser seine Vorstellung einer Bebilderung digitaler Prozesse verwirklicht zu sehen, was folgende Formulierung prägnant belegen mag: „Einen Sommer lang träumte das Kino tatsächlich davon, direkt in den grünen Quellcode der digitalen Illusion einzutauchen.“ Moorstedt blendet in seiner Euphorie allerdings die zweifelsohne starke physische Präsenz in Matrix aus. Mit der Matrix haben die Machern in erster Linie treffendes Vehikel entwickelt, digitale Prozesse in Actionhandlung aufzulösen. Dass eine solche Lösung eher Ausnahme denn Regel ist, zeigt Beispiel (3), Die Hard 4, in dem Bruce Willis und ein Hacker zu gleichen Teilen Terroristen bekämpfen. Die Essenz dieser Teambesetzung ist wohl, ein Bruce Willis allein ist nicht mehr die entsprechende Repräsentanz zeitgenössischer Verbrechensbekämpfung, sie ist durchweg anachronistisch. Allerdings ist er für den Zuschauer unersetzlich, da er die digitalen Aktionen des Hackers in digitale, physische Action überführt, übersetzt. Ein weiteres Beispiel für diesen Fall wäre Password: Swordfish, in dem das physische Eindringen in die Weltbank parallel zum reinhacken verläuft. Irgendwie, so scheint es, muss die abstrakte Welt des digitalen materialisiert werden. Ein Versuch, der meines Erachtens noch kaum versucht worden ist, mag jener der Kausalität beider Welten sein. So oder so, das Arbeitsfeld gilt es mit Spannung zu beobachten – ebenso wie die Webpräsenz der SZ.

Google war gestern – Ecosia heute!

Lange Zeit ist nichts geschehen, währenddessen wurde Google ein Riese, ein Golem, eine megalomane Maschinerie. Ecosia heißt sie, geschaffen uns alle zu retten! Zwar ist die wahrscheinlich bloß die halbe Wahrheit, den mit Yahoo! ist der frustrierte Verlierer diese New Economy-Märchens im Spiel, der sich, dieser Gedanke drängt sich auf, nun taktisch neu aufstellt. Also alles nur eine perfide Marketingstrategie? Der ganze Regenwaldblödsinn eventuell, dass drückt nur auf die Emotionspattern und hat schon bei Krombacher mehr schlecht als recht funktioniert. Allerdings, und das ist ein wirklicher Fortschritt, entstehen bei Ecosia-Abfragen angeblich keine CO2-Emissionen. Wollen wir mal glauben!
Anbei noch das gaaanz tolle Video.

Ecosia: Die umweltfreundliche Suchmaschine from in60seconds on Vimeo.

Hier ist noch ein älterer Artikel der taz zum Thema. Scheinbar nutzt Ecosia also wirklich Ökostrom und greift nicht auf Zertifikate zurück.

Update 29.5.2010: Eine wirkliche Schwäche der Suchmaschine ist natürlich die fehlende Bildersuchfunktion. Nicht dass man jedwede Funktion Googles ebenfalls anbieten sollte, auf Videosuche und Maps kann man sehr wohl verzichten, die Bildersuche hingegen ist schon ein must have. Es wäre schön, wenn auf diesem Feld etwas passieren könnte. Bedingung für eine Aufstockung der Produktpalette ist natürlich immer eine stetige Nachfrage, also suchet, ihr Digital Natives, und ihr werdet finden!

Vom Kunstwert

Einige Inhalte des letzten Artikels habe ich weiter in meinem Kopf bewegt. Die dort erwähnte Dokumentation erwähnt Warhol’s, Hirst’s und Koons‘ als vorrangige Spekulationsgegenstände auf dem Kunstmarkt, neustes Betätigungsfeld scheint nun Picasso zu sein. Manch einem mag sich der Zusammenhang zwischen dem polygamen Spanier und seinen angelsächsischen Kollegen nicht gleich erschließen, es gibt ihn aber: Alle vier Künstler kommen über die Masse. Während Picasso einfach noch ein manischer Arbeiter war, der täglich mehrere Kunstwerke produzieren konnte (die syntaktische Anordnung von Kunstwerke neben produzieren ist keineswegs zufällig, sondern soll auf die maschinelle Arbeitsweise Picassos hinweisen, die lediglich in einer verqueren Eucharistiefeier durch die genialische Berührung Picassos den bloßen Gegenstand zum Werk werden lässt. Eine genaue Analyse seines Stils im Zusammenhang mit seiner rasenden Produktion könnte durchaus erhellend auf sein Werkverständnis wirken – hier spricht kein Fan!), verwendete Warhol verschiedene Druckverfahren und auratisierte seine Factory, und mit ihr alles in ihr Produziertes, von wem auch immer es tatsächlich kam. Zu Hirst und Koons mit ihren angestellten ausführenden Künstlern ist es von dort nur noch ein Schritt. Masse also. Eben diese erlaubt innerhalb einer größeren Menge immer wieder neue Spitzenpreise zu generieren, ohne dass der unwahrscheinliche Fall eines Versiegens der Ressource eintritt. Innerhalb dieses beschränkten Feldes relativer Größe lassen sich dann durch geschickte Positionierungen, Absprachen, etc. immer neuen Werken immer neue Werte zuweisen, bis man auf ein neues Feld (meint: neuen Künstler) springt. Wie in der empfehlenswerten Ausstellung Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie schlüssig gezeigt wurde, nutzen Banken Abstrakte Kunst schon länger als Chiffre für abstrakte Finanzgeschäfte, bzw. als Ausweisung ihrer Deutungshoheit über beide. Nach einer eventuellen Eindämmung abstrakter Finanzgeschäfte könnte Kunst zur neuen Währung auf diesem Feld verkommen.