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Ain‘t it funny?

Roger Caillois ist ein schlauer Mensch, da beißt die Maus keinen Faden ab. In dem uneingeschränkt zu empfehlende Buch „Die Spiele und die Menschen. Wahnsinn und Maske“ entwickelt er einen Gedanken, der an dieser Stelle weiter geführt, oder, um beim Faden zu bleiben, wieder aufgenommen werden soll. Wobei ich mir nicht anmaße auf ähnlichem Niveau zu operieren – aber dennoch. Bekanntlich entwickelt Caillois eine Soziologie des Spiels, die auf einer Kategorisierung des selben in die vier Klassen agon (Wettkampf), alea (Chance), mimikry (Maske) und ilinx (Rausch) fußt. Diese Kategorien treten zumeist in Kombination auf, wobei agon/alea und mimikry/ilinx die häufigsten Paarungen sind. Diese Pärchen sind für Caillois zudem Stufen eines evolutionistischen Modells von Gemeinschaft – welches Anthropologen allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht durchwinken würden –, nach dem unsere „modernen“ Gesellschaften größtenteils agonisch-aleatisch funktionieren, „primitivere“ Gesellschaften, Stämme etc., sich hingegen durch Rausch und Maske organisieren. Als Beispiel dafür nennt er beispielsweise religiöse Kulte. Interessant daran ist, dass Caillois über den Wechsel von einer Stufe zur nächsten spekuliert, und in diesem Zusammenhang der Satire eine zentrale Funktion zuweist. Die Satire nämlich habe die rauschhaften Rituale als Aberglaube demaskiert, indem das Ritual von jemand Unbefugtem wiederholt und damit als wirkungslose Machtnahme bloßgestellt wurde. Man könnte dies als kleine Variation der bachtinschen Karnevalstheorie betrachten, die dessen horizontales Modell von Kultur und Gegenkultur in die Vertikale setzt. Diese geringfügige Änderung hat jedoch den weitreichenden Effekt, dass der Satire – also das Sekundäre, das Zitat – entwicklungsgeschichtlich ein größerer Stellenwert zukommt als dem Primären, dem Werk, wenn man so möchte. tbc.

Winterzeit

(Mich würde eure Meinung zur folgenden Kurzgeschichte interessieren. Postet bitte. Danke)

26. September.
Martin streicht sich über die Wangen, denkt muss mich morgen rasieren. Er kratzt sich kurz am Bauch, etwas oberhalb des Nabels, zieht eben die Decke über die Beine. Langsam atmet er ruhiger.
Im Badezimmer betätigt Nadine die Spülung – kommt dann sie wohl sofort zurück.
Mit einer Bewegung schiebt sie die Tür auf, lächelt süß in seine Richtung während sie oben einen Zopf bindet und unten versucht mit der Ferse die Tür zu schließen. Schlussendlich nimmt sie dafür doch eine Hand zur Hilfe, bindet sich die Haare fertig und krabbelt zu Martin, der eigentlich keine Lust hat sich zu bewegen, dann aber doch das linke Bein anwinkelt und seitlich abknickt, unter die Decke. Ihr hat‘s scheinbar gefallen; sie spielt gedankenverloren mit seinen Brusthaaren, versucht einen scheuen Blick, küsst ihn kurz. Ihren Kopf hat sie auf seine Brust gelegt, er zieht ihren Shampooduft ein, überlegt, ob er morgen früh noch schnell seine Nägel schneiden soll, hört sie auf dem Nachttisch rascheln.
Stellt sich der Wecker von selber zurück?
Ist doch ‘n Funkwecker.
Das allein heißt doch nichts. Eigentlich hat sie recht.
Mmh. Klingt zustimmend.
Sie streicheln sich träge. Martin versucht jeden klaren Gedanken zu vermeiden, könnte sofort einschlafen.
Hey!
Mmh. Macht die Augen auf und versucht sich am Rücken zu kratzen. Nadine streicht ihm mit dem Daumen übers Jochbein, grinst ihn liebevoll an. Ihre Augen sind ihm ein bisschen zu begeistert. Was denn?
Wir haben jetzt drei Minuten nach Zwei.
Und? Warum kommt sie ihm mit so einer Scheiße?
Um Zwei Uhr neunundfünfzig und neunundfünfzig Sekunden springt die Uhr eine Stunde zurück. Sein spöttischer Blick sieht dem verschlafenen sehr ähnlich.
Wir haben also jetzt sowas wie eine überflüssige Stunde.
Er hasst es, wenn sie zu nachtschlafender Zeit versucht clever zu sein, entgegnet ablehnend mit geschlossenen Augen um sich ein Abwinken zu ersparen: Woher willste denn wissen, ob deine unnötige Stunde nicht schon vorbei ist? Unnötig akzentuiert er stark.
Ich habe eine Idee. Sie macht die Nachtichlampe an, er stöhnt unwillig, dreht sich weg. Sie rollt sich sanft auf ihn und bringt ihn liebevoll dazu ihn anzusehen.
Wir machen eine Art Spiel.
Wir haben doch eben erst eine Art Spiel gemacht, sagt es aber nicht, sondern legt seine Stirn in Falten.
Wir haben doch diese überflüssige, diese verlorene Stunde, die sich doch wiederholt…
Martin versteht nichts, will nicht verstehen.
…da könnten wir doch etwas tun, was danach genauso vergessen ist wie diese Stunde.
Könnten wir auch lassen. Akzent auf dem ersten Wort. Deine verlorene Stunde ist eine verlorene Stunde Schlaf.
Sie schlägt ihm mit der flachen Hand auf den Oberarm, nicht sehr fest, so wie man ein Maultier antreibt.
Maulig wird reagiert, registriert, es ist ihr ernst, versucht sie wach anzusehen. Sie weicht seinem Blick aus, hätte ihn ja jetzt sicher, fixiert sein linkes Schulterblatt und:
Es ist dieselbe Stunde, die es, Pause, zweimal gibt. So, so wie – stell dir vor, Gott hätte die Welt erschaffen, sie hätte ihm dann nicht richtig gefallen, woraufhin er sie nochmal, verbessert, 1 Punkt 2 geschaffen hätte. Welche wäre dann die richtige?
Martin muss darüber lächeln, dass sie 1.2. gesagt hat. Wie sie es gesagt hat, in diesem ganzen Zusammenhang; ziemlich cyberspacig.
Ob wir nun in der Ursprungsversion oder dem Nachfolger leben, fragt er sich. Sie sich, ob er versteht worauf sie hinaus will, ob der Vergleich gepasst hat. Eigentlich hatte sie ja einen besseren, nämlich mit dieser Frau von Adam, aber der Name der Frau vor Eva viel ihr nicht mehr ein, was ja ihre Theorie zusätzlich stützen würde, aber das hätte dann Martin nicht mehr kapiert und sie wollte auch nicht zu viele Fässer zugleich aufmachen.
Du verstehst was ich meine? Sie guckt ihn komisch an, schon wieder etwas scheu, klopft mit dem Zeigefinger sacht in die Ellenbogenbeuge seines linken Unterarms.
Ich denke schon.
Wie sie ihn ansieht soll er noch mehr sagen?
Weil diese eine Stunde wiederholt wird, ist die erste überflüssig. So kompliziert ist das doch nicht, meint sie ich bin ein Idiot?
Also wenn diese Stunde sowieso aus dem Lauf der Welt fällt, dann sollten wir uns in dieser Stunde, sie zögert, drückt mit dem Finger etwas fester in die Beuge.
1.2., Lauf der Welt, was ist den heute los, denkt Martin bei sich, kratzt sich erneut am Rücken und sieht dabei seinen halben Kopf im Schein der Nachtischlampe im Fenster gespiegelt. Uns alles sagen, was wir uns sonst nie sagen würden, schonungslos. Jetzt sieht sie wieder auf, lässt von seinem Ellenbogen ab, streichelt seinen Oberarm, und danach so weitermachen, als sei nichts gewesen. Ihr Blick fragt. Denn eigentlich ist ja nichts gewesen, eigentlich gibt’s die Stunde ja nicht.
Martin guckt jetzt auch ernst, richtet sich im Bett auf, klemmt ein Kissen zwischen sich und die Wand, lehnt sich an. Nadine schmiegt ihre ganze Rückseite an seinen Oberkörper, beugt ihren Nacken über seine linke Schulter. Der eine Arm zieht sie noch enger an ihn, mit dem anderen fasst er behutsam hinüber an ihren Hals, spürt ihren Puls sacht am Zeigefinger. Sie bekommt einen Kuss auf die Stirn gedrückt, streicht ihm liebevoll über den Oberschenkel, übers Knie, soweit ihr Arm reicht ohne dass sie ihren Hals aus seinem Griff lösen müsste.
Sie weiß, es ist an ihr das Schweigen zu brechen, wie ein Gesetz, zu lösen, wie ein Problem oder einen Knoten, den man entwirrt.
Sie atmen gleichmäßig, eine Bewegung, beide Blicke aus dem Fenster, hinein ins Schwarz. Totale Dunkelheit und Ruhe hinter der Scheibe, in welcher sie sich beide auch erkennen können, schemenhaft zumindest.
Ich habe eine Affäre.
Ruhe und Dunkelheit hinter der Scheibe. Ihr Puls geht schneller, fühlt er. Auch sein Atem kann mit ihrem nicht mehr mithalten.
Seine Hand auf ihrem Hals spürt sie anders als vorher. Schwer wiegend.
Scheiße. Sie wollte bloß über alle möglichen Sachen reden, keine Ahnung, so darüber wie er sie behandelt, wenn sie als Paar mit seinen „Jungs“ weggehen. Sachen halt, die er sonst sofort abblockt.
Und dann haut er sowas raus.
Lässt sich die Spielregeln zehnmal erklären, als ob er blöd wär´, dabei hat er sie sofort begriffen, spielt nach seinen Regeln.
Sie zieht die Luft extra tief ein, um zu spüren, wie seine Hand beim Einatmen auf ihrem Hals drückt. Nicht sehr fest, aber sie will das jetzt spüren.
Die Lampe auf dem Nachttisch ist nicht stark genug, dass ihnen ihre Spiegelung im Fenster scharf gegenübersteht. Weil sie seinen Blick nicht zu fassen kriegt, schließt sie, Ruhe, die Augen, Dunkelheit, seine Hand auf dem Hals, atmen.
Lillith.
Jetzt fällt‘s ihr wieder ein
Lillith. So hieß Adams erste Frau, wenn sie nicht alles täuscht.
Jetzt ist´s ein bisschen spät, aber immerhin ist ihr das noch eingefallen.
Sie streckt ihre Beine von sich, streicht ihm über seinen vor ihrer Brust verschränkten Arm, dreht ihren Kopf seinem Ohr zu, flüstert
Lillith.
Martin versteht nicht, fasst ihre Hand.
Wir hatten ein Kind, Martin. Ich habe es wegmachen lassen. Lillith.
Er findet ihren Blick nicht im Fenster. Zu unscharf. Sieht liebende Bewegungen, die Köpfe aneinander gestützt. Völlige Schwärze dahinter.
Weltraumschwarz.
Wie ich jetzt darauf komme? Hat vor einer Woche eine Doku über den ersten bemannten Weltraumflug gesehen. Ah ja, dieser russische Astronaut. Nee, Kosmonaut; russischer Astronaut, was für ein Blödsinn.
Gagarin.
Genau, Juri Gagarin. Der, damit seine Frau ihn nicht bei einer anderen schönen Tochter Mütterchen Russlands erwischt, sich lieber aus dem Fenster stürzte. Sich dabei allerdings die Braue zerdepperte, so dass die Sowjets dieses Rührstück erfinden mussten, in dem Papa Juri mit dem geschulterten Töchterchen stürzt, sich aber, dem Kind darf nichts passieren!, mit dem Gesicht abfangen muss.
Potemkinsche Dörfer.
Ihrer beider Atem geht ruhiger, gleichmäßiger.
Nadine will sich umdrehen, in seinem Gesicht lesen, unterdrückt diesen Wunsch aber. Sie will ihn nicht ermutigen etwas zu sagen wie: es ist auch mein Kind gewesen.
Sie lugt zur Seite, sieht im Augenwinkel ihr Spiegelbild im Fenster. Dahinter nur Schwarz. Martin hat den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen wohl geschlossen – so genau kann sie das nicht sehen.
Das Schweigen ist total, wie das Schwarz hinter den Scheiben. Nur atmen hört man.
Potemkinsche Treppe.
Ich gehe Wasser holen. Sagt’s und steht auf. Sie geht auf das Fenster zu, sieht sich kurz darin, streicht die Haare hinter die Ohren und biegt in die Küche ein.
Die Fliesen kühlen unter den Füßen. Befreiend, im Kontrast zur beklemmenden Wärme des Bettes.
Das Glas ist schon lange voll, aber das Geräusch des laufenden Hahns dämpft die Stille. Sie dreht den Hahn zu.
Martin liegt nicht mehr im Bett, wahrscheinlich im Bad.
Sie hört ihn da, die Spülung geht.
Als er endlich in Zimmer kommt, schaut er sie nicht direkt an. Er schließt die Tür und kratzt sich dabei mit der rechten Hand am Hals. Er hat dort einen Wirbel, deswegen achtet er peinlich genau darauf, immer gut rasiert zu sein. Er mag es nicht, sieht man den Wirbel, einen Strudel, der Barthaare aus sich rauswirft. Dabei sieht’s echt gut aus, findet Nadine. Macht ihn interessant, was er wiederum nicht findet.
Nadine ist schon wieder unter der Decke, lehnt aber an der Wand, ein Kissen vor der Brust verschränkt.
Martin setzt sich auf die Bettkante, schaut kurz zum Fenster, streicht sich durchs Haar. Rücken gebogen, breitbeinig. Er hat sich eine Boxershort angezogen, riecht nach Zahnpasta.
Weißt Du, warum man Juri Gagarin ins Weltall hat fliegen lassen und nicht jemand anders?
Den ersten Menschen im All?
Genau.
Nein.
Nadine kratzt sich mit Links am rechten Arm.
Man hat allen Kosmonauten dieses Programms was ins Essen gemischt, damit sie sie Scheißerei kriegen, was weiß ich was, jedenfalls waren sie alle krank. Aber bis auf Gagarin haben alle behauptet, sich gesund zu fühlen. Nur er eben hat die Mission nicht gefährden wollen und sein Gebrechen eingestanden. Damit war er der Auserwählte.
Er schaut in ihre Richtung.
Klingt zu schön um wahr zu sein.
Das sagt sie oft, und immer lächelt er sie dann liebevoll zärtlich an. So auch diesmal.
Sie schaut auf ihr Kissen.
Annelie.
Sie schaut auf.
Eine Stewardess. Meine Affäre ist Flugbegleiterin.
Die Nachttischlampe ist nicht sonderlich hell, trotzdem weiß er nicht wohin mit seinem Blick. Auf die Füße, er zieht die Zehen hoch, dass die Adern hervortreten. Der kleine Zeh am linken Fuß ist etwas dicker, war mal gebrochen. Dafür sonst noch nichts, toi, toi, toi.
Sie hat mir erzählt, bei AirBaltic gibt’s einen Kapitän, der Juri Gagarin heißt. Stell Dir mal vor, Du sitzt im Flieger und dann kommt die Durchsage, er verstellt die Stimme, sachlich-freundlich: Herzlich Willkommen auf dem Flug nach Riga, mein Name ist Juri Gagarin, ich begrüße sie recht herzlich…
Er lächelt. Verschluckt es aber schnell wieder, nicht dass die es missversteht. Russischer Astronaut.
Es ist jetzt wieder zwei. Lass uns schlafen.
Er löscht das Licht. Er leuchtet es noch hinter seinen Augen nach, dann wird es langsam schwarz. Tiefschwarz, Weltraumschwarz.