Archiv der Kategorie 'Netz'

Mischehe: Komputer und Cino

Die SZ genießt im deutschen Sprachraum nach wie vor einen exzellenten Ruf. Allerdings konnte sie als S ohne Z – im Netz präsentiert man sich bloß als Sueddeutsche- nie wirklich überzeugen und ließ im allgemeinhin als seriös angenommenen Journalismus der Online-Sparte Spiegel und Zeit uneinholbar vorbei ziehen. Die Gründe dafür sind ebenso deutlich wie sie einfach zu vermeiden gewesen wären: Zwischen den Lesern der analogen und digitalen Ausgabe gibt es erstmal eine deutliche Überschneidung, die sich aber verflüchtigt – und hier wären wir beim Ist-Zustand –, wenn die Inhalte zwischen den Medien krass divergieren. Ein Beispiel: der Süddeutsche-Leser, aus der Print-Ausgabe ein prallgefülltes und gehaltvolles Feuilleton gewohnt, soll sich online im gleichen Ressort durch diverse Rihanna-Bildstrecken klicken. Ergebnis: der Online-Leser orientiert sich anderweitig. Grund: sueddeutsche.de hat, zumindest im Ressort Feuilleton, keine bis kaum Überschneidungspunkte mit der Printausgabe gehabt, einfach weil es keine redaktionelle Überschneidung gegeben hat.
Nun schickte ich mich kürzlich an, nach einem guten Jahr mal wieder bei besagter Adresse vorbei zu surfen und mir ein Bild von der Lage zu machen. Nicht viel hat sich verändert, allerdings fand sich ein sehr interessanter Artikel von Tobias Moorstedt, welcher ebenfalls das für die SZ so schmerzhafte Thema Medientransfer zum Gegenstand hat. Vom Ausgangspunkt der Verfilmung eines Stieg-Larsson-Romans wendet sich Moorstedt der Frage nach der Darstellbarkeit des Hackens und digitaler

Vorgänge allgemein im Medium Film zu. Zwar sei der Hacker „die passende Figur für eine Zeit, in der man ständig Schlagzeilen in der Zeitung findet wie „Chinesische Hacker attackieren Google“ oder „Hacker aus Berlin findet Sicherheitslücken im Mobilfunknetz““, hat allerdings ein dramaturgisches Problem: „Sie kämpft, bricht ein, stiehlt – aber sie bewegt sich nicht. Die Kamera umkreist das geheimnisvolle, dunkle Mädchen – und findet doch keine passenden Bilder für seine zentralen Fähigkeiten.“ Diagnose: „Noch hat das Kino keine wirkliche Ikonographie des Informationskrieges entwickelt […]. Das Klappern der Plastiktastatur kann das Rattern des Maschinengewehrs noch lange nicht ersetzen.“ In der Folge steigt Moorstedt tief in die Motivgeschichte ein, reiht massenweise misslungene Beispiele aneinander, die hier nicht interessieren sollen.
Beschäftigen wir uns mit seinen positiven Beispielen, drei an der Zahl. (1) Brazil von Terry Gilliam mit Robert de Niro in der Rolle des Harry Tuttle bezeichnet der Autor in dieser Hinsicht als einen vielversprechenden Start, mit dem Vorteil, „dass er noch in analog-pneumatische Maschinen hacken durfte, was im Bild recht eindrucksvoll zur Geltung kam – dieses Ausdrucksmittel ist seinen Nachfolgern nun leider genommen.“ (2) The Matrix der Wachowski-Brüder, in der Nachfolge Trons stehend, wo Hacker „den Computer nicht auf der glatten und glänzenden Oberfläche der Betriebssysteme und Programme“ bedienen, sondern „in den tieferen Schichten der digitalen Organismen“ werkeln. Hier scheint der Verfasser seine Vorstellung einer Bebilderung digitaler Prozesse verwirklicht zu sehen, was folgende Formulierung prägnant belegen mag: „Einen Sommer lang träumte das Kino tatsächlich davon, direkt in den grünen Quellcode der digitalen Illusion einzutauchen.“ Moorstedt blendet in seiner Euphorie allerdings die zweifelsohne starke physische Präsenz in Matrix aus. Mit der Matrix haben die Machern in erster Linie treffendes Vehikel entwickelt, digitale Prozesse in Actionhandlung aufzulösen. Dass eine solche Lösung eher Ausnahme denn Regel ist, zeigt Beispiel (3), Die Hard 4, in dem Bruce Willis und ein Hacker zu gleichen Teilen Terroristen bekämpfen. Die Essenz dieser Teambesetzung ist wohl, ein Bruce Willis allein ist nicht mehr die entsprechende Repräsentanz zeitgenössischer Verbrechensbekämpfung, sie ist durchweg anachronistisch. Allerdings ist er für den Zuschauer unersetzlich, da er die digitalen Aktionen des Hackers in digitale, physische Action überführt, übersetzt. Ein weiteres Beispiel für diesen Fall wäre Password: Swordfish, in dem das physische Eindringen in die Weltbank parallel zum reinhacken verläuft. Irgendwie, so scheint es, muss die abstrakte Welt des digitalen materialisiert werden. Ein Versuch, der meines Erachtens noch kaum versucht worden ist, mag jener der Kausalität beider Welten sein. So oder so, das Arbeitsfeld gilt es mit Spannung zu beobachten – ebenso wie die Webpräsenz der SZ.

Google war gestern – Ecosia heute!

Lange Zeit ist nichts geschehen, währenddessen wurde Google ein Riese, ein Golem, eine megalomane Maschinerie. Ecosia heißt sie, geschaffen uns alle zu retten! Zwar ist die wahrscheinlich bloß die halbe Wahrheit, den mit Yahoo! ist der frustrierte Verlierer diese New Economy-Märchens im Spiel, der sich, dieser Gedanke drängt sich auf, nun taktisch neu aufstellt. Also alles nur eine perfide Marketingstrategie? Der ganze Regenwaldblödsinn eventuell, dass drückt nur auf die Emotionspattern und hat schon bei Krombacher mehr schlecht als recht funktioniert. Allerdings, und das ist ein wirklicher Fortschritt, entstehen bei Ecosia-Abfragen angeblich keine CO2-Emissionen. Wollen wir mal glauben!
Anbei noch das gaaanz tolle Video.

Ecosia: Die umweltfreundliche Suchmaschine from in60seconds on Vimeo.

Hier ist noch ein älterer Artikel der taz zum Thema. Scheinbar nutzt Ecosia also wirklich Ökostrom und greift nicht auf Zertifikate zurück.

Update 29.5.2010: Eine wirkliche Schwäche der Suchmaschine ist natürlich die fehlende Bildersuchfunktion. Nicht dass man jedwede Funktion Googles ebenfalls anbieten sollte, auf Videosuche und Maps kann man sehr wohl verzichten, die Bildersuche hingegen ist schon ein must have. Es wäre schön, wenn auf diesem Feld etwas passieren könnte. Bedingung für eine Aufstockung der Produktpalette ist natürlich immer eine stetige Nachfrage, also suchet, ihr Digital Natives, und ihr werdet finden!

Gagagugugogogähn

Wer braucht schon das CERN, wenn man auf dieser Website jederzeit beobachten kann, wie zwei Teile in Lichtgeschwindigkeit aufeinander geschossen werden. In der taz lesen wir folgendes: „2008 verzeichnete das Statistische Bundesamt erstmals über 150.000 Fernsehgeräte weniger als im Vorjahr. Vor allem bei jungen Menschen geht die tatsächliche Sehdauer drastisch zurück: 2004 sahen nach einer Untersuchung von Goldbach Media Menschen zwischen 12 und 29 noch 103 Minuten am Tag „klassisch“ fern – 2009 waren es nur noch 84 Minuten. Gesehen – und in großem Umfang selbst gemacht – wird trotzdem immer mehr: Im Internet.“ Ein alter Hut zugegebenermaßen, allerdings stieß ich dann auf das Video zu „Telephone“, welches in Stil, Länge und Inhalt niemals eine auf das Medium TV zugeschnitten war. Zugegeben, dieses Phänomen hat es auch zu Hochzeiten des Musikfernsehens gegeben, indem man in einer avantgardistischen Geste symbolisches Kapital aus der Missachtung MTV’s zog oder sich bewusst in das randständige Dasein der verpixelten Ausstrahlung nach Mitternacht schieben ließ. Gaga jedoch ist Mainstream, dieser jedoch ist gemeinsam mit seinem Publikum ins Internet abgewandert. Wie ein avantgardistischer Geist auch dort bestehen kann, zeigen Massive Attack mit „Paradies Circus“, dessen Video ihr hier eben nicht mehr sehen könnt.

Justement stellt sich doch glatt heraus, dass eben dieses Video im Internet nicht mehr auffindbar ist. Das official video im fernsehfreundlichen Format hingegen weist jedoch einige Referenzen an eben jene nun verschwundene Version auf. Also haben wir es hier bloß mit einem viralen Marketinggag zu tun, dessen Stoßrichtung doch auf’s TV zielt – und dem ich direkt mal auf den Leim gegangen bin. Ich korrigiere mich daher: Der Mainstream ist noch nicht zur Gänze ins Internet abgewandert, rechnet aber verstärkt mit ihm (ist der Internet ein Mann?). Alles total beschmiert, hoffentlich finden sie am CERN bald das Gottesteilchen, damit wir das alles endlich verstehen können.


Verpokerfacet!

Geshreddert!

Wer das im Taschen-Verlag verlegte Buch „New Media Art“ auf Seite 70 aufschlägt, findet dort interessante Informationen zum laut artfacts etwas in Vergessenheit geratenen Computerkünstler Mark Napier und seinem Shredder 1.0: „Shredder 1.0 leitet den Code, in dem eine Website geschrieben ist, durch ein Perl-Script, ein rudimentäres Programm, das den ursprünglichen Code analysiert und neu anordnet, bevor es ihn den Webbrowser übergibt. Napier verfasste das Perl-Script so, dass die Ergebnisse visuell

immer ähnlich sind – der charakteristische Stil des Algorithmus, der sie produziert. In den verzerrten Logos und Textfragmenten, die übrig bleiben, kann man zwar manchmal noch Spuren des Desingns und Inhalts der Originalseite erkennen, aber die geschredderten Versionen ähneln eher den nicht gegenständlichen Gemälden von Hans Hoffmann oder Gerhard Richter als den glatten Interfaces der Websites, von denen Napiers Kompositionen stammen. Napiers Umgang mit der Net Art reflektiert seinen Hintergrund als Maler; die mit Shredder 1.0 geschaffenen Bilder zeugen von einer großen Sensibilität für Farbe und Form. Hoffmann und andere Vertreter des Abstrakten Expressionismus reduzierten die Malerei auf ihre inhärenten formalen Merkmale, wie die Flächigkeit der Bildebene und die Plastizität der Farbe. Napier lenkt die Aufmerksamkeit auf die grundlegenden technologischen Eigenschaften des Internets, von der Komplexität des Codes bis zur Variabilität von Bildern.“

Das Bild ist übrigens folgende Seite, geshreddert.

Vortragssteno Nake

Diese Woche läuschte ich den Ausführungen des Computerkünstlers und -theoretikers Frieder Nake zum Anlass der Ausstellung „Die Virtualität des Bildes. Frühe Computerkunst der Sammlung Clarissa“ im Sprengel-Museum Hannover. Vielleicht nicht für jeden interessant, habe ich dennoch meine Mitschreibsel sauber abgetippt und stelle sie zur Verfügung.

Zwei Modi der Realität: (1) Aktualität = unterliegt der Physik (2) Virtualität = Möglichkeit der Realität, welche mind. einer physikalischen Dimension (z.B. Gewicht, Masse) entbehrt; dennoch nicht scheinbar!
Höhlenmalereien zeigen, dass Menschen von Beginn an zählen und zeichnen konnten. Der Computer, eine eigentliche Rechenmaschine, wird ab 1963 zum Zeichnen gezwungen = kultureller Schock (weil Urmenschliches vom C. übernommen wird). Kunstanspruch aus der Maschine, hinter welcher Firmen stehen.
Geschichte: Digitale Kunst wird zuerst von Georg Nees in Stuttgart ausgestellt (65), zwei Monate später von A.M. Noll in New York.
Im Computer wird die Idee zum Programm. Die diskrete Maschine soll eine analoge Tätigkeit (Zeichnen) ausführen. Dadurch wird die Zeichnung „verdoppelt“: Sichtbare Oberfläche und eine für den unsichtbare für den Prozessor operationable Unterfläche. Alles existiert verdoppelt (Bsp.: keine Bewegung auf dem Bildschirm (Oberfläche), allerdings rasende Rechenprozesse auf der Unterfläche, im Programm).
Der CKünstler muss versuchen zu denken, was der Computer denken würde, wenn er denken könnte. Menschliche Intelligenz ist offen, die des C.s geschlossen (weiß nur, was ihm beigebracht worden ist).
Heute kommen fast alle „Werke“ aus dem Computer.


Frieder Nake: Polygonzüge (1965)

Georg Nees: Schotter