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Zitatzierrat

„Früher war man sich sicher, wenn sich das Starre, das Etablierte und das Stehende auflöst, dann löst sich das zur Freiheit hin auf – dass dem nicht mehr so ist, ist eine Erfahrung der letzten 20 Jahre.“
Diedrich Diederichsen

Zitat

Dietmar Dath macht in „Für immer in Honig“, dem wenig bekannten, aber ebenbürtigen Zwilling von David Foster Wallace’ „Infinite Jest“, auf einen Schlag mit seiner eigenen und der allgemeinen Kapitalismus- und Feuilletonismus-Trottelei Schluss.

Ein Schlaglicht in einem sonst ereignisarmen Text von Maxim Biller, der scheinbar nie seine „HundertZeilenHass“-Kolumne in der Tempo überwunden hat. Seinem Werturteil Dath betreffend kann ich jedoch uneingeschränkt beipflichten – „Für immer in Honig“ ist Synapsensex! Den Vergleich mit „Infinite Jest“ mache ich übrigens auch immer, hat aber ebenfalls kaum jemand gelesen.

Wortfund #1

Ein sehr schönes Wort kreuzte meinen Weg, und zwar hier.
Es handelt sich um das schöne Wort

Sexpuppenmanufaktur

Eine Suchmaschinenabfrgae bestätigte, dass dieses Wort nur einmal im Netz zu finden ist. Naja, zweimal jetzt.

Wozu Sex?

Woody Allen ist keiner meiner Favoriten, das sei vorweg gesagt. Ich mag eher die älteren Filme, jene bei denen er hinter der Kamera bleibt und nicht allzu viel von sich selbst in die Figuren gelegt hat. Auf Whatever Works, sein neustes Baby, trifft dies nur halbwegs zu, befinden wir uns doch wieder im altbekannten Neurosen York, allerdings ohne Allen im Cast. Der Film ist konziliant witzig, aber das hat diesen Eintrag auch nicht weiter zu interessieren, bedeutend anregender scheint mir ein Gedanke, den der Komiker im Rahmen der Veröffentlichung Katja Nicodemus mitteilte:

„ZEITmagazin: In Ihren in Europa gedrehten Filmen inszenieren Sie Liebe und Sex viel sinnlicher als in Ihren amerikanischen, wo Sexualität eher neurotisch wirkt. Wie kommt das?

Allen: In Amerika war Sex schon immer ein ungemein wichtiges Thema, dem man sich nur auf feierliche, pompöse Weise nähern kann. Als die sexuelle Befreiung in den USA auch auf das Kino übergriff, dachte man, man könne Sex nun auf der Leinwand als Ersatz für Dramatik und gute Geschichten verwenden. Plötzlich glaubten die amerikanischen Filmemacher, eine ausführliche

Sexszene auf der Leinwand sei ungemein spannungsgeladen. In Wahrheit sind solche Szenen aber einfach langweilig. Für die sexuell unterdrückten Provinzler im Publikum, die ja die Mehrheit darstellen, sind sie natürlich immer noch etwas ganz Besonderes. Weil sie so infantil sind.

ZEITmagazin: Und in Europa?

Allen: Da liegen die Dinge anders. In Europa ist Sexualität ein normaler Teil des Lebens und nicht diese große, sündige Sache. In europäischen Filmen dient Sex dazu, Mann und Frau, Mann und Mann oder Frau und Frau in ihrem Zusammenleben und in ihren Konflikten zu zeigen. In den USA wird Sex als eine dramaturgische Waffe benutzt, wie die Gewalt. Das sagt viel aus über den Unterschied zwischen unseren Kulturen.“

Zusammengefasst: 1.) Ausführlicher Sex ist langweilig für jeden, der ihn selber hat. 2.) Sex wird auf der Leinwand als dramaturgisches Mittel verwendet, analog zur Gewalt. Mögen sich windige Pornografietheoretiker mit 1.) auseinandersetzen, wir gehen sofort zu 2.) über. Nicodemus und Allen kommen im Anschluss an diese Passage kurz auf Paul Verhoeven’s Basic Instict zu sprechen, und tatsächlich illustriert dieser Film wunderbar These von der auschliesslich dramaturgischen Funktion des Geschlechtsverkehrs – ob man das auf das amerikanische Kino in seiner Monstrosität ausweiten kann, sei mal dahingestellt. Sex wird in Basic Instict als Machtspiel zwischen Catherine (Stone) und Nick (Douglas) inszeniert, in dem er sie zu Fehlern zwingen möchte um seinen Fall zu lösen, sie ihn analog zur Dramaturgie ihres neusten Buches verwirren und schließlich töten möchte. Sex ist gefährlich, sagt uns der Film moralingesäuert im sexy Gewand. Dafür macht er eine perfide Opposition auf: Nachdem die blonde Catherine Nick bei ihrem ersten Aufeinandertreffen gänzlich den Kopf verdreht hat, sucht dieser enerviert Trost bei seiner brünetten Exfreundin Beth (Tripplehorn). Nach aggressivem Sex im Wohnzimmer rechtfertigt er sich vor ihr, man habe bloß Liebe gemacht, woraufhin Beth entgegnet: „Das war keine Liebe!“. So betrachtet lässt sich der Film auch als ménage à trois lesen, in dem Nick zwischen dem gutmütigen Kuschelmäuschen in brünett und dem blonden Vamp zu wählen hat und sich, da er den Sex schon von Liebe getrennt hat ahnen wir es, für letztere entscheidet. Übrigens sehr zum Leidwesen respektive physischen Ende der lieben Beth.
Sex ist, mit Woody Allen, in Basic Instinct allemal dramaturgisches Mittel, ein Machtmittel, hier tatsächlich ganz simpel in Analogie zu physischer Gewalt zu verstehen. Deswegen wird dieser Sex auch aggressiv inszeniert, in Differenz zum „Liebe machen“, was wir uns wohl langsam und zärtlich vorzustellen haben. Dass ein Oszillieren zwischen beidem auch in der Liebe möglich ist, gibt der Film nicht her. Das meint Allen wohl mit „infantil“.
(Interessant wäre vielleicht auch eine Analyse der Funktion von Homosexualität im Narrativ Basic Instinct.)

Hauser nicht zu vergessen…


Kürzlich habe ich mit dem Schriftsteller Heinrich Hauser eine wunderbare (Wieder-)Entdeckung gemacht. In „Donner überm Meer“ von 31 (übrigens keine Reportage, wie der Wikipediaartikel behauptet) begegnete mir eine Schreibe, die durch sämtliche Markierungen der Literaturwissenschaft zu dieser Zeit – Neue Sachlichkeit, Innere Emigration, Magischer Realismus, Technizismus -schlüpft, fast schon postmodernes Erzählen vorweg nimmt. Darüber hinaus tat sich der 55 verstorbene Hauser auf dem Feld der Fotografie, dem Film, aber auch engagierter (z.B. „Schwarzes Revier“) und hypertextueller Literatur („Gigant Hirn“) hervor. Weitgehend vergessen ist Hauser heute, was eventuell darauf zurückgeführt werden kann, dass er 33 seine Verleger, die jüdische Familie Fischer, zwang, die Reportage „Ein Mann lernt fliegen“ mit einer Widmung an den schmierigen Nazi Göring zu versehen. Im Unterschied zu Schmitt, Heidegger, Jünger und Benn hat Hauser trotz seiner relativ frühen Absage an den NS nach dem Reich jedoch keine bedeutende Rolle im deutschen Kulturbetrieb einnehmen können.
An dieser Stelle sei vor allem auf Hausers Fotos hingewiesen, die sich sehr schön zu den Arbeiten von Bernd und Hilla Becher in Beziehung setzen lassen. Anbei einige Duftmarken.