Der Tierversuch

Journalisten schreiben ihre Überschriften nicht mehr für Menschen, sondern für Google News. Da stehen die Experten daneben und sagen ihnen die genauen Schlüsselbegriffe und sogar die Struktur des Sätze, nicht damit sie von Lesern gefunden werden, sondern zunächst mal vom Algorithmus von Google“, so FAZ-Mann Frank Schirrmacher in DeBug 139. Was für den Journalismus gilt, trifft für die Kunst genauso zu, ist doch das Feld der sogenannten Kreativwirtschaft in den letzten Jahren zum Spekulationsfeld der New Economy verkommen. Vielleicht auch deswegen klebt auf der Kunst von Walton Ford das Investoren abschreckende Label anachronistisch, lassen sich seine monumentalen Zeichenkomplexe im Gegensatz zu bspw. Gursky, Koons, oder auch Hirst doch in Zahlen (d.i. algorithmisch) nicht adäquat wiedergeben. Was also, ohne abwerten zu wollen, letztgenannte zu hochbezahlten Kunstmegastars (oder Megakunststars?) macht, degradiert Ford zum Solitär des Betriebs. Dass

dies kein Zustand bleiben kann, hat für Europa zuerst Udo Kittelmann entdeckt und mit seinem Hamburger Bahnhof begonnen, den Erfolg herzustellen, welchen des Malers Nachname doch impliziert. Wie aber funktionieren die Fordschen Zeichenkomplexe genau? Zum einen malt Ford ausschließlich Aquarelle und verpflichtet sich der vermeintlich naturgetreuen Darstellung seiner Tiere. Dies geschieht im vermeintlich sachlich-objektiven Duktus naturkundlicher Zeichnungen, nicht zuletzt auch als Referenz an John James Audubon. Sämtliche Tierarten auf den Bildern sind, wiederum grüßt die Naturkunde, nummeriert und mit lateinischem Namen aufgeführt. Diese Erfassung der Tierwelt durch Benennung überträgt der Maler ebenfalls aufs Sujet, das allegorische Gehalt der Bilder, von nahezu jedem Rezensenten hervorgehoben, stellt sich nämlich in den meisten Fällen als Anthropomorphismen heraus. Weiter sind die Bilder, um zu Google und Audubon zurückzukehren, allesamt größeren Ausmaßes, wie eben die Zeichnungen des berühmten Bildbandes „Birds of America“ und in Abgrenzung zu den kleinen Bildern, die Google ausspuckt und auf denen kein bisschen der Bleistiftnotizen zu sehen ist, die nahezu jedes Bild zuhauf zieren. Weiter sind den Bildern für Google nicht ans Bild zu bindende Zitate aus wissenschaftlichen Journalen, Reiseberichten oder Naturkundebüchern zugeordnet, welche die Bilder kommentieren, erklären oder weiter verschlüsseln. Ein Beispiel dafür ist „Le Jardin“, auf dem eine Schar Wölfe ein Bison umzingelt. Der Kommentar zitiert eine Passage eines Reiseberichtes, der eine ebensolche Situation schildert, allerdings mit einem Stier anstelle des Bisons; der Transfer in die Tierwelt Nordamerikas sowie die geweißten Wölfe öffnen also Analogschlüsse auf die Ausrottung der Indianer. Der an die Gärten von Versailles gemahnende Hintergrund samt frz. Titel hingegen lässt vermuten, dass Kultur hier als Koloniallegitimator demaskiert werden soll, ähnlich wie ich es Haneke in meinem Artikel über „Caché unterstellt habe. Sowieso Kultur, sie dient bei Ford meist in

umgekehrten Vorzeichen als Indikator für die untragbaren Zustände innerhalb der Bilder: Im Hintergrund eines Bildes reflektiert das Licht auf einem Turnerschen Meer, nur dass das Licht hier von einer brennenden Stadt stammt. Oder in „Novaya Zemlya Still Life“, der Darstellung eines Eisbären, taut am rechten Bildrand unmissverständlich Caspar David Friedrichs „Eismeer“, am schrägen Mast zu erkennen, auf. Auch watet der Bär durch einen Haufen menschlichen Schrotts, der sicherlich das Derangement eines Stilllebens darstellt (wer genaueres weiß, mache sich bitte bemerkbar!). „Novaya Zemlya Still Life“ mit der Thematik Klimawandel zeigt weiter Fords Zeitgenoßenschaft deutlich auf; der Hamburger Bahnhof muss sich also keinesfalls rechtfertigen. Überhaupt, einen wiedererkennbaren Stil zu entwickeln kann niemals falsch sein, es sei denn, der Markt diktiert die Bedingungen der Kunst.


1 Antwort auf „Der Tierversuch“


  1. 1 Administrator 15. März 2010 um 22:24 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.