Archiv für Mai 2010

Google war gestern – Ecosia heute!

Lange Zeit ist nichts geschehen, währenddessen wurde Google ein Riese, ein Golem, eine megalomane Maschinerie. Ecosia heißt sie, geschaffen uns alle zu retten! Zwar ist die wahrscheinlich bloß die halbe Wahrheit, den mit Yahoo! ist der frustrierte Verlierer diese New Economy-Märchens im Spiel, der sich, dieser Gedanke drängt sich auf, nun taktisch neu aufstellt. Also alles nur eine perfide Marketingstrategie? Der ganze Regenwaldblödsinn eventuell, dass drückt nur auf die Emotionspattern und hat schon bei Krombacher mehr schlecht als recht funktioniert. Allerdings, und das ist ein wirklicher Fortschritt, entstehen bei Ecosia-Abfragen angeblich keine CO2-Emissionen. Wollen wir mal glauben!
Anbei noch das gaaanz tolle Video.

Ecosia: Die umweltfreundliche Suchmaschine from in60seconds on Vimeo.

Hier ist noch ein älterer Artikel der taz zum Thema. Scheinbar nutzt Ecosia also wirklich Ökostrom und greift nicht auf Zertifikate zurück.

Update 29.5.2010: Eine wirkliche Schwäche der Suchmaschine ist natürlich die fehlende Bildersuchfunktion. Nicht dass man jedwede Funktion Googles ebenfalls anbieten sollte, auf Videosuche und Maps kann man sehr wohl verzichten, die Bildersuche hingegen ist schon ein must have. Es wäre schön, wenn auf diesem Feld etwas passieren könnte. Bedingung für eine Aufstockung der Produktpalette ist natürlich immer eine stetige Nachfrage, also suchet, ihr Digital Natives, und ihr werdet finden!

Vom Kunstwert

Einige Inhalte des letzten Artikels habe ich weiter in meinem Kopf bewegt. Die dort erwähnte Dokumentation erwähnt Warhol’s, Hirst’s und Koons‘ als vorrangige Spekulationsgegenstände auf dem Kunstmarkt, neustes Betätigungsfeld scheint nun Picasso zu sein. Manch einem mag sich der Zusammenhang zwischen dem polygamen Spanier und seinen angelsächsischen Kollegen nicht gleich erschließen, es gibt ihn aber: Alle vier Künstler kommen über die Masse. Während Picasso einfach noch ein manischer Arbeiter war, der täglich mehrere Kunstwerke produzieren konnte (die syntaktische Anordnung von Kunstwerke neben produzieren ist keineswegs zufällig, sondern soll auf die maschinelle Arbeitsweise Picassos hinweisen, die lediglich in einer verqueren Eucharistiefeier durch die genialische Berührung Picassos den bloßen Gegenstand zum Werk werden lässt. Eine genaue Analyse seines Stils im Zusammenhang mit seiner rasenden Produktion könnte durchaus erhellend auf sein Werkverständnis wirken – hier spricht kein Fan!), verwendete Warhol verschiedene Druckverfahren und auratisierte seine Factory, und mit ihr alles in ihr Produziertes, von wem auch immer es tatsächlich kam. Zu Hirst und Koons mit ihren angestellten ausführenden Künstlern ist es von dort nur noch ein Schritt. Masse also. Eben diese erlaubt innerhalb einer größeren Menge immer wieder neue Spitzenpreise zu generieren, ohne dass der unwahrscheinliche Fall eines Versiegens der Ressource eintritt. Innerhalb dieses beschränkten Feldes relativer Größe lassen sich dann durch geschickte Positionierungen, Absprachen, etc. immer neuen Werken immer neue Werte zuweisen, bis man auf ein neues Feld (meint: neuen Künstler) springt. Wie in der empfehlenswerten Ausstellung Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie schlüssig gezeigt wurde, nutzen Banken Abstrakte Kunst schon länger als Chiffre für abstrakte Finanzgeschäfte, bzw. als Ausweisung ihrer Deutungshoheit über beide. Nach einer eventuellen Eindämmung abstrakter Finanzgeschäfte könnte Kunst zur neuen Währung auf diesem Feld verkommen.

Katzengoldrausch

Vielleicht hat ja jemand seinen Samstag damit verbracht, die unglaublich geistreiche Doku von Ben Lewis „Die Millionenblase. Zerplatzte Träume am Kunstmarkt“ zu schauen. Dass der Kunstmarkt in den vergangenen 20 Jahren pervertierte, ist wohl für kaum jemanden neu. Die Gründe dafür, und um diese geht es Lewis vorderhand, vielleicht schon.
Lewis zieht einen Vergleich zur Finanzwelt, mit dem Ergebnis, dass Kartellbildung und Emissionsgeschäfte in der Kunstszene alltäglich sind und keine Verfolgung nach sich ziehen. Die Spekulanten haben sich das richtige Operationsfeld gesucht, denn im Gegensatz zu Feldern des Gebrauch-

mittelmarktes (Öl- oder Sojamarkt) ist die Ressource „Moderne Kunst“ (Begriff lässt sich beliebig ersetzen durch einen z. Zt. hoch gehandelten Namen) nicht verknappt. Das Gegenteil ist der Fall: Tausende „Künstler“ produzieren, jeder von ihnen kann potentiell für den Markt interessant (gemacht) werden, und diese können nahezu unbegrenzt „Kunst“ produzieren – Leute wie Damien Hirst und Jeff Koons tragen diesem Umstand Rechnung, indem sie weltweit mehrere „Ateliers“ mit unglaublich vielen Angestellten unterhalten. Die Begriffe sind schwammig in diesem Feld, immer schon gewesen, ist doch eine strukturelle Offenheit für Kunst konstitutiv und garantiert auch ihre Entwicklung. Finanzjongleure wissen das für sich zu nutzen, wie Lewis einleuchtend aufzeigt, und bringen auf dem Kunstmarkt das System der Hedge-Fonds durch. Traurig.
Aber seht selbst

Rezeptionsdirektiven

„Auf die Gefahr hin, dass Artikel zu Filmen überhand nehmen, hier ein weiteres Beobachtungsprotokoll zur Rezeption von Wim Wender’s „Palermo Shooting“ und Charlie Kaufman’s Regiedebüt „Synecdoche, New York„.“ So die Einleitung eines Textes, der die beiden Filme auf das Spannungsfeld zwischen Tod und Simulakrum abklopfen sollte. Über diesen Anfang hinaus ist es nie gekommen, aber vielleicht ist der Leser geneigt, unter eben diesen Gesichtspunkten beide Filme zu betrachten.


Ebenfalls aneinanderachtern möchte ich bei dieser Gelegenheit Alexander Adolphs „So glücklich war ich noch nie“, mit einer einmal mehr grandiosen Schauspielleistung von Devid Striesow sowie einer bezaubernden (male gaze!) Nadja Uhl, und Christopher Nolans „Prestige“ mit Hugh Jackman und Christian Bale. Untersuchungsgrundlage: Illusion/Lüge und Kino/Film.

Hauser nicht zu vergessen…


Kürzlich habe ich mit dem Schriftsteller Heinrich Hauser eine wunderbare (Wieder-)Entdeckung gemacht. In „Donner überm Meer“ von 31 (übrigens keine Reportage, wie der Wikipediaartikel behauptet) begegnete mir eine Schreibe, die durch sämtliche Markierungen der Literaturwissenschaft zu dieser Zeit – Neue Sachlichkeit, Innere Emigration, Magischer Realismus, Technizismus -schlüpft, fast schon postmodernes Erzählen vorweg nimmt. Darüber hinaus tat sich der 55 verstorbene Hauser auf dem Feld der Fotografie, dem Film, aber auch engagierter (z.B. „Schwarzes Revier“) und hypertextueller Literatur („Gigant Hirn“) hervor. Weitgehend vergessen ist Hauser heute, was eventuell darauf zurückgeführt werden kann, dass er 33 seine Verleger, die jüdische Familie Fischer, zwang, die Reportage „Ein Mann lernt fliegen“ mit einer Widmung an den schmierigen Nazi Göring zu versehen. Im Unterschied zu Schmitt, Heidegger, Jünger und Benn hat Hauser trotz seiner relativ frühen Absage an den NS nach dem Reich jedoch keine bedeutende Rolle im deutschen Kulturbetrieb einnehmen können.
An dieser Stelle sei vor allem auf Hausers Fotos hingewiesen, die sich sehr schön zu den Arbeiten von Bernd und Hilla Becher in Beziehung setzen lassen. Anbei einige Duftmarken.