Archiv für April 2010

Nase in den Angelegenheiten

Schon häufig habe ich hier auf das Primat des Auges hingewiesen. Dass dieses keinesfalls eine unverrückbare Tatsache darstellt, machte mir nun Sissel Tolaas deutlich, auf die ich wiederum über Mono-Kultur gekommen bin, die ich an dieser Stelle erneute emphatisch bewerben möchte. Aber zurück zu Frau Tolaas, Geruchskünstlerin („Ich bin im Kunstbereich, weil ich mich nicht entscheiden konnte, wo ich hingehöre. Oder weil die Gesellschaft nicht weiß, wo sie mich hinstecken soll. In der Kunst fragt dich keiner, ob du studiert hast und wo du dich einordnest. Hauptsache, du lieferst Ergebnisse.“) mit Harvard-Professur für unsichtbare Kommunikation. Zwar habe ich die aktuelle Ausgabe noch nicht durch, dafür allerdings ein Interview der Süddeutschen mit eben dieser Person, welches interessante Anknüpfungspunkte bietet:
1.) „Der Geruchssinn kommt immer zuerst. Wir atmen etwa 23.760-mal pro Tag, und mit jedem Atemzug bewegen wir Moleküle, das heißt, jeder Atemzug geht durch die Nase ins Gehirn. Er wird dort zwar bearbeitet – aber wir haben keine Möglichkeit, damit dann etwas in unserem Alltag anzufangen. Die Nase wird in unserer Gesellschaft sozusagen völlig unterschätzt, ihre Ausbildung vernachlässigt.“
Also von wegen Primat des Auges. Vielmehr ist der Geruchssinn kontinuierlich in Betrieb, Erkältungsfälle mal ausgeschlossen. Dass dieser Sinn, wie alle sogenannten „niederen Sinne“, in unserer Gesellschaft marginalisiert wird, leuchtet ein. Warum das so ist, wird leider nicht erläutert.

2.) „Uns bleiben meist nur zwei Wörter, um Gerüche zu beschreiben: etwas riecht gut – oder etwas riecht schlecht. Wir können aber tatsächlich 10.000 Gerüche speichern! Wir haben verlernt zu riechen.“
Die alte Leier, Sprache konstituiert denken. Doch Frau Tolaas hat eine Lösung parat, nämlich…
3.) „Ich bin dabei, eine Sprachsemiotik zu entwickeln, also Wörter zu kreieren, die Gerüche erfassen. Keine europäische Sprache kennt ein solches System. Aber in kleineren Sprachen wie dem Aztekischen gibt es interessante Wörter und Begriffe.“
Ich schließe daraus mal, dass Frau Tolaas dem mit kunstsprachlichen Elementen abhelfen möchte. Ein interessantes Unterfangen, dessen Erfolgschancen meiner Meinung nach knapp bemessen ist, weil…
4.) „Die Industrie verdient an Gerüchen ein Vermögen, die Mode-Industrie verdient ihr Geld am Parfum – und nicht durch die Mode.“
Also, um „Unsichtbares“ zu verkaufen, braucht es eine visuelle Repräsentanz, in diesem Fall eben Mode. Zeichentheoretisch ausgedrückt: Signifikanten an unsichtbare Signifikate zu binden, ohne dass diese wenigstens Ideen („Wahrheit“; „Staat“;…) repräsentieren, scheint mir problematisch. Dennoch, das Phänomen ist interessant und bleibt unter verschärfter Beobachtung.

Braun ist das dunkle Weiß


Durchaus vieles von dem, was man seinen Mitmenschen unfreiwillig ablauscht, wollte man eigentlich garnie wissen. Diesmal hauten zwei Tussen neben mir beherzt auf -welch Klischee – „die Chinesen“ ein. Nicht mal Sonne würden die an ihre Haut lassen, eine weiße Haut fänden die auch noch schön – nein wie ekelhaft! Dabei muss man kein Anthropologe sein, um zu wissen, dass auch in unserer westlichen Hemisphäre vor nicht allzu langer Zeit ebenfalls weiße Haut als Schönheitsideal aufgerufen wurde. Sieht man sich beispielsweise eine der unzähligen Jane Austen-Verfilmungen an, fallen die Sonnenschirme auf, elegant gehalten von blassen Viktorianerinnen. Damals trugen die niederen Stände Bräune zur Schau, weniger stolz allerdings, rührte sie doch von beschwerlicher Feldarbeit in Wind und Wetter her. Erst, wobei ich mich hier auf’s das zarte Feld der Spekulation begebe, mit Aufkommen der Dampfmaschine, des Frühkapitalismus also, tritt Veränderung ein. Die „niederen Stände“ heißen nun „Arbeiterklasse“ (obwohl sie ihren Namen noch nicht kennt) und verrichten ihr Werk indoor, in den Höhlen der Fabriken. Draußen sein ist nun Freizeit, eine sommerlich frische Bräune stellt dieses Privileg seitdem sichtbar aus. Ohne Näheres über die Chinesische Kultur zu wissen. könnte man deren Schönheitsideal der weißen Haut unter umgekehrten Vorzeichen lesen, nämlich als aristokratische Pose in Abgrenzung zu einem Regime der Arbeiterklasse, der Volksrepublik. Eine schöne Hypothese, die aber wie alles Schöne die Wahrheit weichzeichnet. Allein der Topos des braunen Tibeters in der Chinesischen Malerei wiederlegt meine These, möchte man meinen. Oder wird in diesen imperialistischen Zeugnissen die Hautfarbenkonvention des ständischen Mitteleuropas wiederbelebt?

Auf engstem Raum

Nein, nicht um Fußball soll es in diesem Artikel gehen, zumindest nicht direkt. In der aktuellen Ausgabe des selbstbezeichneten Magazins für Fussballkultur, 11Freunde, findet sich nämlich ein Dossier (manch einer würde wohl „Essay“ sagen), dem auch solche, denen sich die Faszination dieses Sports nicht erschließt, etwas abgewinnen können. Gemeint ist der Artikel „Fußball & Fotografie“ des Niederländers Hans van der Meer. Hierin schildert van der Meer, wie ihm Ende der Achtziger ein Archivar 70 Jahre alte Aufnahmen von Fußballspielen zeigte: „Was unmittelbar auffällt, ist die Räumlichkeit in den Bildern. Diese Fußballfotos stehen in großem Kontrast zu jenen Nahaufnahmen von Spielern im Duell um den Ball, wie sie heute schon lange die Zeitungen füllen. Bei denen man meistens keine Ahnung hat, wo die Spieler sich auf dem Platz befinden, was gerade passiert ist und noch passieren könnte. Auf diesen alten Totalen sah ich zwei elementare Dinge, die bei den Nahaufnahmen von Fußball fehlen: eine erkennbare Spielsituation auf dem Platz und ein Blick auf die Welt dahinter.“ Ein Befund dem durchaus zuzustimmen ist, sehen wir uns heuer doch Close-Up’s mit Bildunterschriften wie „…Verein x hatte in y wie a hier im Duell mit b einen schweren Stand“ ausgesetzt, durchaus kein unerklärliches Phänomen, wissen wir doch seit


McLuhan, dass die Funktionen von Vorgänger- in Nachfolgemedien aufgenommen werden. Diesen Schluss zieht auch van der Meer: „Irgendwo zwischen dem Ende der Fünfziger und dem Beginn der Sechziger des letzten Jahrhunderts ist die Übersicht aus der Fußballfotografie verschwunden. Das ist in den Archiven gut zu verfolgen. Der Wendepunkt fällt mit der Phase zusammen, in der das Fernsehen aufkommt. Dazu ermöglichen technische Entwicklungen wie schnellere Filme und längere Objektive den Fotografen, das gesamte Spielfeld zu erreichen. Von da an wird nur noch auf die Spieler gezoomt. Das wichtigste fotografische Mittel, der Standpunkt, wird endgültig den Kameras überlassen.Das Fernsehen mal wieder! Es enthebt die Fotografie der Funktion das Spiel zu erklären, sie muss lediglich das Spiel in einem Bild abstrahiert zusammenfassen. Das indexikalische Verhältnis der Fotografie zur Lebenswelt wird zwar nicht zurückgedrängt, allerdings stark symbolisch aufgeladen. Auch, so van der Meer, fehle auf solchen Close-Up’s „der Blick auf die Welt jenseits der Linie.“ Dies sei deswegen bemerkenswert, da die faktischen „parallele Realität des Spiels zwischen den Linien und einer Außenwelt“ in der Nahaufnahme aufgelöst wird, Immersion stattfindet: „Auf dem Platz herrscht die Vorstellungskraft, und drum herum ist die unentrinnbare Wirklichkeit, die sich nichts davon annimmt, Mit dem Verlassen des Stadions nach einem mitreißenden Spiel erfahren wir eine ähnliche Rückbesinnung wie beim Verlassen eines Kinos. “ Diese Immersion zitieren die heutigen Fußballfotos mit ihrem aufgelösten Standpunkt an, während die ältere Technik eher an epische Malerei anlehnt und verstärkt an die Vorstellungskraft appelliert. Beides hat Vor- und Nachteile, allerdings funktionieren van der Meers Bilder auch außerhalb des Kontextes der aufgenommenen Spielpaarung, was die Hängungen von Hans van der Meer im Kröller-Müller-Museum belegen.
Mehr zum Thema lest ihr in besagtem Magazin, welches auch in jeder Ausgabe ein doppelseitiges Foto des besagten Fotografen abdruckt.

Gagagugugogogähn

Wer braucht schon das CERN, wenn man auf dieser Website jederzeit beobachten kann, wie zwei Teile in Lichtgeschwindigkeit aufeinander geschossen werden. In der taz lesen wir folgendes: „2008 verzeichnete das Statistische Bundesamt erstmals über 150.000 Fernsehgeräte weniger als im Vorjahr. Vor allem bei jungen Menschen geht die tatsächliche Sehdauer drastisch zurück: 2004 sahen nach einer Untersuchung von Goldbach Media Menschen zwischen 12 und 29 noch 103 Minuten am Tag „klassisch“ fern – 2009 waren es nur noch 84 Minuten. Gesehen – und in großem Umfang selbst gemacht – wird trotzdem immer mehr: Im Internet.“ Ein alter Hut zugegebenermaßen, allerdings stieß ich dann auf das Video zu „Telephone“, welches in Stil, Länge und Inhalt niemals eine auf das Medium TV zugeschnitten war. Zugegeben, dieses Phänomen hat es auch zu Hochzeiten des Musikfernsehens gegeben, indem man in einer avantgardistischen Geste symbolisches Kapital aus der Missachtung MTV’s zog oder sich bewusst in das randständige Dasein der verpixelten Ausstrahlung nach Mitternacht schieben ließ. Gaga jedoch ist Mainstream, dieser jedoch ist gemeinsam mit seinem Publikum ins Internet abgewandert. Wie ein avantgardistischer Geist auch dort bestehen kann, zeigen Massive Attack mit „Paradies Circus“, dessen Video ihr hier eben nicht mehr sehen könnt.

Justement stellt sich doch glatt heraus, dass eben dieses Video im Internet nicht mehr auffindbar ist. Das official video im fernsehfreundlichen Format hingegen weist jedoch einige Referenzen an eben jene nun verschwundene Version auf. Also haben wir es hier bloß mit einem viralen Marketinggag zu tun, dessen Stoßrichtung doch auf’s TV zielt – und dem ich direkt mal auf den Leim gegangen bin. Ich korrigiere mich daher: Der Mainstream ist noch nicht zur Gänze ins Internet abgewandert, rechnet aber verstärkt mit ihm (ist der Internet ein Mann?). Alles total beschmiert, hoffentlich finden sie am CERN bald das Gottesteilchen, damit wir das alles endlich verstehen können.


Verpokerfacet!

Fundsache (8)


Aus nachvollziehbaren Gründen gibt’s heute eine Aufnahme dieses Gebäudes.
Gefunden in der Hochstraße 6, Bottrop.