Was Weiss Deren schon?

Kürzlich beendet habe ich Peter Weiss‘ filmgeschichtliche Poetik „Avantgarde Film“; treffende Analysen, vorgetragen in angebrachter Emphase. An dieser Stelle einige zitierte Passagen zu Maya Deren aus besagtem Buch sowie die besprochenen Filme aus der amerikanischen Online-Mediathek:

„Daß in den Filmen von Maya Deren der Ton fehlt, mag vielleicht ein Mangel sein – es ist denkbar, daß eine solche zusätzliche Dimension ihre weiche und dennoch assoziationsbeladene Bilderwelt zu steigern vermocht hätte. Ihre Filme entstehen aus einer offenbar persönlichen Erlebnissphäre, sie setzen einander fort und komplettieren sich wie eine einzige Traumfolge. Bereits in ihrer ersten Arbeit verwendet sie das Medium Film mit traumwandlerischer Sicherheit, der Film ist für sie vollkommen natürliche Sprache, sie denkt und fühlt visuell, auch sie selbst, die als Zentralfigur in allen ihren Werken steht, erscheint wie eine Personifizierung eines traumhaften Ich. […]

A study in choreography for camera (1945) ist ein in filmische Raum- und Zeitdimension transponierter Tanz; der Tänzer setzt auf einer Anhöhe vor dem offenen Horizont zu einer Bewegung an und führt die Bewegung in einem geschlossenen Raum fort, er setzt auf einer Klippe zum Sprung an und landet mitten in einem großen Saal, er nimmt Anlauf von einem Statuensockel herab, erstarrt in der Luft zu einer schwerelosen Skulptur und fliegt dann mit einem mächtigen Satz weiter, die Kamera beschreibt einen langsamen Schwenk nach links, doch unmittelbar nachdem er am rechten Bildrand verschwunden ist, taucht er auf der linken Seite wieder auf.

Auch Ritual in transfigured time (1946) wird von einer choreographischen Idee getragen. Die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Figuren werden durch Bewegungsmuster ausgedrückt, die alles gleichsam in ein Spinnennetz verweben. Die Stimmung aus Meshes of the afternoon klingt an im Zusammenspiel zwischen der schwarzen und der weißen Frau, in der Wechselwirkung zwischen Brautschleier und Trauerflor, in der traumhaften Ungewißheit über die Verschiedenheit von Leben und Tod, Tag und Nacht, Schlafen und Wachen. Die dunkle und die helle Frau begegnen sich in einer kontrapunktischen Pantomime, in der die eine zwischen ihren ausgebreiteten Händen einen Wollknäul abwickelt, den die andere festhält; ihre Bewegungen, die geschmeidigen Flügelschlägen gleichen, werden von einer Gruppe aufgenommen: ein seltsames Ritual von Händen, die ausgestreckt werden, die einander ergreifen, die einander loslassen und andere Hände suchen, eine Maschinerie von Umarmungen, Gesichtern, die sich einander zu- und abwenden, von unverbindlichen Lächeln und sprechenden Mündern – steigende und fallende Wellenbewegungen von menschlichen Versuchen, sich einander nahezukommen.“