Mike wohnt hier nicht mehr

Als überzeugter Michael Mann-Fan lieh ich mir letztens „Collateral“ auf DVD aus, um zuhause festzustellen, dass man mir „Rocky II“ untergejubelt hatte. Wahrscheinlich schreit nun manch einer auf, Trash, Aaahhh. Ich hingegen kann der Rocky-Saga durchaus einiges abgewinnen, und das nicht erst seitdem ich weiß, dass der Italian Stallion morgens nach dem Aufstehen voller Herzschmerz das abgefallene Stroh unter seinen Anselm Kiefer’s wegfegt. Eigenartig ist Rocky allerdings doch, eben weil es eine Saga ist. Das durch und durch amerikanische Subgenre des Boxfilms begleitet

den Boxer über seinen Zenit hinaus bis zur totalen Selbstdestruktion, als Paradebeispiel mag Scorsese’s „Raging Bull“ herhalten, aber auch Variationen wie „One Million Dollar Baby“ von Clint Eastwood oder Darren Aronofsky’s „The Wrestler“ schlagen in dieselbe Kerbe. Diese Filme lassen Schicksale an der Schnittstelle zwischen Sport und Unterhaltungsindustrie zerschellen, werfen den Aufsteiger dorthin zurück wo er herkommt und demaskieren den pursuit of happiness als das was er ist – eine hohle Phrase. Allein Rocky Balboa wird nicht aufgerieben. Weiß, sexuell zurückhaltend („Bumsen macht die Beine schwach“), beharrlich und moralisch integer, also stets im Kampf gegen Schwarze und/oder Russen, ist er die unzerstörbare Stetigkeit des Amerikanismus‘, eine Propagandafigur in Serie. Ihr reelles Gegenbild darf man durchaus in Mike Tyson sehen. Schwarz, promiskuitiv, unreguliert aggressiv sowie selbstherrlich im Auftreten, ideal für die Zerstörung einer Ikone. Der jüngste Schwergewichtsweltmeister wurde nach seinem ersten Niederschlag durch James Douglas über zehn Jahre lang medial zerrissen als Vergewaltiger, Steuersünder, Ohrenbeißer, und Tyson antwortete jedesmal wütender – die Abwärtsspirale war in Gang gesetzt. All dies gilt es zu bedenken, schaut man sich Danny Wills‘ Bilder aus Tyson’s verlassener Villa an, dieses Monument, welches Tyson zu füllen (d.i. zu finanzieren) nicht mehr im Stande war. Die reine Maßlosigkeit in allen Belangen, die den destruktiven Reflex des Neids schon in sich trägt. Tyson hat nie gemerkt, wie sehr seiner Karriere ein Mechanismus zugrunde lag, der in jedem Boxfilm Anwendung findet; den Kampf gegen die Zeit nach dem Kämpfen hat bisher nahezu jeder Boxer verloren. Insofern sind Wills‘ Photos selbsterfüllende Prophezeiungen ebenso wie Spuren in eine bessere Vergangenheit.


Gefunden bei TJ’s.