Neue Sinnlichkeit

Nachdem vor einiger Zeit der Architekt Ulrich Müther an dieser Stelle behandelt wurde, wenden wir uns diesmal dem Brasilianer Oscar Niemeyer zu, wie Müther ebenfalls des Spritz- und Stahlbeton samt deren formalem Expansionspotential verfallen. In einer detailreichen Doku über sein Leben und Werk, „Oscar Niemeyer – Das Leben ein Hauch“, kanzelt der Altmeister das Bauhaus als „Paradies der Mittelmäßigkeit“ ab, was mit folgender Anekdote untermauert wird: Gropius besichtigte einst Niemeyers wirklich wunderschönes Haus in Rio (s. Bilder), zeigte sich

auch vollends begeistert, bedauerte aber dessen Serienuntauglichkeit. Doch nicht allein über die formale Kälte des rechten Winkels rotzt Niemeyer, der überzeugte Kommunist, ordentlich ab, ebenfalls prangerte er vermeintliche Zuliefererdienste der Bauhausboys an den Kapitalismus an. Der theoretischen Durchdringung des rechten Winkels durch z.B. Mondrian wird das natürlich absolut nicht gerecht, geht allerdings auch nicht gänzlich an den Tatsachen vorbei, hat doch die Wirtschaft tatsächlich die Bauhaus-Idee des Neuen Menschen korrumpiert und in eigene Zweckzusammenhänge gestellt. Das große Aber jedoch, auch Niemeyer ist nicht der große Säulenheilige, neben dem Hauptsitz der Kommunistischen Partei in Paris haben sich auch Regierung und Banken seine Dienste gesichert. Und: als theoretischer Überbau für seine Architektur müssen Verweise auf die sinnlichen Formen des Brasilianischen Landes und, vor allem, seiner Frauen genügen. Der vehemente Nationalismus und Machismos Niemeyers nervt wirklich, zumal er in Gebäude gegossen wurde, welche von der Bevölkerung des immerhin fünftgrößten Landes als sowohl grundlegend als auch beispielhaft für dessen Fortschritt angesehen wird. Die vermeintliche Neue Sinnlichkeit der Moderne ist also nicht unproblematisch und bestenfalls formal ein Fortschritt gegenüber des Bauhauses, welches Trennendes zwischen den Nationen aufheben wollte. Problematisieren möchte der Fim allerdings nicht, und so reden sämtliche Intellektuelle im Film ihrem „Genie“ nach dem Mund, was schade ist. Die Bauten gefallen trotzdem, nur sie theoretisch zu füllen, sollte man nicht den Brasilianern überlassen.