Archiv für Februar 2010

Experimente in Raum: Schwitters, El Lissitzky

Als Wagner in Bayreuth das Festspielhaus als Kathedrale seiner Gesamtkunstwerke bauen ließ, kam der Raum als Dimension endgültig ins synästhetische Kunstwerk. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind Unmengen solch künstlerischer Versuche bekannt, zwei davon sind in Reproduktion im Sprengel Museum Hannover zugänglich: Kurt Schwitters‘ Merzbau und El Lissitzky’s Kabinett des Abstrakten. Der Gekippte Raum von Spoerri ist lediglich eine Verbeugung an die kunsttotalitären Versuche seiner Vorgänger und an Konsequenz allenfalls ein lauer Abguss. In kursiv habe ich neben meinen Photos die Werbetexte des Museums hineinkopiert, nur für solche, die neben Bildern auch noch Zeichen brauchen.


Der Merzbau von Kurt Schwitters entstand von 1923 bis 1936 als ein privater Raum im ehemaligen Atelier des Künstlers. Mit der phantastischen Architektur, die den Raum im Laufe der Entwicklung immer stärker verfremdete und mit den Jahren mehr und mehr von der Außenwelt abschloss, schuf sich Schwitters eine Situation, in der er alle Ausdrucksmöglichkeiten seines „Prinzip Merz“ zusammenführen konnte. Der Merzbau, der 1943 bei einem Luftangriff zerstört wurde, konnte 1983 nach drei historischen Fotografien rekonstruiert und später in das Museum übertragen werden.


El Lissitzky schuf das „Kabinett der Abstrakten“ 1927 im Auftrag des damaligen Leiters der Gemäldegalerie im Provinzialmuseum Hannover, Alexander Dorner, als einen Präsentationsraum für die aktuellen Kunstströmungen. Neben eigenen Werken waren in der strengen, ganz auf den Kontrast von schwarz-weiß-grauen und roten Farbflächen abgestimmten Architektur Arbeiten von Pablo Picasso, Fernand Léger und auch Kurt Schwitters zu sehen. Nach der Zerstörung des Kabinetts 1937 wurde der Raum anhand der Originalentwürfe 1969 neu errichtet und 1979 in das Sprengel Museum Hannover eingebaut.

Der Verein der Freunde des Sprengel Museum Hannover e.V. hat im Frühjahr 2008 die Ensemble-Installation von Daniel Spoerri „Gekippter Raum. Kleine Nouveau Réalisme-Ausstellung, um 1960, nachempfunden von Daniel Spoerri 2007“ für die Sammlung des Sprengel Museum Hannover erworben. Bereits 1962, in der Ausstellung „Dylaby“ im Stedelijk Museum, Amsterdam, irritierte Spoerri mit einem um 90 Grad gekippten Raum, der mit Gemälden und Plastiken ausstattet war, die musealen Sehgewohnheiten. Für das Sprengel Museum Hannover hat der Künstler einen Raum mit nachgebauten Arbeiten von Christo, Gérard Deschamps, François Dufrêne, Raymond Hains, Yves Klein, Martial Raysse, Mimmo Rotella, Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely realisiert. Mit ihm schuf Spoerri eine poetische Hommage an die Ideen der Gruppe der Neuen Realisten, die um 1960 die Avantgarde der europäischen Kunstbewegung darstellten. Ihrem Aufbruch in eine neue Zeit ist diese Arbeit gewidmet.

Redest Du mit mir?

Danny DeVito kennt man. Klein, dick, hohe Stirn, versehen mit einer gehörigen Portion Selbstironie sowie einem Hang zu Blondinen zum Aufschauen. Auch seine Rollen sind bekannt, was sicherlich daran liegen könnte, dass sie sich nicht sonderlich unterscheiden und genau auf seine nahezu quadratischen Maße zugeschnitten sind. Was nicht jeder weiß ist, dass DeVito auch hinter der Kamera gestanden hat, zum Beispiel bei seinem Regiedebüt „Der Rosenkrieg“ mit Kathleen Turner und Michael Douglas als selbstzerstörerischem Pärchen. Man muss kein Experte sein um sagen zu können, dass „Der Rosenkrieg“ wahrscheinlich nicht ins Pantheon der Filmgeschichte eingehen wird, dennoch hier einige Bemerkungen dazu. DeVito ist bei/in diesem Film eine doppelte Erzählinstanz, zum einen nämlich -wie schon erwähnt- als Regisseur, darüberhinaus jedoch auch als Schauspieler, der in einer Rahmenerzählung eben jenes Ehedrama einem potentiellen Klienten (DeVito spielt einen Scheidungsanwalt) erzählt. Wenn er auch die Verquickung Rahmen- und Binnenerzählung fein durch Rauch/das Rauchen leistet (u.a. schön zu sehen am Filmposter unten), so wendet er sich als verdoppelter Erzähler an eben an diesen potentiellen Klienten und an den Zuschauer. Der Regisseur DeVito hat den Scheidungswilligen zwar mit einem Allerweltsgesicht besetzt, filmt dieses bedauerlicherweise

auch. Bedauerlicherweise, denn Aufnahmen des Klienten nicht über seinen Hinterkopf hinaus würde den Zuschauer zwingend in die Position bringen, sich mit diesem in Eins zu setzen. Zudem hätte der Film die Frage, ob man nun die Scheidung wolle oder nicht, an den Zuschauer stellen und nicht durch das hinauseilende Allerweltsgesicht beantworten sollen. Man fühlt sich, durch die Erzählstruktur allein, an Novellen des Poetischen Realismus -Storm, Meyer, Keller- erinnert, die eben jene Eindeutigkeiten zu vermeiden und dennoch gefällig zu erzählen wußten. Kurzum: In vielerlei Hinsicht orientiert sich der Film an Erzählweisen wie sie in Deutschland mitte des 19. Jahrhunderts populär waren, ohne allerdings deren Strategien der Uneindeutigkeit (in der Sekundärliteratur spricht man von einer doppelten Codierung: Die Texte sind gefällig erzählt, haben aber ebenfalls eine Tiefenschicht, die sich nur akribischen Lesern erschließt) zu nutzen. Vielleicht wäre dann auch noch was im Pantheon frei gewesen.

Vortragssteno Nake

Diese Woche läuschte ich den Ausführungen des Computerkünstlers und -theoretikers Frieder Nake zum Anlass der Ausstellung „Die Virtualität des Bildes. Frühe Computerkunst der Sammlung Clarissa“ im Sprengel-Museum Hannover. Vielleicht nicht für jeden interessant, habe ich dennoch meine Mitschreibsel sauber abgetippt und stelle sie zur Verfügung.

Zwei Modi der Realität: (1) Aktualität = unterliegt der Physik (2) Virtualität = Möglichkeit der Realität, welche mind. einer physikalischen Dimension (z.B. Gewicht, Masse) entbehrt; dennoch nicht scheinbar!
Höhlenmalereien zeigen, dass Menschen von Beginn an zählen und zeichnen konnten. Der Computer, eine eigentliche Rechenmaschine, wird ab 1963 zum Zeichnen gezwungen = kultureller Schock (weil Urmenschliches vom C. übernommen wird). Kunstanspruch aus der Maschine, hinter welcher Firmen stehen.
Geschichte: Digitale Kunst wird zuerst von Georg Nees in Stuttgart ausgestellt (65), zwei Monate später von A.M. Noll in New York.
Im Computer wird die Idee zum Programm. Die diskrete Maschine soll eine analoge Tätigkeit (Zeichnen) ausführen. Dadurch wird die Zeichnung „verdoppelt“: Sichtbare Oberfläche und eine für den unsichtbare für den Prozessor operationable Unterfläche. Alles existiert verdoppelt (Bsp.: keine Bewegung auf dem Bildschirm (Oberfläche), allerdings rasende Rechenprozesse auf der Unterfläche, im Programm).
Der CKünstler muss versuchen zu denken, was der Computer denken würde, wenn er denken könnte. Menschliche Intelligenz ist offen, die des C.s geschlossen (weiß nur, was ihm beigebracht worden ist).
Heute kommen fast alle „Werke“ aus dem Computer.


Frieder Nake: Polygonzüge (1965)

Georg Nees: Schotter

Diskursmacht Guido

Bevor sich der Hass bahn bricht nur soviel: Westerwelle hat aus der (berechtigten) Debatte über Managerboni eine (unberechtigte) Neid-nach-unten Debatte über arbeitslose Ausbeuter gemacht; das Klientel der Neoliberalen ist aus der Schusslinie und die Debatte auf der Vertikalen nach unten gewandert, wo sich Gegenwehr und Fürsprecher gering sind. Perfide, aber dennoch: Gehirne gegen Guido!

Avatar. Alles ist gesagt.


„Da schreibt er schon übertrieben viel über Film und kommt dann nicht mal mit einer dezidierten Kritik über James Cameron’s Rundumschlag „Avatar“ um die Ecke“, mag manch einer gesagt haben. Stimmt. Zwar habe ich, Punkt Eins, den Film gesehen, allerdings nicht in der ach so bahnbrechenden 3D-Version und, Punkt Zwei, einige schlaue Rezensionen darüber gelesen, die mich mit ihrer Qualität aus der Pflicht genommen haben. Eine stammt von Mark Fisher, Dauerläufer für die richtige Sache auf K-Punk. Einen ähnlichen Ton schlägt Jürgen Kiontke in der Jungle World an, und mehr Euphorie kommt in Georg Sesslen’s Rezension für die taz und dem Spex-Pendant von Tomasso Schultze auf. Zusammengenommen fangen diese Texte wohl das Spektrum der Stimmen ein, die „Avatar“ provoziert hat. Und gänzlich uninteressant ist in diesem Zusammenhang mein Artikel zu Immersionstechniken auch nicht.