Brief an Bisky

Hier ein Brief, den ich gestern an Norbert Bisky (nicht zu verwechseln mit Vater Lothar), einen der ansprechendsten Malern der Gegenwart, mindestens im deutschsprachigen Raum, geschrieben habe.

Sehr geehrter Herr Bisky,
schon länger verfolge ich Ihre Arbeit und habe mich schon in einigen ihrer Ausstellungen herumgedrückt, Ihre Serie „Colaba“ allerdings hat mich nun zu diesem Schritt veranlasst, Ihnen meine Glückwünsche persönlich mitzuteilen. Nicht dass Ihre vorangegangenen Werke weniger ansprechend gewesen wären, mit „Keine Gnade“ ist mein persönlicher Favorit schon etwas älter, jedoch bedeutet der Sprung zu „Colaba“ eine Menge für Ihre Rezeptionsgeschichte, will ich meinen. Nehmen Sie Platen, Fichte, Genet, Jarman, Pierre et Gilles – homosexuelle Künstler, die auf ihre Sexualität reduziert und deren Werke lediglich als Referenzrahmen für diese betrachtet werden. Sie verknüpfen überdies solche Motive mit sozialrealistischer Ästhetik, was solche Deutungsmuster nur verstärkt. Das Trauma der DDR-Vergangenheit verkeilt im Trauma desjenigen, der sich in der gängigen Sexualnorm nicht wiederfindet. Nicht dass eine solche Deutung zwingend falsch sein muss, sie ist vielmehr legitim, wahrscheinlich sogar intendiert. Nur, und da werden sie mir sicherlich Recht geben, verdeckt eine solche großlettrige Interpretation das ach so wichtige Kleingedruckte in Ihren Bildern, stellt zwar die großen Scherben heraus, übersieht aber die winzigen Splitter. Mit „Colaba“ nun entziehen sie einem biographistischen Streichelzoo in Ihrer fraglos großen Interpretenschar den Boden unter den Füßen und präsentieren eine ernsthafte Serie ohne flimmernde Zonihomomotivik, schwerverdaulich für manch einen und gerade darum löblich. Meine Gratulationen sind jedoch nicht der einzige Grund für diesen Brief, vielmehr möchte ich Sie darum bitten, mir eines Ihrer Bilder (gerne auch ein Großes) zu schenken. Die Preise für ihre Werke kennen Sie selber wohl am besten, der Markt regelt sie, wie es so schön heißt, jedoch regelt er sie nicht in meinem Sinne. Ich kann Ihnen im Tausch lediglich zwei Ideen von mir anbieten, über die Sie frei verfügen mögen. Zum einen ist mir aufgefallen, dass in Ihren Bildern nie Ziegelsteine auftauchen, dabei wäre der Ziegel das ideale Motiv für Sie. Seine formale Strenge, die raue Oberfläche und seine scharfen Kanten – eine durchaus männliche Erscheinung. Zudem das Versprechen von Ordnung und Konstanz was ihm innewohnt und die Primärassoziation zur Arbeiterklasse, in deren Staat Sie aufgewachsen sind. Allerdings ist der einzelne Ziegel auch durchaus rebellisch, ein Trümmerteil, aber auch eine tödliche Waffe in einer wütenden Hand. „Umziegelt“ könnte der Name eines solchen Bildes sein, in Anlehnung an Ihre titelnden Wortspiele. Die andere Idee ist lediglich ein Bildname: „Oberndorf am Neckar“. Die sogenannte Waffenstadt mitten im biederen Baden-Württemberg, eine schönere Konvergenz von Kleinstadt und Gewalt in einem einzigen Wort, wofür Michael Haneke einen ganzen Film benötigt. Denken Sie darüber nach und lassen sie mich von Ihrer Entscheidung wissen. Die Adresse füge ich bei. Liebe Grüße und machen Sie es gut,
Moritz Bananeng

Ob es ihn wohl ärgert, immer mit seinem Vater zusammen genannt zu werden? -Die Last der Chronik!
Eine Antwort ist bisher ausgeblieben. Hier einige Bilder:

Keine Gnade (Winterversion) (2003)


Lichterkette (2005)


Abschnitt (2006)


Schwarzmaler (2008)


aus der „Colaba“-Serie (2009)