Not und Spiele. Agassi und British New Wave

Der Guardian bestückte seine Ausgabe vom 29.10. mit einer Beilage mit Fokus auf Profisportlern wie Andre Agassi, die angeben ihren Sport zu hassen, respektive gehasst zu haben. Der Spass am Spiel verschwinde an einem gewissen Punkt, die Lust zu siegen nehme deren Platz ein. Eine Lust, die zur Belastung wird. Es ist schwer nachzuvollziehen, wie ein Spiel – denn um nichts anderes handelt es sich bei Tennis, Fußball, etc. genaugenommen – zu einer solchen Belastung werden kann, selbst wenn man das öffentliche Interesse, Erwartungshaltungen und eine Menge Geld addiert. Diesbezüglich stiftet ein Film der britischen New Wave interessante Zusammenhänge, die Rede ist von The Loneliness of the Long Distance Runner von Tony Richardson. Der Plot in Kürze, Colin wächst in einer kaputten Familie inmitten der Tristesse Nottinghams auf, Perspektiven bieten sich keine an. Seinem bird Audrey gegenüber erwähnt er, nicht gegen Arbeit allgemein zu haben, allerdings sei irgendetwas falsch, wenn unten in Armut kaputt gegangen wird, oben der Lohn der Arbeit abgeschöpft wird. Colin ist nicht gewillt Teil dieser Vertikalität zu sein und wandert nach einem Bruch in eine Besserungsanstalt. Selbige wird mit harter Hand von dem „Gouverneur“, einem ehemaligen Läufer, geleitet, der schnell von den läuferischen Fähigkeiten Colin’s angetan ist und ihn födert, da er der Meinung ist, mit Colin’s Hilfe eine benachbarte Schule für Kinder Bessergestellter besiegen zu können, wofür er Colin mit allerhand Privilegien ausstattet und ihn außerhalb der Anstalt unbeaufsichtigt trainieren lässt. Die Waldläufe sind

die schönsten Aufnahmen des Films, auch weil Colin’s Laufstil ins Tänzerische geht. Hier atmet der Arbeitjunge Freiheit, hüpft von Stock auf Stein, verliert sich im Spiel – ganz klar, wo sich Stephen Daldry für seinen Film Billy Elliott hat inspirieren lassen. Sein priviligierter Status lässt den jungen Helden schnell zum Geächteten unter Seinesgleichen werden, und so zieht Colin die Konsequenz im letztmöglichen und dramaturgisch wertvollsten Moment: haushoch in Führung bleibt er wenige Meter vor der Ziellinie stehen und lässt das gesamte Feld an sich vorbeiziehen. Richardson, oder besser Alan Sillitoe, auf dessen Roman der Film zurückgeht, schaltet hier die Ausbeutung einer Klasse mit dem sportlichen Wettkampf kurz. Nur weil der Leiter der Anstalt mit einem Sieg über die benachbarte Schule seine Reputation samt seiner Philosophie der totalen Disziplin zu heben wünscht, genießt Colin Vorteile. Der Läufer stünde in einer Rechtfertigung der Gewinner, zu denen er jedoch selber nicht gehört und auch nicht gehören wird, darum läuft er nicht weiter. Eine Medaillie bei Olympia für sein Land zu gewinnen kann nicht das Größte sein, wie der Gouverneur behauptet, für jemanden, dessen Land nichts für ihn tut. Nun mag dem Leser die Frage auf den Magen drücken, was dies Alles zur Hölle mit Agassi, Deissler oder vielleicht sogar Enke zu tun hat, darum kommen wir zum Punkt. Auffällig ist doch, dass die poetischen Szenen im Wald aus dem kühlen Zwang der anderen Aufnahmen herausbrechen. Zweifelsohne liegt dem Laufen hier kein telos, vom Selbstzweck des Spiels einmal abgesehen, inne, die geschlängelte Route verglichen mit der direkten Linie des Wettkampf legt dies nahe. Man kann hier mit Caillois eine Verschiebung vom Spiel mit sich selbst, mithin mimikry, zum agon, dem Wettkampf, beobachten. Vielleicht aber eben auch die Differenz der Konzepte homo ludens und homo faber, wobei Colin sich nur deswegen ausschließlich als spielender Mensch frei fühlt, weil er unter den gegebenen Bedingungen ablehnt ein werktätiger Mensch zu sein. Sieht man diese beiden Konzepte in Opposition zueinander, und dass scheinen sie zu sein, dann verdeutlicht sich der Ritt auf der Rasierklinge, den jeder Profisportler (genaugenommen ist das Wort „Profisportler“ ein Paradox!) in ihrer Verbindung vollzieht. Colin weiß um die Unversöhnlichkeit von Arbeit und Spiel. Letzteres hat er genossen so lange es ging, die Synthese abgelehnt und sich wieder mit der Arbeit abgefunden, nachdem man ihn brutal zurückgestoßen hat.