Archiv für November 2009

Die unsichtbare Hand!

Wahrscheinlich haben viele von euch schon mitbekommen, dass in Bonn derzeit der Stab über eine ehemalige Bankangestellte gebrochen wird, die Gelder veruntreut hat. Getan hat sie dies, um verschuldeten Mitbürgern auf die Beine zu helfen, geliehen hat sie sich das Geld von reicheren Kunden, ohne deren Wissen wohlgemerkt; aufgefallen ist dies denen nicht. Als die Nummer aufflog, brachen Kündigung und Pfändung über sie herein. Inzwischen könnte sie selbst Hilfe von Unbekannten gebrauchen, eine Initiative zu diesem Zweck hat sich schon ad hoc gegründet, Unterstützung jederzeit gewünscht. Näheres zum Thema erfahrt ihr beim WDR und/oder der taz. Übrigens klingt Robin Hood-Bänkerin doch etwas platt; die unsichtbare Hand hingegen klingt schön, ein Watschn für Adam Smith.
Nachtrag: Laut Bild! hört die liebe Frau auf den Namen Erika und geht mit 22 Monaten aus der Nummer raus.

1.Mai/Bild/Bellocqed

In der taz findet sich zurzeit ein Bericht über den Prozess an zwei mutmaßlichen Brennsatzschmeißern vom 1.Mai diesen Jahres. Um Missverständnissen vorzubeugen: Steine schmeißen auf Polizisten ist das eine, diese sind zumeist stark geschützt und werden höchstens leicht verletzt, zumindest unverhältnismäßig leicht verglichen mit der Gegenseite; Steineschmeißen lebt eher von der Symbolkraft des Widerständigen. Das Schleudern von Brandsätzen hingegen stellt eine Grenzverletzung dar, die aus einer linken Haltung heraus nicht zu legitimieren ist. Ich war in der Nacht auf den 2.Mai selbst am Kottbusser Tor und eben jener Brandsatz, der eine Frau verletzte, schlug ungefähr 8 Meter neben mir ein. Die Wurfattacke kam ziemlich erbärmlich von weit hinten; bereitwillig wurde in Kauf genommen, die eigenen Leute zu verletzen. Auch darum bin ich für eine Bestrafung der Werfer. Dass allerdings die Richtigen auf der Anklagebank sitzen, darf bezweifelt werden. Die Sichtverhältnisse, auf welche die beiden verbeamteten Zeugen ja angewiesen waren, sind alles andere als gut gewesen. Zudem gab es unmittelbar nach dem Wurf meines Wissens nach keinen Zugriff. Objektive Beweisstücke wären hier allemal angebracht

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Kürzlich bin ich darauf hingewiesen worden, dass wenige Tage nach meinem Artikel über Katja Keßler auf Bild.de eine Photoserie über Google-Doodles stand (und noch steht). Von einer Anklage wegen Mißbrauchs geistigen Eigentums sehe ich großzügig ab.
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Nachträglich betrachtet muss ich mich schon ein wenig für den strategischen Schachzug, eben jenen Artikel über Katja Keßler in Anlehnung an Bellocq mit bearbeiteten Bildern zu versehen, loben. Daraus ist die Idee erwachsen, daraus eine kleine Serie zu starten, Maxim Biller’s Hundert Zeilen Hass visual turned, wenn man so möchte. heißen wir sie Bellocqed. Ich bin mir sicher, wir alle werden viel Freude damit haben.
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Bisky hat noch immer nicht geantwortet.

Brief an Bisky

Hier ein Brief, den ich gestern an Norbert Bisky (nicht zu verwechseln mit Vater Lothar), einen der ansprechendsten Malern der Gegenwart, mindestens im deutschsprachigen Raum, geschrieben habe.

Sehr geehrter Herr Bisky,
schon länger verfolge ich Ihre Arbeit und habe mich schon in einigen ihrer Ausstellungen herumgedrückt, Ihre Serie „Colaba“ allerdings hat mich nun zu diesem Schritt veranlasst, Ihnen meine Glückwünsche persönlich mitzuteilen. Nicht dass Ihre vorangegangenen Werke weniger ansprechend gewesen wären, mit „Keine Gnade“ ist mein persönlicher Favorit schon etwas älter, jedoch bedeutet der Sprung zu „Colaba“ eine Menge für Ihre Rezeptionsgeschichte, will ich meinen. Nehmen Sie Platen, Fichte, Genet, Jarman, Pierre et Gilles – homosexuelle Künstler, die auf ihre Sexualität reduziert und deren Werke lediglich als Referenzrahmen für diese betrachtet werden. Sie verknüpfen überdies solche Motive mit sozialrealistischer Ästhetik, was solche Deutungsmuster nur verstärkt. Das Trauma der DDR-Vergangenheit verkeilt im Trauma desjenigen, der sich in der gängigen Sexualnorm nicht wiederfindet. Nicht dass eine solche Deutung zwingend falsch sein muss, sie ist vielmehr legitim, wahrscheinlich sogar intendiert. Nur, und da werden sie mir sicherlich Recht geben, verdeckt eine solche großlettrige Interpretation das ach so wichtige Kleingedruckte in Ihren Bildern, stellt zwar die großen Scherben heraus, übersieht aber die winzigen Splitter. Mit „Colaba“ nun entziehen sie einem biographistischen Streichelzoo in Ihrer fraglos großen Interpretenschar den Boden unter den Füßen und präsentieren eine ernsthafte Serie ohne flimmernde Zonihomomotivik, schwerverdaulich für manch einen und gerade darum löblich. Meine Gratulationen sind jedoch nicht der einzige Grund für diesen Brief, vielmehr möchte ich Sie darum bitten, mir eines Ihrer Bilder (gerne auch ein Großes) zu schenken. Die Preise für ihre Werke kennen Sie selber wohl am besten, der Markt regelt sie, wie es so schön heißt, jedoch regelt er sie nicht in meinem Sinne. Ich kann Ihnen im Tausch lediglich zwei Ideen von mir anbieten, über die Sie frei verfügen mögen. Zum einen ist mir aufgefallen, dass in Ihren Bildern nie Ziegelsteine auftauchen, dabei wäre der Ziegel das ideale Motiv für Sie. Seine formale Strenge, die raue Oberfläche und seine scharfen Kanten – eine durchaus männliche Erscheinung. Zudem das Versprechen von Ordnung und Konstanz was ihm innewohnt und die Primärassoziation zur Arbeiterklasse, in deren Staat Sie aufgewachsen sind. Allerdings ist der einzelne Ziegel auch durchaus rebellisch, ein Trümmerteil, aber auch eine tödliche Waffe in einer wütenden Hand. „Umziegelt“ könnte der Name eines solchen Bildes sein, in Anlehnung an Ihre titelnden Wortspiele. Die andere Idee ist lediglich ein Bildname: „Oberndorf am Neckar“. Die sogenannte Waffenstadt mitten im biederen Baden-Württemberg, eine schönere Konvergenz von Kleinstadt und Gewalt in einem einzigen Wort, wofür Michael Haneke einen ganzen Film benötigt. Denken Sie darüber nach und lassen sie mich von Ihrer Entscheidung wissen. Die Adresse füge ich bei. Liebe Grüße und machen Sie es gut,
Moritz Bananeng

Ob es ihn wohl ärgert, immer mit seinem Vater zusammen genannt zu werden? -Die Last der Chronik!
Eine Antwort ist bisher ausgeblieben. Hier einige Bilder:

Keine Gnade (Winterversion) (2003)


Lichterkette (2005)


Abschnitt (2006)


Schwarzmaler (2008)


aus der „Colaba“-Serie (2009)

Not und Spiele. Agassi und British New Wave

Der Guardian bestückte seine Ausgabe vom 29.10. mit einer Beilage mit Fokus auf Profisportlern wie Andre Agassi, die angeben ihren Sport zu hassen, respektive gehasst zu haben. Der Spass am Spiel verschwinde an einem gewissen Punkt, die Lust zu siegen nehme deren Platz ein. Eine Lust, die zur Belastung wird. Es ist schwer nachzuvollziehen, wie ein Spiel – denn um nichts anderes handelt es sich bei Tennis, Fußball, etc. genaugenommen – zu einer solchen Belastung werden kann, selbst wenn man das öffentliche Interesse, Erwartungshaltungen und eine Menge Geld addiert. Diesbezüglich stiftet ein Film der britischen New Wave interessante Zusammenhänge, die Rede ist von The Loneliness of the Long Distance Runner von Tony Richardson. Der Plot in Kürze, Colin wächst in einer kaputten Familie inmitten der Tristesse Nottinghams auf, Perspektiven bieten sich keine an. Seinem bird Audrey gegenüber erwähnt er, nicht gegen Arbeit allgemein zu haben, allerdings sei irgendetwas falsch, wenn unten in Armut kaputt gegangen wird, oben der Lohn der Arbeit abgeschöpft wird. Colin ist nicht gewillt Teil dieser Vertikalität zu sein und wandert nach einem Bruch in eine Besserungsanstalt. Selbige wird mit harter Hand von dem „Gouverneur“, einem ehemaligen Läufer, geleitet, der schnell von den läuferischen Fähigkeiten Colin’s angetan ist und ihn födert, da er der Meinung ist, mit Colin’s Hilfe eine benachbarte Schule für Kinder Bessergestellter besiegen zu können, wofür er Colin mit allerhand Privilegien ausstattet und ihn außerhalb der Anstalt unbeaufsichtigt trainieren lässt. Die Waldläufe sind

die schönsten Aufnahmen des Films, auch weil Colin’s Laufstil ins Tänzerische geht. Hier atmet der Arbeitjunge Freiheit, hüpft von Stock auf Stein, verliert sich im Spiel – ganz klar, wo sich Stephen Daldry für seinen Film Billy Elliott hat inspirieren lassen. Sein priviligierter Status lässt den jungen Helden schnell zum Geächteten unter Seinesgleichen werden, und so zieht Colin die Konsequenz im letztmöglichen und dramaturgisch wertvollsten Moment: haushoch in Führung bleibt er wenige Meter vor der Ziellinie stehen und lässt das gesamte Feld an sich vorbeiziehen. Richardson, oder besser Alan Sillitoe, auf dessen Roman der Film zurückgeht, schaltet hier die Ausbeutung einer Klasse mit dem sportlichen Wettkampf kurz. Nur weil der Leiter der Anstalt mit einem Sieg über die benachbarte Schule seine Reputation samt seiner Philosophie der totalen Disziplin zu heben wünscht, genießt Colin Vorteile. Der Läufer stünde in einer Rechtfertigung der Gewinner, zu denen er jedoch selber nicht gehört und auch nicht gehören wird, darum läuft er nicht weiter. Eine Medaillie bei Olympia für sein Land zu gewinnen kann nicht das Größte sein, wie der Gouverneur behauptet, für jemanden, dessen Land nichts für ihn tut. Nun mag dem Leser die Frage auf den Magen drücken, was dies Alles zur Hölle mit Agassi, Deissler oder vielleicht sogar Enke zu tun hat, darum kommen wir zum Punkt. Auffällig ist doch, dass die poetischen Szenen im Wald aus dem kühlen Zwang der anderen Aufnahmen herausbrechen. Zweifelsohne liegt dem Laufen hier kein telos, vom Selbstzweck des Spiels einmal abgesehen, inne, die geschlängelte Route verglichen mit der direkten Linie des Wettkampf legt dies nahe. Man kann hier mit Caillois eine Verschiebung vom Spiel mit sich selbst, mithin mimikry, zum agon, dem Wettkampf, beobachten. Vielleicht aber eben auch die Differenz der Konzepte homo ludens und homo faber, wobei Colin sich nur deswegen ausschließlich als spielender Mensch frei fühlt, weil er unter den gegebenen Bedingungen ablehnt ein werktätiger Mensch zu sein. Sieht man diese beiden Konzepte in Opposition zueinander, und dass scheinen sie zu sein, dann verdeutlicht sich der Ritt auf der Rasierklinge, den jeder Profisportler (genaugenommen ist das Wort „Profisportler“ ein Paradox!) in ihrer Verbindung vollzieht. Colin weiß um die Unversöhnlichkeit von Arbeit und Spiel. Letzteres hat er genossen so lange es ging, die Synthese abgelehnt und sich wieder mit der Arbeit abgefunden, nachdem man ihn brutal zurückgestoßen hat.

Idee: Die Superplakette

Man sitzt mit Freunden zusammen, isst was, redet sich in Rage mit folgendem Ergebnis:
Ausgangspunkt unserer Unterhaltung war der Umstand, dass sich die Sportartikelhersteller Adidas und Nike relativ schnell von ihren Kinderarbeitsskandalen und anderen Schweinereien erholt haben, warum das so sein muss und sich nicht ändern lässt. Eingequetscht zwischen moralischen Bedenken, Qualitätsansprüchen und finanziellen Zwängen können und wollen viele Konsumenten sich den Luxus der Bedenken nicht gönnen, zumal ein solcher auch mit großem Eigenanteil z.B. an Recherche verbunden ist. Dem könnte man vorbeugen durch eine Plakette, ähnlich wie sie von Produkten aus fairem Handel bekannt ist, nur dass diese nach festgelegten wirtschaftsethischen Gesichtspunkten von einem Konsortium aus Gewerkschaften und Sozialverbänden verliehen werden würde. Das Logo sollte simpel und sofort verständlich sein – spontan fiel uns ein Smiley ein. So weit, so gut, es bleibt das Problem, dass kein einziger der Konzerne mit dreckiger Firmenpolitik seine Produkte mit einer solchen Plakette ausstatten würde, da Einflußnahme von außen zu befürchten wäre. Somit würde allerdings eine Breitenwirkung verfehlt, was auch hieße, dass Plakette ja oder nein Jacke wie Hose wäre, die Plakette keine Relevanz hätte und somit keinen Druck auf schmutzig werkelnde Unternehmen ausüben könnte. Dann jedoch kam uns die Idee, dass Unternehmen sich jederzeit gerne auszeichnen lassen, wenn es dem Umsatz zuträglich ist. Als Bio in wurde, prangte uneinheitliche Bio-Embleme von allen Produkten – der Kunde hat’s gewollt. Ähnlich verhält es sich mit den Gütesiegeln, die Stiftung Warentest ausgibt, auch diese kleben Unternehmen bereitwillig auf ihre Produkte. Sollte es also gelingen, eine Plakette zu etablieren, die in irgendeiner Form ökologische Nachhaltigkeit (Bio, andere Kriterien), Wertigkeit und verantwortungsvolle Wirtschaft (dies müsste allerdings weit über Fair Trade hinausgehen) in einer sinnvollen Zusammensetzung (ökologische und wirtschaftsethische Gesichtspunkte sollten der Wertigkeit unbedingt übergeordnet sein) vereint, könnte ein Gros der Unternehmen diese Plakette annehmen.
plan
Die einzelnen Ressorts würden unabhängig von ihrer Arbeit weiter bestehen und arbeiten können (ein neuer Opel kann ja im Crashtest gut abschneiden und vom ADAC Bestnoten bekommen, aufgrund unverhältnismäßiger Massenentlassungen hingegen die Plakette nicht erhalten), ihre Ergebnisse aber prozentual in einen Plakettenreport einfließen lassen. Die Plakettenkomission die Ergebnisse der einzelnen Interessenverbände zusammentragen, daraus resultierend viertel- oder halbjährig Berichte vorlegen, wem die Plakette warum entzogen oder ggf. verliehen wird. Zudem könnte die Kommission die Richtlinien zur Vergabe der Plakette verschärfen (allerdings nicht abschwächen, um Lobbyarbeit zu verhindern), worauf die Wirtschaft dann in einem gegebenen Zeitraum (ungefähr ein Jahr) zu reagieren hätte. Die Zusammensetzung der Kommission aus Umweltgruppen, Sozial- und Verbraucherschutzverbänden würde deren Unabhängigkeit garantieren und eine Negativentwicklung wie beim Biosiegel verhindern. Eine solche Plakette, dies verdient einen gesonderten Hinweis, wäre jedoch nicht unter wirtschaftsethischen Voraussetzungen allein sinnvoll, auch der Umweltschutz würde gewinnen. Denn auch wenn Umweltverschmutzung kein Luxusproblem ist, kommt mit Brecht immer erst das Fressen, dann die Moral. Erst ab einem gewissen Lebensstandard kann man sich Umweltschutz erlauben, einen solchen für jedermann zu gewährleisten ist notwendige Bedingung für das Erreichen des Primärziels Umweltschutz. tbc.

Fühlt euch frei diese roh skizzierte und unausgereifte Idee zu verbreiten, zu diskutieren und zu verbessern. Vielleicht wird ja was draus.