Wenn Schäume Träume werden

Lange hatte ich aufgeschoben die aktuelle Ausgabe von Mono.Kultur zu lesen. Was Tilda Swinton Interessantes zu sagen haben sollte, ging mir nicht auf. Eine Stunde Aufenthalt in Manchester Central ließen mich dann doch zur Zeitschrift greifen, die, wie eigentlich immer, eine vollauf überzeugende Ausgabe auf die Beine gestellt hat (Bei all der Schleichwerbung sollte nicht unerwähnt bleiben, dass kürzlich der Heftpreis angehoben wurde). Man kann zu Mrs. Swinton stehen wie man will – mir persönlich stößt ihre ostentative Inszenierung als Independentkünstler („Ich arbeite in Hollywood nur um zu Spionieren“) sauer auf – fraglos ist sie jedoch eine vielseitig engagierte Künstlerin, soviel ist dem Heft zu entnehmen. Lediglich ein Punkt des Interviews soll hier gesondert hervorgehoben werden, nämlich die von Swinton gemeinsam mit Mark Cousins gegründete Stiftung 8 1/2. Eben diese Eightandahalf Foundation hat es sich zum Ziel gemacht, einen achteinhalbsten Geburtstag zu installieren, in dem persönlicher und öffentlicher Feiertag kulminieren. Das „Geburtstagkind“ bekommt zu dem jeweiligen Datum einen Film zugesandt, der aus einer auf der Website der Stiftung einsehbaren Auswahl stammt, wobei diese sich nach einer Vorstellung von Kino zusammenzusetzen scheint, die einem kinematographischen Realismus entgegen steht. Dies geht zumindest aus einem Brief mit Manifestcharakter hervor, den Swanton in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichte. Der Brief mit Adressatenfiktion an ihren Sohn, greift Ideen von Deleuze und Adorno/Horkheimer auf, sprich leitet ein träumerische Poetik aus der historischen Nähe des Kinos zur Psychoanalyse ab: „We live in the inverted commas “reality” age – ever awake, too tired and chewed to dream, square-eyed, and addicted to the reality of tv…from getting to know realllll people to getting to cook reallll food to getting to dress realllll bodies… all playing at life. (…) The state of cinema IS a dream state. No known address. Occupied, dictated, created by no one. When it comes to moving goalposts, what art form could be described as more flexible than film?“ Das alles ist ein bisschen kitschig und emphatisch feucht, aber wen kümmert das, wenn das Ergebnis so ausfällt. Auf der Website sind bisher „The Red Shoes“, „The King of Masks“, Tati’s „Mon Oncle“ und „The Steamroller and the Violin“ von Andrei Tarkovsky, wobei das Register vermutlich noch ergänzt wird. Tipps dafür gibt’s ebenfalls von der Mono.Kultur, die dezent in das Interview eingeflochten sind.