Verfall und Form. Scharounschule in Marl vergammelt

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Am kürzlich begangenen „Tag des Denkmals“ startete die anthroposophische Christengemeinschaft Bochum einen Spendenaufruf für ihre Johanneskirche. Einige Verfallserscheinungen an der 1966 erbauten Kirche machen Renovierungsarbeiten nötig, heißt es, zu nichts Geringerem als dem „Erhalt der Johanneskirche“ wurde aufgerufen. Wenn auch Aufruf und Renovierung nicht ohne Berechtigung sind, so scheinen doch die Maßnahmen überzogen im Verhältnis zu einem nicht wesentlich älteren Bau des Architekten Hans Scharoun. Die Rede ist scharoun2 von der Haupt- und Grundschule Marl, inzwischen Scharounschule, wobei die Umbenennung allenfalls scheinbar einer Ehrbezeugung des Architekten geschuldet ist, sondern vielmehr ihren Grund in der Verweisung des Gebäudes hat – die Scharounschule ist heuer weder Haupt- noch Grundschule. Zwar rühmt die Stadt Marl auf ihrem Internetauftritt den Bau als „Meisterwerk der Moderne“ und zählt ihn zu den scharoun3 „bedeutenden Neubauten in Marl nach dem 2. Weltkrieg“, Gelder pumpt sie allerdings nicht in ihn. Nun hat Marl, eine Druckstelle an der Grenze von Ruhrgebiet und Münsterland, seit der Übernahme der Hüls AG durch die Degussa finanziell wenig bis keinen Handlungsspielraum, rutscht viel mehr von einer Haushaltssperre in die nächste. Dennoch, große Teil der Verwahrlosung anheim fallen zu lassen scheint Teil einer hartnäckigen Aussitztaktik zu sein, die selbst dem dicksten Oggersheimer aller Zeiten Ehre gemacht hätte. Verzögerte Sanierungen haben die scharoun4 Kosten inzwischen unnötig in die Höhe getrieben, zusätzlich argumentiert man inzwischen mit dem demographischen Wandel, der eine der vielen Grundschulen unnötig mache. Dem kann man zustimmen, was jedoch in der Konsequenz keine Aufgabe des Gebäudes nach sich ziehen muss. Zurzeit beheimatet die Scharounschule keine Klassen, und das wird sich – schade oder nicht – auch nicht mehr ändern. Trotzdem sollte es möglich sein, Konzepte zur sinnvollen Nutzung des Gebäudes zu entwickeln, welche die gegenwärtige Nutzung durch Musikschule und ein offenes Atelier mit dem sinnigen Namen TuDu durch Abend- und Volkshochschulkurse, vielleicht sogar Büroräume ergänzt. Leider gelingt dies einem eigens gegründeten Initiativkreis nicht im Geringsten, der sich nach wie vor an einen Erhalt im Sinne der scharounschen Raumpädagogik klammert.
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Der Knackpunkt bleibt in jedem Fall die Finanzierung eines irgendwie gearteten Sanierungskonzeptes, da durch fehlende Ideen auch der Zugang zu den Fleischtöpfen des Ruhrgebiets 2010 verschlossen blieb. Ehemalige Scharounschüler und Architekturfreunde, die mit Hand und Geld helfen, sollte es dennoch genug geben, nicht zuletzt, da seitens des Bundes Deutsche Architekten für den Erhalt geworben wird. Union Berlin hat’s erst kürzlich vorgemacht, und die „Alte Försterei“ mit viel Schweiß und wenig Geld saniert; vielleicht ein Modell für den scharoun6 Initiativkreis Scharoun-Schule. Dort fehlt es aber zunächst an Elementarem wie Öffentlichkeitsarbeit. Eine Website könnte helfen.
Gänzlich ohne Reiz ist ein Streifzug durch das Gebäude im jetzigen Zustand doch durchaus nicht. Vom noch genutzten Eingangsbereich ausgehend erschließt sich die organische Bauweise Scharouns, in dessen Verständnis das Haus als dritte Haut nicht absolut vom Unkulturraum Natur abgegrenzt ist. Asymmetrie, starker Lichteinfall und integrierte Grünanlagen lassen Kultur und Natur im Bauwerk oszillieren. „Das Absolute gestaltet sich durch das Gerade. Maleri und Baukunst sind nach der neuen Ästhetik die konsequente Durchführung einer scharoun7 Komposition des Geraden in einander sich aufhebender Gegenüberstellung, also eine Vielheit der Zweiheit der unveränderlichen, rechtwinkligen Position“.1 Wo Mondrian zurückrechnet auf das Absolute, sucht Scharoun nach einer integrativen Ästhetik. Rechte Winkel sind daher bei ihm mehr Ausnahme den Regel. Durch die Verrottung einiger Flügel verschiebt sich die Oszillation verstärkt zur Natur, die Architektur wird verstärkt organisch. Das ist interessant für’s Auge, aber wohl kaum im Sinne des Architekten. Darum: Erhaltet die Scharounschule!

  1. Mondrian, Piet: Muß die Malerei der Architektur unterlegen sein? In: Jaffé, H.L.C.: Mondrian un De Stijl. Köln 1967, S.187f. [zurück]

Anbei weitere Photos:
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1 Antwort auf „Verfall und Form. Scharounschule in Marl vergammelt“


  1. 1 Verfall und Form. Scharounschule in Marl vergammelt « Moritz Bananeng | Blog Germany - Easy anda Fast Blog Search Pingback am 17. September 2009 um 13:12 Uhr
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