Archiv für September 2009

Hinter der Stochastik

Statistics have been used to paint a picture of our lives and behaviors, but do we recognize ourselves in the numbers? Faced with rare facts, how do we react?
Dies hat sich schon so mancher gefragt, doch im Rahmen der Biennale 2008 ist diese Frage raumgreifend in einem Kunstprojekt umgesetzt worden. Auf Fassaden steht in kleinen Lettern das Ergebnis einer statistischen Erhebung, aus der in großen Lettern eine Frage abgeleitet wird. Häufig leuchtet die Verbindung zwischen den beiden Sätzen nicht direkt ein, was aber durchaus dem Projekt zugute kommt. Denn hier stellt sich doch die Frage, wieviel sagen Statistiken wirklich aus? Wie sind sie zu lesen? Wer legt ihre Aussagekraft fest? Denn, auch wenn es inzwischen dem letzten klar sein sollte: Statistiken sind bei Weitem nicht so aussagekräftig, wie Politiker und Medienschaffende uns glauben machen wollen. Das Zitieren von Statistiken ist vielmehr ein rhetorisches Mittel, dass seine Durchschlagskraft dem Umstand verdankt, dass es eben keine vollständige Zahlenkette präsentiert. Zu solchen Zwecken arp1 greift man auf bestimmte Werte aus Statistiken zurück, die isoliert einen explosiven Charakter haben. Statistiken wollen gelesen sein, und Lesen ist immer auch Interpretieren. Weiter ist der räumliche Faktor des Projekts interessant. Im lebensweltlichen Raum, in dem man auf die Arbeiten stößt, registriert man die Verweise auf seine Website, was eine Verschiebung in die Virtualität nach sich zieht. Im Internet lassen sich die gestellten Fragen beantworten, womit wiederum in eine Statistik gesprungen wird. Hervorzuheben ist zudem die typographische und farbliche Reduktion, die den Fokus auf die Message und deren direkte Umgebung lenkt – denn auch der Ort ist nicht irrelevant, vielmehr sind die meisten der Nachrichten auf die Stadt Liverpool zugeschnitten. Man kann sich innerhalb Liverpools kaum dem Projekt entziehen, so markant prägt es den urbanen Raum dieser Stadt. Ob alles in den engen Grenzen des Legalen bleibt, vermag ich nicht zu sagen. Einerseits findet das Projekt zwar im Rahmen der Biennale statt, andererseits halte ich für unwahrscheinlich, dass die Universität ihre brandneuen Fassaden solch einem Projekt überlässt. Es riecht also nach culture jamming!
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Ain‘t it funny? (Der Komödie zweiter Teil)

Roger Caillois ist ein schlauer Mensch, da beißt die Maus keinen Faden ab. In dem uneingeschränkt zu empfehlende Buch „Die Spiele und die Menschen. Wahnsinn und Maske“ entwickelt er einen Gedanken, der an dieser Stelle weiter geführt, oder, um beim Faden zu bleiben, wieder aufgenommen werden soll. Wobei ich mir nicht anmaße auf ähnlichem Niveau zu operieren – aber dennoch. Bekanntlich entwickelt Caillois eine Soziologie des Spiels, die auf einer Kategorisierung des selben in die vier Klassen agon (Wettkampf), alea (Chance), mimikry (Maske) und ilinx (Rausch) fußt. Diese Kategorien treten zumeist in Kombination auf, wobei agon/alea und mimikry/ilinx die häufigsten Paarungen sind. Diese Pärchen sind für Caillois zudem Stufen eines evolutionistischen Modells von Gemeinschaft – welches Anthropologen allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht durchwinken würden –, nach dem unsere „modernen“ Gesellschaften größtenteils agonisch-aleatisch funktionieren, „primitivere“ Gesellschaften, Stämme etc., sich hingegen durch Rausch und Maske organisieren. Als Beispiel dafür nennt er beispielsweise religiöse Kulte. Interessant daran ist, dass Caillois über den Wechsel von einer Stufe zur nächsten spekuliert, und in diesem Zusammenhang der Satire eine zentrale Funktion zuweist. Die Satire nämlich habe die rauschhaften Rituale als Aberglaube demaskiert, indem das Ritual von jemand Unbefugtem wiederholt und damit als wirkungslose Machtnahme bloßgestellt wurde. Man könnte dies als kleine Variation der bachtinschen Karnevalstheorie betrachten, die dessen horizontales Modell von Kultur und Gegenkultur in die Vertikale setzt. Diese geringfügige Änderung hat jedoch den weitreichenden Effekt, dass der Satire – also das Sekundäre, das Zitat – entwicklungsgeschichtlich ein größerer Stellenwert zukommt als dem Primären, dem Werk, wenn man so möchte.
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Wie aber erklärt sich, dass unsere „moderne“ Gesellschaft, die doch ihren modernenen Status der Satire (oder etwas derartigem, Sekundärem) zu verdanken hat, es eher mit Goethe’s, denn Nicolai’s Werther hält? Zugegeben, das Beispiel ist schlecht gewählt, ist doch die Wertheriade des Aufklärers Goethe’s Text qualitativ unterlegen. Dennoch lässt sich konstatieren, dass wir im Allgemeinen eher dem Tragischen zugetan sind, welches ebenfalls Teil des primären Komplexes ist. Dafür exemplarisch ist vielleicht „Der junge Gelehrte“ von Lessing, eine Komödie, die das Tragische und Seriöse als Pappkamerad enthält, das zur allgemeinen Erheiterung Prügel bezieht, wie dies ganz praktisch in barocken Komödien der Fall gewesen ist. Klar, hier scheint erneut Bachtin durch; die Tragödie wie hier skizziert, ist eher monologisch, dialogisch hingegen die Komödie. Im Unterschied zu Bachtin findet sich bei Caillois jedoch kein geschlossener Kosmos, der sich gegenseitig bedingt – wie auch Tragödie und Komödie strukturell geschlossen, also zwei Seiten einer Medallie, sind; insofern ist dieses Beispiel eventuell irreführend –, sondern, wie gesagt, ein Stufenmodell. Übernehmen kann man von Bachtin das repressive Moment alles Monologischen, was nur der Karneval aufzubrechen imstande ist. Dies ist ein wichtiger Punkt: nicht das Sekundäre und Komödiante mit Montage, Plagiaten, Spielen zerstört, sondern das Primäre, Tragische mit seinem repressiven Kern und dem Ideal von Ordnung und Einheit unterdrückt ein und verdient seine „Zersetzung“, wie Goebbels diesen Vorgang nannte, unter umgekehrten Vorzeichen wohlmerkt. Das der aristotelischen Poetik ein zweiter Teil – die Komödie – fehlt, ist eine Tatsache, die Gründe dafür bleiben Spekulation. Durchaus ernstzunehmen ist meiner Meinung nach aber der von Umberto Eco literarisch ausgeschlachtete Verdacht, der Poetik zweiter Teil sei im Mittelalter vernichtete worden. Wie Jorge von Burgos im Roman sagt: „Lachen tötet die Furcht. Und ohne Furcht kann es keinen Glauben geben.“ Nichts anderes meint die Textstelle bei Caillois. Die Hegemonie der Tragödie ist Repression, meine Damen und Herren.

Ain‘t it funny?

Roger Caillois ist ein schlauer Mensch, da beißt die Maus keinen Faden ab. In dem uneingeschränkt zu empfehlende Buch „Die Spiele und die Menschen. Wahnsinn und Maske“ entwickelt er einen Gedanken, der an dieser Stelle weiter geführt, oder, um beim Faden zu bleiben, wieder aufgenommen werden soll. Wobei ich mir nicht anmaße auf ähnlichem Niveau zu operieren – aber dennoch. Bekanntlich entwickelt Caillois eine Soziologie des Spiels, die auf einer Kategorisierung des selben in die vier Klassen agon (Wettkampf), alea (Chance), mimikry (Maske) und ilinx (Rausch) fußt. Diese Kategorien treten zumeist in Kombination auf, wobei agon/alea und mimikry/ilinx die häufigsten Paarungen sind. Diese Pärchen sind für Caillois zudem Stufen eines evolutionistischen Modells von Gemeinschaft – welches Anthropologen allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht durchwinken würden –, nach dem unsere „modernen“ Gesellschaften größtenteils agonisch-aleatisch funktionieren, „primitivere“ Gesellschaften, Stämme etc., sich hingegen durch Rausch und Maske organisieren. Als Beispiel dafür nennt er beispielsweise religiöse Kulte. Interessant daran ist, dass Caillois über den Wechsel von einer Stufe zur nächsten spekuliert, und in diesem Zusammenhang der Satire eine zentrale Funktion zuweist. Die Satire nämlich habe die rauschhaften Rituale als Aberglaube demaskiert, indem das Ritual von jemand Unbefugtem wiederholt und damit als wirkungslose Machtnahme bloßgestellt wurde. Man könnte dies als kleine Variation der bachtinschen Karnevalstheorie betrachten, die dessen horizontales Modell von Kultur und Gegenkultur in die Vertikale setzt. Diese geringfügige Änderung hat jedoch den weitreichenden Effekt, dass der Satire – also das Sekundäre, das Zitat – entwicklungsgeschichtlich ein größerer Stellenwert zukommt als dem Primären, dem Werk, wenn man so möchte. tbc.

Wenn Schäume Träume werden

Lange hatte ich aufgeschoben die aktuelle Ausgabe von Mono.Kultur zu lesen. Was Tilda Swinton Interessantes zu sagen haben sollte, ging mir nicht auf. Eine Stunde Aufenthalt in Manchester Central ließen mich dann doch zur Zeitschrift greifen, die, wie eigentlich immer, eine vollauf überzeugende Ausgabe auf die Beine gestellt hat (Bei all der Schleichwerbung sollte nicht unerwähnt bleiben, dass kürzlich der Heftpreis angehoben wurde). Man kann zu Mrs. Swinton stehen wie man will – mir persönlich stößt ihre ostentative Inszenierung als Independentkünstler („Ich arbeite in Hollywood nur um zu Spionieren“) sauer auf – fraglos ist sie jedoch eine vielseitig engagierte Künstlerin, soviel ist dem Heft zu entnehmen. Lediglich ein Punkt des Interviews soll hier gesondert hervorgehoben werden, nämlich die von Swinton gemeinsam mit Mark Cousins gegründete Stiftung 8 1/2. Eben diese Eightandahalf Foundation hat es sich zum Ziel gemacht, einen achteinhalbsten Geburtstag zu installieren, in dem persönlicher und öffentlicher Feiertag kulminieren. Das „Geburtstagkind“ bekommt zu dem jeweiligen Datum einen Film zugesandt, der aus einer auf der Website der Stiftung einsehbaren Auswahl stammt, wobei diese sich nach einer Vorstellung von Kino zusammenzusetzen scheint, die einem kinematographischen Realismus entgegen steht. Dies geht zumindest aus einem Brief mit Manifestcharakter hervor, den Swanton in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichte. Der Brief mit Adressatenfiktion an ihren Sohn, greift Ideen von Deleuze und Adorno/Horkheimer auf, sprich leitet ein träumerische Poetik aus der historischen Nähe des Kinos zur Psychoanalyse ab: „We live in the inverted commas “reality” age – ever awake, too tired and chewed to dream, square-eyed, and addicted to the reality of tv…from getting to know realllll people to getting to cook reallll food to getting to dress realllll bodies… all playing at life. (…) The state of cinema IS a dream state. No known address. Occupied, dictated, created by no one. When it comes to moving goalposts, what art form could be described as more flexible than film?“ Das alles ist ein bisschen kitschig und emphatisch feucht, aber wen kümmert das, wenn das Ergebnis so ausfällt. Auf der Website sind bisher „The Red Shoes“, „The King of Masks“, Tati’s „Mon Oncle“ und „The Steamroller and the Violin“ von Andrei Tarkovsky, wobei das Register vermutlich noch ergänzt wird. Tipps dafür gibt’s ebenfalls von der Mono.Kultur, die dezent in das Interview eingeflochten sind.

Verfall und Form. Scharounschule in Marl vergammelt

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Am kürzlich begangenen „Tag des Denkmals“ startete die anthroposophische Christengemeinschaft Bochum einen Spendenaufruf für ihre Johanneskirche. Einige Verfallserscheinungen an der 1966 erbauten Kirche machen Renovierungsarbeiten nötig, heißt es, zu nichts Geringerem als dem „Erhalt der Johanneskirche“ wurde aufgerufen. Wenn auch Aufruf und Renovierung nicht ohne Berechtigung sind, so scheinen doch die Maßnahmen überzogen im Verhältnis zu einem nicht wesentlich älteren Bau des Architekten Hans Scharoun. Die Rede ist scharoun2 von der Haupt- und Grundschule Marl, inzwischen Scharounschule, wobei die Umbenennung allenfalls scheinbar einer Ehrbezeugung des Architekten geschuldet ist, sondern vielmehr ihren Grund in der Verweisung des Gebäudes hat – die Scharounschule ist heuer weder Haupt- noch Grundschule. Zwar rühmt die Stadt Marl auf ihrem Internetauftritt den Bau als „Meisterwerk der Moderne“ und zählt ihn zu den scharoun3 „bedeutenden Neubauten in Marl nach dem 2. Weltkrieg“, Gelder pumpt sie allerdings nicht in ihn. Nun hat Marl, eine Druckstelle an der Grenze von Ruhrgebiet und Münsterland, seit der Übernahme der Hüls AG durch die Degussa finanziell wenig bis keinen Handlungsspielraum, rutscht viel mehr von einer Haushaltssperre in die nächste. Dennoch, große Teil der Verwahrlosung anheim fallen zu lassen scheint Teil einer hartnäckigen Aussitztaktik zu sein, die selbst dem dicksten Oggersheimer aller Zeiten Ehre gemacht hätte. Verzögerte Sanierungen haben die scharoun4 Kosten inzwischen unnötig in die Höhe getrieben, zusätzlich argumentiert man inzwischen mit dem demographischen Wandel, der eine der vielen Grundschulen unnötig mache. Dem kann man zustimmen, was jedoch in der Konsequenz keine Aufgabe des Gebäudes nach sich ziehen muss. Zurzeit beheimatet die Scharounschule keine Klassen, und das wird sich – schade oder nicht – auch nicht mehr ändern. Trotzdem sollte es möglich sein, Konzepte zur sinnvollen Nutzung des Gebäudes zu entwickeln, welche die gegenwärtige Nutzung durch Musikschule und ein offenes Atelier mit dem sinnigen Namen TuDu durch Abend- und Volkshochschulkurse, vielleicht sogar Büroräume ergänzt. Leider gelingt dies einem eigens gegründeten Initiativkreis nicht im Geringsten, der sich nach wie vor an einen Erhalt im Sinne der scharounschen Raumpädagogik klammert.
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Der Knackpunkt bleibt in jedem Fall die Finanzierung eines irgendwie gearteten Sanierungskonzeptes, da durch fehlende Ideen auch der Zugang zu den Fleischtöpfen des Ruhrgebiets 2010 verschlossen blieb. Ehemalige Scharounschüler und Architekturfreunde, die mit Hand und Geld helfen, sollte es dennoch genug geben, nicht zuletzt, da seitens des Bundes Deutsche Architekten für den Erhalt geworben wird. Union Berlin hat’s erst kürzlich vorgemacht, und die „Alte Försterei“ mit viel Schweiß und wenig Geld saniert; vielleicht ein Modell für den scharoun6 Initiativkreis Scharoun-Schule. Dort fehlt es aber zunächst an Elementarem wie Öffentlichkeitsarbeit. Eine Website könnte helfen.
Gänzlich ohne Reiz ist ein Streifzug durch das Gebäude im jetzigen Zustand doch durchaus nicht. Vom noch genutzten Eingangsbereich ausgehend erschließt sich die organische Bauweise Scharouns, in dessen Verständnis das Haus als dritte Haut nicht absolut vom Unkulturraum Natur abgegrenzt ist. Asymmetrie, starker Lichteinfall und integrierte Grünanlagen lassen Kultur und Natur im Bauwerk oszillieren. „Das Absolute gestaltet sich durch das Gerade. Maleri und Baukunst sind nach der neuen Ästhetik die konsequente Durchführung einer scharoun7 Komposition des Geraden in einander sich aufhebender Gegenüberstellung, also eine Vielheit der Zweiheit der unveränderlichen, rechtwinkligen Position“.1 Wo Mondrian zurückrechnet auf das Absolute, sucht Scharoun nach einer integrativen Ästhetik. Rechte Winkel sind daher bei ihm mehr Ausnahme den Regel. Durch die Verrottung einiger Flügel verschiebt sich die Oszillation verstärkt zur Natur, die Architektur wird verstärkt organisch. Das ist interessant für’s Auge, aber wohl kaum im Sinne des Architekten. Darum: Erhaltet die Scharounschule!

  1. Mondrian, Piet: Muß die Malerei der Architektur unterlegen sein? In: Jaffé, H.L.C.: Mondrian un De Stijl. Köln 1967, S.187f. [zurück]

Anbei weitere Photos:
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