Ungesehen gut: „The Fall“

„Die Totalität der Kulturindustrie. Sie besteht in Wiederholung. Daß ihre charakteristischen Neuerungen durchweg bloß in Verbesserungen der Massenproduktion bestehen, ist dem System nicht äußerlich.“1 . Soweit die aus dem kalifornischen Exil ätzenden Großväter Adorno und Horkheimer, die schon in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts treffend diagnostizierten, was heute noch auf Cameron, Spielberg, Petersen und Konsorten zutrifft. Sind deren Filme bloß eine devote Beweihräucherung des technischen status quo, Arbeitet Tarsem Singh sich am entgegengesetzten Ende der Skala ab. „Zeitlosigkeit“ als Prädikat sollte auf jeder seiner DVD‘s prangen. Auf eine solche wird auch die Mehrheit von uns auch angewiesen sein, sollten wir „The Fall“ anschauen wollen, denn in Deutschland zeigen leider nur wenige Kinos den Film. Das war bei „The Cell“ noch anders, was sicher auch an Jennifer Lopez gelegen haben mag, die seinerzeit die Hauptrolle der Catherine gespielt hatte. So oder
the fall
so, wie schon „The Cell“ wird auch Singh’s neuster Film keine Staffage zur Zelebration von Technik sein, vielmehr hat der Zuschauer unter Garantie den Eindruck, von der Straße in einen Traum zu steigen, sind doch seine Arbeiten immer von einer bildmächtigen Schönheit gekennzeichnet, die aktuell nur schwer zu überbieten ist. Neben dem schon genannten Vorgängerfilm mögen das der Levi`s Spot „The Swimmer“, der auf eine Kurzgeschichte von John Cheever und dessen Verfilmung mit Burt Lancaster zurück geht, sowie das inzwischen legendäre Musikvideo zu R.E.M.‘s „Losing my Religion“, indem Singh Caravaggio mit Pierre et Gilles kontrastierte, nebenbei auch noch eine Verschränkung mit Derek Jarman leistet, unterstreichen. Übrigens bieten sowohl „The Cell“, als auch „Losing my Religion“ eine Rezeption mit den Frankfurter Großvätern Horkheimer/Adorno an, spielt die Technik doch nicht nur für Singh’s Kunstverständnis eine Rolle, sondern ist ebenfalls auf der Handlungsebene ein Faktor. In jedem Fall ist es lohnenswert, seine Zeit in Tarsem Singh zu investieren und durch schöne Bilder dem beschädigten Leben zeitweilig zu entkommen. Dass eine solche Ästhetik in unserer Gesellschaft nicht konsensfähig, kann mit den beiden Dialektikern durchaus als Auszeichnung betrachtet werden.

  1. Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt/M. 1988, S. 144. [zurück]